Nr. 32/2013 vom 08.08.2013

Rücken, hart wie Tischplatten

Am Tag massiert Tabea Oppliger Bürolisten, Hausfrauen und Hausmänner, in der Nacht Prostituierte am Zürcher Sihlquai. Sie will den Frauen das Gefühl für ihren Körper zurückgeben.

Von Adrian Soller (Text) und Ursula Häne (Foto)

«Freiwillig macht diese Arbeit keine der Frauen»: Tabea Oppligers Massagen sind eine kurze Atempause für Sexarbeiterinnen am Zürcher Sihlquai.

«Act, sei aktiv» ist auf ihrem Armreif zu lesen. Immer dann jedenfalls, wenn dieser gerade nicht dem Rhythmus ihrer Handbewegung folgt – dann also, wenn Tabea Oppliger für einen Augenblick innehält. Doch solche Momente sind selten an diesem Abend. Meistens sind die Hände der 35-Jährigen in Bewegung.

Es ist kurz vor Mitternacht, als Oppliger den fünften Frauenrücken in dieser Nacht zu massieren beginnt. Unter der Woche arbeitet die diplomierte Masseurin tagsüber in ihrem eigenen Massagesalon. Sonntags aber arbeitet sie nachts – und massiert Prostituierte, die am Zürcher Sihlquai auf dem Strassenstrich arbeiten. Dafür benutzt sie – zusammen mit zwei Sozialarbeiterinnen und einem Übersetzer – einen von der Stadt kostenlos zu Verfügung gestellten Aufenthaltsraum.

Abgeschaltete Körper

Oppliger will den Frauen damit «eine kurze Atempause gönnen». In einer Nacht können so rund zwanzig Frauen für einmal etwas entspannen. Eben gerade lässt sich eine junge Ungarin das Kreuz massieren. Es schmerzt sie wegen der Stilettos. «Normalerweise», so Oppliger, «ist es einfach, die Haut über dem Muskel zu lockern.» Die Rücken vieler Sexarbeiterinnen aber seien hart wie eine Tischplatte.

Oft seien die Prostituierten so angespannt, dass sie sich kaum mehr massieren liessen. Oppliger berührt die Frauen darum nur sehr behutsam. Sie weiss genau, dass sie bei Prostituierten besonders vorsichtig vorgehen muss – schliesslich massiert sie sie bereits seit vier Jahren.

Angefangen hat alles nach einem Vortrag zum Thema «Menschenhandel». Zufällig begleitete sie eine Kollegin an eine Tagung. Die dort vorgestellten Zahlen und Fakten liessen Oppliger nicht mehr los. Erst spendete sie Geld an eine Non-Profit-Organisation, dann lancierte sie eine eigene Idee. Von einem Tag auf den anderen beschloss sie zu handeln.

Anfangs sei sie wohl ziemlich naiv gewesen, sagt Oppliger, während sie ihre Daumen kreisen lässt. Sie wollte etwas Gutes tun. Einfach etwas machen, was sie wirklich gut kann – massieren eben. Was eine Massage für die Sexarbeiterinnen bedeuten könnte, sei ihr damals noch nicht bewusst gewesen. Heute weiss Oppliger: Die meisten Frauen spüren ihren Körper kaum mehr.

«Sie schalten ihren Körper ab», sagt Oppliger. Massiert sie die Frauen zum ersten Mal, weinen viele. Und jene, die nicht weinen, sind oft nervös und misstrauisch, schauen über ihre Schultern hoch zu Oppliger, möchten die Situation kontrollieren. Mit der Zeit aber fassen sie Vertrauen. Umso wichtiger sei es, niemandem eine Massage aufzuschwatzen.

Tabea Oppliger verteilt Sandwiches und gibt Getränke aus – die Massage selbst bietet sie den Frauen eher beiläufig an, ganz so, als fragte sie eine Freundin, ob sie noch etwas aus dem Coop brauche. Den meisten Frauen, die Oppliger schon länger kennen, gelingt es dann tatsächlich, sich während der Massage zu entspannen.

Die nächste Frau in dieser Nacht, auch sie Ungarin, schliesst ihre Augen – und lächelt. Für einen Moment scheint sie mit ihren Gedanken irgendwo anders zu sein – vielleicht zu Hause, vielleicht bei ihrer Familie, vielleicht bei ihren Kindern. Weit weg vom Sihlquai, weit weg von jenem Ort, wo sie und ihre Kolleginnen regelmässig angespuckt, ausgeraubt, bedroht, geschlagen oder aus fahrenden Autos gestossen werden.

Unmittelbar nach der Massage spannt die junge Frau ihren Körper wieder an. Mehr als eine kurze Atempause sei es eben meist nicht, erzählt Oppliger. Bestenfalls könne sie den Frauen noch eine Ahnung von einer Perspektive geben, ihnen zeigen, dass es in der Schweiz mehr als nur Freier und Zuhälter gebe.

Umzug zu den Sexboxen

Manchmal fühlt sich Oppliger ohnmächtig. Die meisten Frauen würden in den ersten Wochen in der Schweiz den Glanz in ihren Augen verlieren. Ihre Mienen seien dann meist regungslos. Oppliger geht davon aus, dass viele der Prostituierten an Depressionen leiden. Manchmal trifft sie auf Frauen, die nicht einmal wissen, in welcher Stadt sie gerade sind. Viele Frauen am Sihlquai, vermutet Oppliger, sind Opfer von Menschenhandel. Das sei zwar schwer zu beweisen – wer wie sie die Körper der jungen Frauen berühre, der wisse aber: Freiwillig macht diese Arbeit keine.

Die Frauen nach der Massage wieder auf die Strasse zu lassen, sei das Schlimmste an ihrer Arbeit. Nach ihrer dreistündigen Schicht, morgens um zwei, sei ihr Gefühl oft zwiespältig, erzählt Oppliger. Gerne würde sie viel mehr für die Frauen tun, sagt sie.

Ende August soll der Strich am Sihlquai weitgehend geschlossen werden. Stattdessen werden dann die Sexboxen in Zürich Altstetten eröffnet. Die Behörden hoffen, dass sich dadurch die Situation der SexarbeiterInnen ein wenig verbessert. Oppliger plant, auch dort ihre Massagen anzubieten.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch