Nr. 21/2013 vom 23.05.2013

Nach der Vorführung ist noch lange nicht Schluss

Angefangen hat alles, als Sylvie Okle bei der Reparatur eines Kinoprojektors half. Nun führt sie in Schaffhausen ein Programmkino. Wenn sich andere schlafen legen, wird Okle nachtaktiv.

Von Patrik Maillard (Text) und Andreas Bodmer (Foto)

Sylvie Okle: «Das Schöne an der Nachtarbeit ist, dass ich weiss, ich könnte täglich ausschlafen.»

Sylvie Okle betreibt seit sieben Jahren das Programmkino Kiwi Scala in der Altstadt von Schaffhausen. Die 46-Jährige führt Filme vor, ist für den wirtschaftlichen Erfolg verantwortlich, leitet das Team und übernimmt auch Hauswartungsaufgaben.

Darauf, welche Filme in ihrem Kino gespielt werden, hat Okle wenig Einfluss, da die Programmation zentral für alle fünf Kiwi-Kinos (22 Säle) in der Schweiz gemacht wird. Die Geschäftsführerin organisiert aber regelmässig Vorpremieren und Retrospektiven von Filmen, die in einem Schaffhauser Zusammenhang stehen. Für solche Anlässe erstellt Sylvie Okle Programmhefte und gestaltet Flyer.

Okle führt durch das Kino, zeigt die beiden Säle und betritt dann den Vorführraum des Scala 1. Sie erklärt die Funktionsweise des 35-mm-Projektors, der sich mit wenigen Handgriffen für 16-mm-Filme umrüsten lässt, schwärmt von den Möglichkeiten des digitalen Vorführgeräts und der Dolby-Surround-Anlage. Auf engstem Raum findet sich hier alles, was es für ein zeitgemässes Filmerlebnis braucht. «Ich liebe Filme, gehe regelmässig an Filmfestivals, knüpfe und pflege Kontakte zur Filmwelt. Dennoch ist es in erster Linie die Technik, die mich begeistert.» Gerne nimmt sie, wenn nötig, die komplexen Maschinen auseinander, um sie zu warten oder zu reparieren.

Geräusche aus dem Projektionsraum

Schon als Kind hat Sylvie Okle mit ihrer Fotokamera die Welt erkundet. Als junge Frau arbeitete sie in der Fotogalerie des alternativen Kulturzentrums Gems in Singen mit. Dort gab es auch ein kleines Kino, und Okle nahm öfter mal den Schlüssel vom Brett und schaute sich die Filme ganz für sich auf Grossleinwand an. Sie begann, sich für die Kunst der bewegten Bilder zu begeistern. Dass sie heute Geschäftsleiterin eines Arthouse-Kinos ist, ist also nicht nur dem Zufall zu verdanken; dennoch spielte dieser mit.

«Ich machte in Schaffhausen ein Praktikum in einem Couture-Atelier. Die Räumlichkeiten lagen direkt über dem Kino Scala. Eines Tages hörte ich seltsame Geräusche aus dem Projektionsraum.» Es habe «gar nicht gut getönt», deshalb sei sie runter ins Kino gegangen und habe mit dem Operateur nach einer Lösung gesucht. Okles technisches Geschick fiel auch der damaligen Kinobesitzerin auf, und sie bot Okle einen Job als Hausabwartin an. Okle sagte unter der Bedingung zu, dass sie sich in Lausanne nebenberuflich zur «opératrice projectionniste» ausbilden lassen könnte. Mittlerweile ist Okle eine gefragte Spezialistin. «Insbesondere seltene Kopien älterer Filme dürfen nur von erfahrenen Profis vorgeführt werden. Da ist der Kinovorführschein Pflicht.»

Der erste Film, den Sylvie Okle vorgeführt hat, war Christian Freis «War Photographer». Sylvie Okle hat einen persönlichen Bezug zur Kriegsfotografie. 1992 war sie im Rahmen einer Hilfslieferung für Flüchtlingslager in Kroatien und dokumentierte die humanitäre Aktion fotografisch. Die Bilder aus einem Krieg inmitten von Europa, wo sich zuvor friedlich zusammenlebende Nachbarn plötzlich gegenseitig umbrachten, haben sich bei Sylvie Okle festgesetzt.

«Ich war vorher oft für längere Zeit in Paris, wo in der Fotografie eine ästhetisierte Schönheit vorherrschte. Ich wusste, dass es etwas anderes geben musste, eine dunkle, unverblümte Seite.» Nach dem Einsatz in Kroatien war alles anders. «Ich wurde wacher, das Bewusstsein, ja das ganze Wesen war verändert. Meine Naivität war wie weggeblasen.»

DJ an kleinen Partys

Ihre Weise, diese dunklen Erlebnisse zu verarbeiten, fand sie in der Musik. Die Technobewegung steckte noch in ihren Anfängen. Okle ging als DJ von Party zu Party, bei grösseren Raves machte sie die Intros und Outros, bei kleineren Anlässen legte sie auch mal den ganzen Abend auf. «Scratchen, mixen, die Schönheit der Musik weitergeben, das war so etwas wie eine Therapie, um das Böse, das ich im Kriegsgebiet gesehen hatte, zu verarbeiten.» Die Independentszene war damals noch überschaubar, und Okle fühlte sich sehr wohl in ihr. «Ich habe immer einen Draht zu Leuten gehabt, die einfach mal loslegen. Für die Kunst, für den Abend, für Gleichgesinnte. Menschen, die weder auf Erfolg aus sind noch auf Nachhaltigkeit. Ein Soundsystem, ein paar Getränke, mehr braucht es nicht.»

Heute legt Okle vorwiegend bei kleineren Partys auf, aber auch im Freundeskreis. Ein Nachtmensch ist sie geblieben, es macht ihr deshalb nichts aus, dann zu arbeiten, wenn andere Freizeit haben. Im Gegenteil: Wenn das Kino die Pforten schliesst, denkt die 46-Jährige noch lange nicht an Schlaf – sie besucht ein Konzert, geht mit FreundInnen in die Beiz oder kreiert zu Hause am Mischpult einen tanzbaren Soundteppich. «Das Schöne an der Nachtarbeit ist, dass ich weiss, ich könnte täglich ausschlafen. Ich stehe zwar auch oft früh auf, aber ohne Zwang. Und nachts kann ich an einem Projekt arbeiten, so lange ich will.»

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