Nr. 25/2013 vom 20.06.2013

Auf der Suche nach dem Nichts

Am helllichten Tag sieht man Heinrich Louis Ney in der Zürcher Innenstadt Kaffee trinken. Nachts malt er in seinem Wohnatelier weiter am Bild, das er den ganzen Tag in seinem Kopf herumgetragen hat.

Von Adrian Riklin (Text) und Andreas Bodmer (Foto)

«Jedes Strichlein ist bedeutend, alle gehören sie zusammen»: Kunstmaler Heinrich Louis Ney.

Kurz nach 22 Uhr im Café Odeon. Heinrich Louis Ney steht an der Bar und trinkt Kaffee.

Den Tag verbringt der Kunstmaler vor allem damit, sich auf das nächtliche Handwerk vorzubereiten. Die tägliche Aufgabe bestehe darin, so der 61-Jährige in Anlehnung an die Selbstüberwindungsprosa des österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard, den «Beton» zu durchbrechen. Oder besser: ihn weich und durchlässig zu machen. Und immer wieder die Frage: Wie entkomme ich all den Auswegen, die mir einen Grund geben könnten, nicht malen zu müssen?

Das «Odeon» ist eines der Lokale, in denen Ney seine Kaffeepausen verbringt. Seit über dreissig Jahren, in denen er, abgesehen von längeren Aufenthalten in Paris, in Zürich lebt. Einen Kaffee am Nachmittag, einen zweiten am Abend. Und einen dritten vor Mitternacht.

Auf Kleinstfiguren spezialisiert

Wenn Heinrich Louis Ney gegen 11 Uhr in seinem kleinen Wohnatelier aufwacht, hat er ein Bild im Kopf. Dieses Bild, an dem er Monate oder auch Jahre arbeitet, trägt er in seiner Vorstellung durch den Tag. Ein permanenter Balanceakt. Schliesst er die Augen, sieht er seine rechte Hand vor sich. Es malt, zeichnet und strichelt unablässig in ihm. Im Lauf der Zeit hat sich Ney auf Kleinstfiguren spezialisiert, die immer noch kleiner werden: Millionen hauchzarter Farbstift- oder Tuschfederstrichlein, die ineinander übergehen und sich gegen den Bildrand in Nichts auflösen. Das einzelne Strichlein ist nahezu unsichtbar – zusammen ergeben sie ein Bild. «Jedes Strichlein ist bedeutend», sagt Ney, «alle gehören sie zusammen.»

Für diese Kalligrafie braucht Ney die Stille der Nacht. Damit verbunden ist strengste Augenarbeit – manchmal muss er monatelang pausieren: «Ich habe mal ein ganzes Jahr nicht mehr gemalt; nachher brauchte ich über ein halbes Jahr, bis ich es wieder konnte.»

Es kommt einem der italienische Kunstmaler Giorgio Morandi (1890–1964) in den Sinn, der ein ganzes Jahr auf den einen Moment gewartet hatte, in dem er eines seiner imaginierten Stillleben auf die Leinwand übersetzen konnte. Um den Zustand zu erreichen, in dem er die «Sinnlosigkeit» der Materialisierung dessen, was innerlich schon passiert ist, aushalten kann, brauche Ney den ganzen Tag. Nach Tagen, an denen sich diese Absurdität besonders heftig anfühlt, setzt er sich an sein Elektropiano und improvisiert. Ney ist in Insiderkreisen für sein brillantes Klavierspiel bekannt.

Den Entscheid, ganz auf die freie Kunst zu setzen, fällte Ney in den siebziger Jahren in Chur. Zuvor hatte er in Interlaken, wo er mit dem späteren Rumpelstilz-Musiker Hanery Amman, seinem Jugendfreund, aufgewachsen war, eine Lehre als Zahntechniker absolviert. Als er in Chur mit einer ersten Ausstellung Erfolg hatte, wagte er den Sprung in die künstlerische Selbstständigkeit. Für die Freiheit, die diese Lebensform mit sich bringt, nimmt er gerne Opfer in Kauf. Umso trauriger stimmt Ney, dass in Zürich «das kollektive Herz eingefroren» sei: «Auch die Solidarität unter den Künstlern ist verkümmert.»

Eine Couch, ein Tisch, eine Matratze

Mit dem offiziellen Kunstbetrieb will Ney, der auch Kurzfilme, Aktionskunst und Installationen realisiert, so wenig wie möglich zu tun haben. In Galerien stellt er nicht aus. Vielmehr vertraut er darauf, dass die Bilder, wenn sie reif sind, von selbst ihren Weg zu den passenden Menschen finden. Dieses Prinzip will er auf keinen Fall verletzen, indem er in finanzieller Notlage potenzielle KäuferInnen anrufen würde. Auch da denkt Ney magisch: Meist meldet sich dann jemand aus dem Nichts und klopft an die Tür. Es seien in solchen Momenten geradezu unglaubliche Geschichten passiert.

Kurz nach Mitternacht verlässt Ney das «Odeon». Geht am Limmatquai entlang, über die Rathausbrücke in die Weggengasse. Hier, im alten Eckhaus, wähnt man sich im 19.  Jahrhundert. Eine kleine Ledercouch, ein Cafétischlein, eine Matratze. Ney lebt und arbeitet auf wenigen Quadratmetern. «Aus dem Nichts zeichnerisch zurückgewinnen, was im Nichts verschwunden ist», beschrieb der Kulturjournalist André Behr einst die Arbeit von Ney. Ein paar Verschiebungen – und schon hat der Künstler das Wohn- in ein Arbeitszimmer verwandelt. Setzt sich auf einen Schemel, bückt sich über ein Tischchen, auf dem Farb- und Bleistifte liegen, nimmt einen und beginnt ihn mit scharfem Messer über einem Teller zu spitzen. Für diese letzte Vorbereitung nimmt sich Ney viel Zeit. Er gerät in Versunkenheit.

Der Beton ist durchbrochen. Ney postiert sich vor der Wand, an der seine aktuelle Arbeit hängt, verharrt in Achtungsstellung, hält inne, bringt den Stift, wenige Zentimeter vor sich und der Bildfläche, auf Augenhöhe. Jetzt erst, in Gedanken an das Nichts, wie er sagt, setzt er die Spitze des Stifts an einen Punkt auf der Kartonoberfläche.

Durch das offene Fenster hört man das Rauschen der Limmat.

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