Nr. 20/2013 vom 16.05.2013

«Für einen Zocker bin ich zu geizig»

Jan Keller suchte die Herausforderung. Er fand sie im Casino. Seither arbeitet der ehemalige Videoelektroniker als Croupier meist bis tief in die Nacht. Dafür kann er sich tagsüber um seinen kleinen Sohn kümmern.

Von Patrik Maillard (Text) und Ursula Häne (Foto)

Jan Keller im Grand Casino Baden: «Manche Gäste lassen ihren Ärger über Verluste an mir aus.»

In der Kleinstadt Baden steht das umsatzstärkste Spielcasino der Schweiz. Im Erdgeschoss des pompösen Gebäudes werden Tischspiele wie Poker, Blackjack oder Roulette angeboten, an diversen Bildschirmen kann auch virtuell gespielt werden. Im Untergeschoss befinden sich Hunderte von Geldspielautomaten, die fleissig von Menschenhand gefüttert werden.

Ein Mann Mitte vierzig steht am Roulettetisch. Er steckt offenbar in einer Pechsträhne und spielt trotzdem weiter, als ob sich das Glück erzwingen liesse. Am anderen Ende eine junge Frau. Um ihren Mund spielt ein Lächeln. Ihr Abend scheint gut begonnen zu haben. Das Publikum ist gemischt, es sind bei weitem nicht mehr nur die Reichen und Schönen, sondern auch ArbeiterInnen und Angestellte, die hier ihr Geld aufs Spiel setzen. Manchmal sehr viel Geld. Auch ist der Beruf des Croupiers längst nicht mehr nur Männern vorbehalten, an vielen Tischen leiten Frauen die Spiele.

Seit etwa zehn Jahren ist der 35-jährige Jan Keller in Baden als Croupier tätig. Zuvor war er Videoelektroniker. «Ich suchte nach einer neuen Herausforderung, nach einer Arbeit, bei der ich mehr mit Menschen zu tun habe.»

Die Anforderungen an einen Croupier sind hoch: Man muss sehr gut kopfrechnen können, über ein ausgezeichnetes Zahlengedächtnis, Fingerfertigkeit, ein kommunikatives, aber diskretes Auftreten und einen guten Leumund verfügen.

Rund zwei Monate lang besuchte Jan Keller abends die Grundausbildung des Grand Casino Baden. Nun arbeitet er mehrheitlich in der Nacht, oft hören seine Schichten um 4 oder 5 Uhr morgens auf. «Früher war ich kein Nachtmensch. Aber irgendwie habe ich mich schnell an diesen neuen Rhythmus gewöhnt», sagt Keller. Ausschlafen bis in den frühen Nachmittag, im Sommer unter der Woche bei schönem Wetter in die halb leere Badi gehen oder stressfrei einkaufen im Shoppingcenter: Das Leben von NachtarbeiterInnen, so Keller, biete auch Vorteile.

Die Spannung, die in der Luft liegt

Jan Keller hat einen sechzehn Monate alten Sohn. Seit er Familienvater ist, sind die Tage, an denen er ausschlafen kann, seltener geworden. «Wenn ich freihabe, stehe ich um 8 Uhr auf. Wenn andere Väter zur Arbeit gehen, bin ich mit meiner Familie zusammen. So bin ich zum Beispiel immer dabei, wenn unser Sohn zum Arzt muss.» Es komme ihm dabei entgegen, dass er auf achtzig Prozent habe reduzieren können. Trotzdem, seine Nachtschichten forderten seiner Frau einiges ab, sie sage oft, die Abende zu Hause ohne ihn seien lang.

Die KollegInnen von früher sehe er nicht mehr so häufig; wenn die sich nach der Arbeit treffen, fängt Kellers Schicht oft gerade an. «Aber meine besten Kolleginnen und Kollegen sind mir geblieben, das ist schön.» Keller übt seinen Beruf noch immer sehr gerne aus. «Die Spannung, die in der Luft liegt, die Atmosphäre, das fasziniert mich nach wie vor. Es passiert immer etwas, ich muss wach sein und schnell.»

Wer gewinnt, zahlt den Tronc

Auch die weniger schönen Seiten gibt es in Kellers Beruf. «Manche Gäste lassen ihren Ärger über Verluste an mir aus. Auch wenn das ärgerlich ist, bleibe ich professionell und behandle auch solche Besucher weiterhin freundlich.» Wenn aber einmal die Situation zu eskalieren drohe, was sehr selten sei, würden renitente Leute vom Sicherheitspersonal zurechtgewiesen und wenn nötig mit Hausverbot belegt.

Muss ein Croupier seine Gäste manchmal auch vor sich selber schützen, bevor ihr Spieltrieb ihnen und ihrer Familie zum Verhängnis wird? «Die Casinos der Schweiz müssen sich an ein Sozialkonzept halten. Wir werden regelmässig geschult und sind sensibilisiert auf Suchtverhalten. Passiert dennoch ein Fehler, wird das Casino gebüsst.» Als Beispiel erwähnt Keller ein anderes Schweizer Casino, das 2010 eine Busse von 440 000 Franken zahlen musste. Die Verantwortlichen hatten eine spielsüchtige UBS-Angestellte zu spät gesperrt, die veruntreute Gelder in Millionenhöhe verzockte.

Eine Besonderheit in Casinos ist der sogenannte Tronc, das Trinkgeld. Der Tronc ist für alle Angestellten des Casinos ein wichtiger Lohnbestandteil. Das Geld kommt in einen Topf und wird am Monatsende unter allen aufgeteilt. Jan Keller: «Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass die Gäste bei Erfolg etwas vom Gewinn den Angestellten spendieren. Als Wertschätzung für gute Arbeit. Und weil wir lachen, wenn jemand gewinnt, aber nie, wenn jemand verliert.»

Seit rund einem Dreivierteljahr arbeitet Keller als Floor-Manager, leitet also die Spiele nicht mehr selber, sondern macht Tischaufsicht. Der grösste Gewinn, den Keller je ausbezahlt hat, waren 280 000 Franken bei einem Roulettespiel. Er selber spiele auch ab und zu, allerdings nur im Ausland, weil alle in der Schweiz tätigen Croupiers in den einheimischen Casinos aus Sicherheitsgründen gesperrt seien. «Ein Zocker bin ich allerdings nicht, dafür bin ich wohl etwas zu geizig.»

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