Nr. 41/2020 vom 08.10.2020

Neue Kolonialreiche

Der Kolonialismus hat eine wechselvolle Geschichte. Seine Anfänge liegen im 19. Jahrhundert, als die Industriegesellschaften zunächst die Märkte des Südens eroberten und in der Folgezeit die Gebiete militärisch besetzten und annektierten. Nachdem die Kolonien die Unabhängigkeit erlangt hatten, führte die sogenannte „Entwicklungspolitik“ in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu veränderten Formen der Kontrolle und der Abhängigkeit. Heute, in der Ära der Globalisierung, treten neue Kolonialherren auf: Es sind nicht mehr Staaten, sondern transnationale Großunternehmen.

Von Edward Goldsmith

Es gibt eine alte Vorstellung, wonach die Entwicklung eines Landes mit der eines Embryos zu vergleichen sei: Bei beiden führe ein natürliches und ununterbrochenes Wachstum von einem Zustand der Armut hin zu allgemeinem Wohlstand. Diese Idee ist gefährlicher, als sie auf den ersten Blick erscheint. Sie besitzt, wie der französische Wirtschaftswissenschaftler François Partant sehr richtig erkannt hat, messianischen Charakter: „Die entwickelten Nationen“, schreibt Partant, „haben eine neue Missionsaufgabe entdeckt: Sie wollen der Dritten Welt helfen, auf dem Weg der Entwicklung voranzuschreiten; auf demselben natürlich, den die westliche Welt dem Rest der Menschheit seit Jahrhunderten vorschreiben will.“

Ein kurzer Blick auf die südliche Halbkugel zeigt eine unbestreitbare und beunruhigende Kontinuität von der Kolonialzeit bis heute: In keinem der Länder, die in neuerer Zeit die Unabhängigkeit erlangten, wurden die Grenzen korrigiert; es wurde auch kein Versuch unternommen, ein vorkoloniales kulturelles Gefüge wiederherzustellen. Auf dem Land blieben die kolonialen Praktiken strukturell erhalten. Die armen Bauern, „für die der Kampf um die Unabhängigkeit mit dem Kampf um Landbesitz identisch war“, erhielten nicht das kleinste Fleckchen Erde, das sie hätten bebauen können. „Die nationale Unabhängigkeit führte dazu, daß sich ein neuer Siedlertyp den Boden aneignete.“ Wie der Essayist Randall Baker anmerkt, handelt es sich hier um „eine im wesentlichen kontinuierlich verlaufende Geschichte“.

Bezeichnen die Begriffe „Entwicklung“ und „Kolonialismus“ (zumindest in dessen letzter Phase nach 1870) nicht ein und dasselbe Phänomen mit der gleichen Zielsetzung? Man könnte es vermuten, angesichts der eindeutigen Erklärungen der engagiertesten Verfechter des Kolonialgedankens. „Die Kolonialfrage hat für die Eroberung neuer Märkte vitale Bedeutung. Unser Land hängt aufgrund seines industriellen Charakters von Exporten ab. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Gründung einer Kolonie gleichbedeutend mit der Schaffung eines Markts.“

Das erklärte Jules Ferry im Juli 1885 vor der Abgeordnetenkammer in Paris. Paul Leroy-Beaulieu sagte 1874 in seinem einflußreichen Buch „De la colonisation chez les peuples modernes“ dasselbe; ähnlich äußerten sich Cecil Rhodes oder Lord Lugard in England. Viele Länder, nicht nur in Asien, waren jedoch nicht ohne weiteres bereit, den westlichen Mächten ihre Märkte, schlechtbezahlte Arbeitskräfte oder die heißbegehrten Rohstoffe zu überlassen. Ebensowenig wollten sie dulden, daß Unternehmen auf ihrem Staatsgebiet tätig wurden und Großbaustellen für die „Entwicklung“ des Straßennetzes oder von Bergwerken errichteten. Die Kolonialstaaten setzten daher unterschiedlichste Druckmittel ein. So bedurfte es beispielsweise zweier Kriege, um China zu zwingen, seine Häfen für den Handel mit England und Frankreich zu öffnen.

Der Aufschwung im Handel machte es erforderlich, immer größere Zugeständnisse zu verlangen, um immer vorteilhaftere Bedingungen für die europäischen Firmen zu schaffen. War der Widerstand vor Ort zu stark oder gelangte eine nationalistische oder populistische Regierung an die Macht, nahmen die europäischen Staaten ihre Zuflucht zu militärischer Besetzung und Annexion. „Der Kolonialismus“, schreibt ein britischer Historiker, „war keine bewußte Entscheidung; er war der letzte Ausweg.“

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Unter dem Einfluß des Kolonialismus und der westlichen Werte sind die traditionellen Gesellschaften in Asien und in Afrika nach und nach zerfallen. Damit wurde es um so leichter, die für den Handel und das westliche Vordringen günstigen Bedingungen aufrechtzuerhalten. Als in der Mitte des 20. Jahrhunderts die Dekolonisierung einsetzte und einzelne Länder die Unabhängigkeit erlangten, konnten Investoren und Händler aus Europa schließlich „in den meisten neugeschaffenen Staaten zu ihrer vollen Zufriedenheit tätig werden, so wie es sich ihre Vorgänger im 19. Jahrhundert erträumt hatten. Und sie mußten dabei nicht mit jenen Problemen kämpfen, die einst die Schaffung eines Kolonialreichs unabdingbar gemacht hatten.“

Mit anderen Worten: Der Kolonialismus ist nicht deshalb untergegangen, weil die europäischen Mächte auf seine Vorteile verzichtet hätten, sondern weil diese von einem gewissen Stadium an mit akzeptableren Methoden – und wirksamer – erreicht werden konnten. Diese Position vertraten die Diplomaten und Wirtschaftsbosse, die sich ab 1939 unter der Schirmherrschaft des US Council on Foreign Relations in Washington trafen. Sie dachten darüber nach, auf welche Weise man nach dem Ende des Krieges die postkoloniale Weltwirtschaft in den Dienst US-amerikanischer Interessen stellen könnte. Diese Diskussionen sollten zu der berühmten Konferenz von Bretton Woods im Jahre 1944 führen, bei der die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF) gegründet wurden.

Der Freihandel, so erklärte man damals, bedeute den „Wettbewerb unter gleichen Bedingungen“ ohne unfaire Vorteile. Wenn aber der Starke den Schwachen angreift, ist dann, auch bei gleichen Bedingungen, die Partie nicht von vornherein entschieden? Zur Zeit von Bretton Woods beherrschten die USA unangefochten die politisch-ökonomische Bühne, die europäische Industrie war durch den Krieg zerstört, Japan erobert und unterworfen.

Ein Jahrhundert zuvor hatte England aus den gleichen Gründen den Freihandel gepredigt: Angesichts der beherrschenden Stellung des Landes in der Weltwirtschaft diente der freie Warenverkehr vorzüglich den eigenen Außenhandelsinteressen. Zwischen 1860 und 1873 gelang es London, das Kernstück des „weltumspannenden Systems eines quasi grenzenlosen Verkehrs von Kapital, Waren und Arbeitskräften“ zu schaffen, stellt der britische Historiker Eric Hobsbawm fest. Lediglich die Vereinigten Staaten hielten prinzipiell an ihrer protektionistischen Haltung fest und senkten nur zeitweilig die Einfuhrzölle: in den Jahren 1832 bis 1860, und später von 1861 bis 1865, nach dem Sezessionskrieg.

Um 1870 begann England seinen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz einzubüßen. Die Exporte gingen zwischen 1873 und 1890 sowie erneut um die Jahrhundertwende rapide zurück. Zur gleichen Zeit erschütterten die lang andauernden Krisen von 1870 und 1890 den Glauben an die Effektivität des Freihandels. Vor allem in den neunziger Jahren beschlossen die Länder Europas, mit Ausnahme von Belgien, England und den Niederlanden, ihre Zolltarife anzuheben.

Als die Unternehmen bemerkten, daß sich ihre Absatzchancen in Europa verringerten, wandten sie sich den Märkten in Afrika, Asien, Lateinamerika und im Pazifischen Raum zu, die durch größere und schnellere Frachtdampfer besser erreichbar geworden waren. Es ging also darum, Länder zu erobern und zu annektieren, in denen man verarbeitete Produkte gewinnbringend absetzen konnte, ohne daß man die Konkurrenz fürchten und mit anderen, erfolgreicheren europäischen Staaten in Wettbewerb treten mußte.

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Ein wahres Kolonialfieber brach aus: 1878 hatte Europa 67 Prozent der Landmasse des Globus kolonialisiert, 1914 waren es 84,4 Prozent. Das beste und geschickteste Mittel, ausländische Märkte für sich zu erschließen, bestand darin, vor Ort eine westlich beeinflußte Elite heranzuziehen, die dem wirtschaftlichen Fortschritt ergeben war und sich um die Konsequenzen für die Mehrheit ihrer Mitbürger keine Gedanken machte.

Wie wichtig die Herausbildung solcher Eliten war, hatten die Kolonialmächte offensichtlich rasch erkannt. Nach dem Aufstand in Indien im Jahre 1857 drehte sich die Diskussion in den politischen Kreisen Londons in erster Linie um die Frage, ob es an der Zeit wäre, neuen Unruhen dadurch vorzubeugen, daß man die Bildung einer anglisierten und dem Handel gegenüber aufgeschlossenen Elite förderte, oder ob man, wie die meisten glaubten, besser die militärische Besetzung auf unbestimmte Zeit fortsetzen solle.

Solche Eliten müssen natürlich bewaffnet werden, damit sie in der Lage sind, eine Entwicklung durchzusetzen, die notwendigerweise mit der Enteignung oder Verarmung der meisten Menschen des betroffenen Landes einhergeht. Bis heute ist dies eines der vorrangigen Ziele laufender Hilfsprogramme geblieben. Zwei Drittel der Hilfe, die die USA den Ländern des Südens zukommen lassen, ist für die Unterstützung in Sicherheitsfragen vorgesehen – in der Praxis bedeutet das vor allem militärische Ausbildung und Waffenlieferungen.

Bei den meisten Regierungen, die sicherheitspolitisch unterstützt wurden, handelte es sich um Militärdiktaturen. Dies galt in den sechziger und siebziger Jahren für Nicaragua, El Salvador, Guatemala, Chile, Argentinien, Uruguay, Paraguay, Brasilien und Peru. Sobald aber in Lateinamerika eine Regierung an die Macht gelangte, die den westlichen Interessen nicht gewogen war, setzte Washington alle Hebel in Bewegung, um sie zu vertreiben. So organisierten die Vereinigten Staaten 1954 einen Putsch gegen die Regierung von Jacobo Arbenz in Guatemala, der nordamerikanische Bananenplantagen verstaatlicht hatte.

Auf die gleiche Weise versuchten sie, in den sechziger Jahren gegen das Regime von Fidel Castro in Kuba vorzugehen – 1961 organisierten sie ein Landungsunternehmen von Exilkubanern in der Schweinebucht. Ähnliche Bemühungen richteten sich gegen Brasilien, als João Goulart dort eine Bodenreform durchführen und die Tätigkeiten der multinationalen Unternehmen kontrollieren wollte. 1965 griffen die USA in der Dominikanischen Republik ein, 1973 in Chile, wo die Regierung von Salvador Allende gestürzt wurde; später gingen sie gegen die Sandinisten in Nicaragua, dann gegen Grenada und 1989 gegen Panama vor.

In der gleichen Manier hatten während der Kolonialzeit die europäischen Mächte ihren Vasallenstaaten stets Truppen zu Hilfe gesandt, wenn ein Volksaufstand eines dieser Regime bedrohte. So leisteten Frankreich und Großbritannien ihren Beitrag zur Bekämpfung der Taiping-Bewegung in China (1854) und zur Niederschlagung des fremdenfeindlichen Boxeraufstands (1900). 1882 schickte London Truppen nach Ägypten, um den Khedive (Vizekönig) Taufiq bei der Unterdrückung einer nationalistischen Erhebung zu unterstützen.

Nicht anders verfahren die Westmächte in unseren Tagen. Als 1964 in Gabun dem diktatorischen Präsidenten Mba ein Putsch drohte, beeilte sich Frankreich, ihm Fallschirmspringer zu schicken, um ihn an der Macht zu halten. Auf diese Truppen durfte sich auch sein Nachfolger Präsident Omar Bongo verlassen, den der französische Essayist Pierre Pian als „den Auserwählten einer Gruppe mächtiger Franzosen“ beschrieben hat, „deren Einfluß auch nach der Unabhängigkeit Gabuns fortdauert“.

Die Vereinigten Staaten oder Großbritannien zeigten sich bei ähnlichen Anlässen in ihren Einflußgebieten nicht weniger skrupellos. In dem Maße, wie die Kolonien den Mutterländern einen Markt für deren industrielle Exporte sowie billige Arbeitskräfte und Rohstoffe zur Verfügung stellten, standen diese für ihre eigene Produktion nicht mehr zur Verfügung. Damit wurde ihre Binnenwirtschaft ernsthaft geschwächt, und die einheimischen Manufakturen waren dem Untergang preisgegeben.

England hat auf diese Weise in Indien die dörfliche Textilindustrie ausgerottet, die bis dahin die wirtschaftliche Lebensader des Subkontinents gewesen war. 1905 wurden in Westafrika alle gewerblichen Produkte, die nicht aus Frankreich oder einem seiner Vasallenstaaten stammten, mit einer Sondersteuer belegt – die daraus resultierende Preiserhöhung ruinierte die lokalen Händler und Hersteller.

Nach dem Krieg setzte sich diese Schwächung der Binnenwirtschaften fort. Die Produktion von Exportgütern ließ der Westen nur in sehr wenigen Fällen zu. Zucker ist ein typisches Beispiel: Unter dem Druck der Weltbank wurden riesige Flächen in den Ländern des Südens für den Zuckerrohranbau bestimmt, aber sowohl die EU wie die Vereinigten Staaten subventionierten auch weiterhin ihre einheimische Zuckerproduktion – die Folge war ein Verfall der Preise. Es kann daher kaum überraschen, daß sich die Handelsbeziehungen zu den armen Ländern des Südens verschlechterten.

Zwischen 1950 und 1980 konnte jedes dieser Länder, das einen Versuch machte, seine Produktion zu diversifizieren, mit dem Vorwurf rechnen, es wolle „die Importe substituieren“ – eine Todsünde, die umgehend mit der Verweigerung von Strukturanpassungskrediten bei der Weltbank geahndet wurde. Im übrigen zeigen, wie Walden Bello lapidar vermerkt, „die Exporte der Länder, die an den Strukturanpassungsprogrammen teilnehmen, zwar eine steigende Tendenz, dies gilt aber nicht unbedingt für ihr Bruttoinlandsprodukt, das unter der unvermeidlichen Schwäche der Wirtschaft leidet.“

Bei weitem das beste Mittel, um Zugang zum Markt und den natürlichen Ressourcen eines nichtindustrialisierten Landes zu erlangen, besteht darin, der verbündeten Machtelite vor Ort umfangreiche Kredite zu gewähren. Um die Zinsen zahlen zu können, muß die kreditnehmende Regierung in produktive Bereiche investieren und sich der Konkurrenz auf den internationalen Märkten stellen, denn die Zahlungen werden in Devisen geleistet, im allgemeinen in Dollar.

Die Chancen eines solchen Vorhabens stehen allerdings außerordentlich schlecht: Etwa 20 Prozent der Kreditsumme versickern als Bonus in den Taschen von Politikern und Funktionären, einen großen Teil verwendet die Elite für Luxusgüter, für gewaltige Infrastrukturmaßnahmen, die sich, wenn überhaupt, erst lange Zeit später auszahlen, und für Waffen, die einem möglichen Aufbegehren vorbeugen sollen.

Ein Land, das in großem Umfang Kredite aufnimmt, steckt nach kurzer Zeit tief in den Schulden und ist den Gläubigerstaaten ausgeliefert. Deren Machtposition findet dann offiziellen Ausdruck darin, daß der Schuldner der Kontrolle einer Institution unterstellt wird (heutzutage dem Internationale Währungsfonds), die durch Eingriffe in die Wirtschaft des Landes für regelmäßige Zinszahlungen sorgt. Das Schuldnerland wird auf diese Weise zu einer „informellen“ Kolonie.

Diese Technik des „informellen Kolonialismus“ ist nicht neu. Sie wurde während der Kolonialzeit häufig angewandt, so in Ägypten und auch in Tunesien. Der Bei von Tunis hatte damals umfangreiche Kredite aufgenommen, um seine Armee zu verstärken und die Verbindungen zur Türkei zu lockern. Ein großer Teil der Kredite bestand in Obligationen, die von Franzosen gehalten wurden. Diese bemühten sich um Unterstützung durch das französische Außenministerium, und sie hatten Erfolg. Der Bei mußte seine Verwaltung der französischen Oberaufsicht unterstellen – ein Verfahren, das Frankreich und England eingeführt haben und das der IWF heute fortsetzt.

Die gemischte französisch-tunesische Kommission, die 1869 eingerichtet wurde, erließ drakonische Bestimmungen. Sie nahm sich das Recht, die Einnahmen des Staates einzuziehen und zu verteilen, damit gewährleistet war, daß die Aktionäre als erste bedient wurden. Vor kurzem verpflichtete Präsident Bill Clinton Mexiko dazu, einem ähnlichen Vertrag zuzustimmen. Bei der Vergabe eines Kredits in Höhe von mehreren Milliarden Dollar erhielten die Finanziers an der Wall Street als Sicherheit eine Hypothek auf den wichtigsten Bodenschatz des Landes, das Erdöl.

Von 1869 an „sind die öffentlichen Finanzen in Tunesien und damit de facto die Regierung unter ausländischer Kontrolle“. Tunesien wird zu einer „informellen Kolonie“. Der ausländische Druck zur Erfüllung des Schuldendienstes wächst, der Bei muß die Steuern erhöhen, woraufhin das Volk aufbegehrt und der Regierung vorwirft, man habe es ans Ausland verkauft. Die formelle Annexion des Landes findet dann 1881 statt. Vielleicht wäre Frankreich nicht so weit gegangen, hätte es nicht befürchten müssen, daß Italien ihm zuvorkommen könnte.

Exakt den gleichen Verlauf nahm die Entwicklung in Ägypten. Harry Magdoff hat die Situation präzise auf den Punkt gebracht: „Der Verlust der Souveränität in Ägypten erinnert an die Vorgänge in Tunesien: großzügige Kredite, die von den Europäern verlängert werden, Bankrott des Staates, zunehmende Kontrolle durch die Kommission für Auslandsverschuldung, Ausbeutung der Bauern, um Gelder für den Schuldendienst einzutreiben, Zunahme nationalistischer Unruhen, militärische Eroberung durch eine ausländische Macht.“

Im Zeitalter der Entwicklungspolitik ist die Technik der Kreditvergabe als Kontrollinstrument natürlich verfeinert worden. Die unschönen Aspekte dieser Politik verbirgt man hinter dem euphemistischen Begriff der „Hilfe“: Die „Armut“ in der Dritten Welt gilt als Symptom für Unterentwicklung und soll daher durch Entwicklungshilfe automatisch zu lindern sein. Man benötigt dazu lediglich Kapital und technisches Wissen, und die werden durch das System der westlichen Firmen geliefert. John M. Galbraith hat es so formuliert: „Nachdem wir den Impfstoff hatten, haben wir die Pocken erfunden.“

Derzeit wird der Entwicklung in den noch jungen Industrieländern wie Südkorea, Taiwan, Singapur oder Hongkong Modellcharakter zugeschrieben. Aber weder Singapur noch Hongkong haben für ihre Entwicklung größere Kredite aufgenommen. Taiwan griff anfänglich auf kleinere Kredite zurück, konnte aber dem Drängen der Vereinigten Staaten auf größere Ausgaben standhalten.

Lediglich Südkorea hat in größerem Umfang Kapital aufgenommen. Wenn das Land in einem Punkt erfolgreich war, an dem andere scheiterten, und seine Schulden durch verstärkte Exporte begleichen konnte, dann genau deshalb, weil es sich den Forderungen der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds widersetzte, seine Märkte zu öffnen. Seoul gab die Kontrolle über Importe und Kapitalbewegungen nicht aus den Händen, so wie es zuvor schon Japan praktiziert hatte. Gewiß benötige man für die Entwicklung Kapital, merkt die Wirtschaftswissenschaftlerin Cheryl Payer an, doch „in der heutigen Welt herrscht eigentlich keine Knappheit an Kapital, sondern an Märkten“.

So erweist sich die Wirtschaftshilfe heute als ein ausgezeichnetes Instrument zur Öffnung der Märkte, da ein großer Teil dieser Unterstützung an die Einfuhr von Exportprodukten aus dem Geberland geknüpft ist. Wie einst die Kolonien gezwungen waren, Güter aus dem Mutterland zu beziehen, so sind die heutigen Nutznießer der Kredite verpflichtet, bis zu 70 Prozent des Geldes, das eigentlich die Armut und Unterernährung lindern soll, für ungeeignete Ausrüstungsgüter und Industrieprodukte der großzügigen Spender auszugeben. Würden sie solche Käufe verweigern, wären sie durch die einfache Drohung, ihnen die Geldmittel zu streichen, von denen sie immer stärker abhängen, rasch in die Knie zu zwingen.

Ein solches Konzept der Hilfeleistung nützt den Armen im Süden im allgemeinen nichts. Denn die lokale Wirtschaft, die sie allein ernähren könnte, braucht weder die Autobahnen und großen Staudämme noch das Hybridsaatgut, die Düngemittel oder Pestizide der „grünen Revolution“. Am Vertrieb dieser Produkte ist allein die Weltwirtschaft interessiert, die sich zu Lasten der lokalen Wirtschaft ausbreitet, die dortige Umwelt und das soziale Gefüge zerstört und nach und nach die vorhandenen Ressourcen an Wasser, Wäldern, Land und Arbeitskräften für ihre Zwecke beansprucht.

Die Schuldenkrise zu Beginn der achtziger Jahre führte zum Versiegen der Privatinvestitionen in den Ländern des Südens. Das Neukapital, das die internationalen Banken für Entwicklung zur Verfügung stellten, wurde von den Schuldnerländern vor allem darauf verwendet, die Kreditzinsen bei den privaten Geldinstituten zu bezahlen.

Diese Situation hat sich in wenigen Jahren verändert. In einigen Staaten, die seither „aufstrebende Länder“ genannt werden, sind die Privatinvestitionen sprunghaft gestiegen und erreichen inzwischen 200 Milliarden Dollar im Jahr. Davon entfällt die eine Hälfte auf langfristige Kapitalanlagen, die andere Hälfte auf kurzfristige spekulative Anlagefonds. Dieser massive Zuwachs läßt sich zum Teil damit erklären, daß in den Vereinigten Staaten und in anderen Industrieländern ein Ungleichgewicht herrscht zwischen der Verfügbarkeit ungeheurer Geldmengen und den bestehenden Anlagemöglichkeiten.

Globale Planwirtschaft der Multis?

Zum anderen spielt eine Rolle, daß weltweit für multinationale Unternehmen Bedingungen geschaffen wurden, wie sie besser nicht sein könnten: Unqualifizierte Arbeiter ebenso wie hochqualifizierte Techniker und Führungskräfte gibt es überall zum Billigtarif. Zudem haben die großen Unternehmen Zugang zu sämtlichen Finanzierungsmöglichkeiten und zu neuesten technologischen Entwicklungen auf dem Gebiet der Produktion und Betriebsführung.

Darüber hinaus will die Welthandelsorganisation (WTO) die Länder des Südens künftig dazu verpflichten, Investitionen aus dem Ausland uneingeschränkt zuzulassen und jede ausländische Firma, die auf ihrem Staatsgebiet in der Landwirtschaft, im Bergbau, in der Industrie oder im Dienstleistungssektor tätig werden will, wie eine „nationale Gesellschaft“ zu behandeln. Gleichermaßen sollen Zollgebühren und Importquoten für sämtliche Waren, einschließlich landwirtschaftlicher Erzeugnisse, aufgehoben und „nichttarifliche Handelshemmnisse“, wie beispielsweise gesetzliche Regelungen in den Bereichen Arbeit, Gesundheit oder Umweltschutz, die eine Erhöhung der Produktionskosten bewirken könnten, abgeschafft werden.

Die multinationalen Unternehmen sind nicht mehr zu kontrollieren, nicht einmal von den Regierungen des Nordens. Stört ein Gesetz ihr Expansionsstreben, so drohen sie damit, außer Landes zu gehen, was sie auch umgehend verwirklichen können. Es steht ihnen frei, auf der ganzen Welt nach der billigsten Arbeitskraft, nach der am wenigsten staatlich geschützten Umwelt, den günstigsten Steuergesetzen, den großzügigsten Subventionen zu suchen. Es liegt ihnen nichts daran, sich mit einer Nation zu identifizieren oder ihre Projekte von sentimentalen oder gar patriotischen Bindungen beeinträchtigen zu lassen. Sie stehen außerhalb jeglicher Kontrolle.

In dem Maße, wie eine kleine Anzahl von Firmen den Weltmarkt für die von ihnen produzierten und vertriebenen Waren beherrscht, wird ihnen die Konkurrenz zunehmend hinderlich – Wettbewerb verringert ihre Gewinnspannen. Kooperieren dagegen die Unternehmen, so können sie stärker auf die jeweiligen Regierungen einwirken und sich der wachsenden Opposition seitens populistischer, nationalistischer oder anderer Bewegungen entgegenstellen, die ihren Einfluß und ihre Macht gern geschmälert sähen.

Gleichzeitig treiben die Firmen die vertikale Integration immer weiter voran, so daß sie jede Stufe innerhalb eines Sektors kontrollieren können, vom Abbau der Bodenschätze und Errichtung von Betriebsanlagen über die Produktion und Lagerung bis hin zur Lieferung an ausländische Filialen und zum Verkauf im Groß- und Einzelhandel. Damit können sie sicherstellen, daß sie selbst auf jeder einzelnen Stufe die Preise festlegen, und nicht, wie sie glauben machen, der Markt.

Die globalen Transaktionen erfolgen zunehmend zwischen multinationalen Firmen und deren Filialen. Dies ist nicht mehr echter Handel, sondern das Ergebnis privater zentralistischer Planung, die sich auf den gesamten Planeten erstreckt. Für den britischen Wirtschaftswissenschaftler und Ökologen Paul Enkins werden die multinationalen Unternehmen „zu riesigen Zonen bürokratischer Planung innerhalb einer ansonsten freien Marktwirtschaft“. Seiner Ansicht nach besteht eine prinzipielle Ähnlichkeit zwischen einem Großunternehmen und einem staatlichen Betrieb. „In beiden sorgen hierarchisierte Planungsstrukturen dafür, sämtliche Ressourcen innerhalb der Grenzen ihrer Organisation bereitzuhalten, um nicht auf den freien Markt angewiesen zu sein.“

Man fragt sich, welche Vorkehrungen verhindern könnten, daß auf diese Weise 50, 60 oder 80 Prozent des Welthandels innerhalb der „Grenzen von Organisationen“ ablaufen. Die bisher eingeschlagene Richtung könnte zu einer Ära der zentralen Planwirtschaft auf globaler Ebene führen: zum weltumspannenden Kolonialismus der Unternehmen. Diese neuen Kolonialmächte übernehmen keinerlei Verantwortung und legen nur ihren Aktionären gegenüber Rechenschaft ab. Sie sind eigentlich nur noch Maschinen zur unmittelbaren Gewinnmaximierung. Allerdings verfügen sie inzwischen über die Macht, eine Regierung gegebenenfalls zu zwingen, ihre Interessen gegen die des Volkes – des eigentlichen Souveräns – zu verteidigen.

Dieser neue Kolonialismus der transnationalen Unternehmen droht schamloser und brutaler zu werden als je einer zuvor. Er könnte mehr Menschen enteignen, verarmen lassen und ausgrenzen, mehr Kulturen zerstören und mehr ökologische Katastrophen verursachen als der Kolonialismus von einst oder die Entwicklung der letzten fünfzig Jahre. Wie lange wird er bestehen? Einige Jahre, einige Jahrzehnte vielleicht. Denn ein Wirtschaftssystem, das in einem solchen Ausmaß Armut erzeugt, kann nicht lange überleben.

Aus dem Französischen von Erika Mursa

Edward Goldsmith (1928–2009) war ein englisch-französischer Umweltschützer, Schriftsteller und Philosoph. Er gründete die Zeitschrift The Ecologist (London). Dieser Text erschien im April 1996 in LMd.

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