Nr. 36/2015 vom 03.09.2015

Unabhängig und antiimperial

Weil es in Lateinamerika keine Nationen im ursprünglichen Sinn gibt, hatte Nationalismus immer eine andere Stossrichtung. Zuletzt wurde in Bolivien der plurinationale Staat erfunden.

Von Toni Keppeler

Es ist ein Erfahrungswert, erhoben ohne wissenschaftlichen Anspruch, aber vielleicht doch bezeichnend: Je kleiner ein Land in Lateinamerika ist, desto länger dauert seine Nationalhymne und desto grösser ist der Stempel, der bei der Einreise in den Pass gedrückt wird. Gerade so, als müssten sich diese Länder selbst versichern, dass sie doch eine Nation sind. Das ist verständlich. Kaum ein lateinamerikanisches Land erfüllt die – zugegebenermassen unscharfen – Kriterien, mit denen im Völkerrecht eine Nation beschrieben wird: eine gemeinsame Sprache und Tradition, gemeinsame Sitten und Gebräuche, eine gemeinsame Abstammung.

Flickenteppich der Sitten

Lateinamerika ist ein Sammelsurium aus Hunderten indigener Völker und Nachkommen spanischer und anderer EinwanderInnen, dazu die NachfahrInnen importierter SklavInnen aus verschiedenen Regionen Afrikas und alle Mischungen, die aus der Kombination der verschiedenen Gruppen hervorgehen können. Entsprechend ist die Region ein Flickenteppich aus Sprachen, Traditionen, Sitten und Gebräuchen, und die Abstammung von Individuen ist bisweilen nur schwer zu ergründen. Vielleicht hatte Nationalismus in Lateinamerika deshalb von Anfang an eine andere Stossrichtung als in Europa. Er hatte immer etwas mit Unabhängigkeit zu tun, oft auch mit Antiimperialismus.

Simón Bolívar, der Unabhängigkeitsheld des halben Kontinents, dachte nicht an Staaten, wie sie heute existieren. Er träumte von einer panamerikanischen Konföderation, die das gesamte spanischsprachige Lateinamerika umfassen sollte; mit kleineren Verwaltungseinheiten, die sich zwar «Staaten» nennen durften, aber mit einem übergeordneten panamerikanischen Kongress. Sein Vorbild waren die Vereinigten Staaten von Amerika. Durchsetzen konnte er sich damit nicht. Nicht einmal Bolívars abgespeckte Version eines Grosskolumbien aus den heutigen Staaten Kolumbien, Ecuador, Venezuela, Panama und Teilen von Peru und Guyana war unter den gegebenen Bedingungen realisierbar: Die lokalen Eliten wollten Kleinstaaterei.

Anders als in Haiti, wo nach einem SklavInnenaufstand 1804 die nach den USA zweite Republik des Kontinents ausgerufen wurde, waren die Befreiungskriege auf dem Festland keine Erhebungen der Unterdrückten gegen die lokalen Kolonialherren. Es waren die Kolonialisten selbst, die unabhängig von ihrem Mutterland Spanien werden wollten. Schwarze und Indígenas waren als Krieger in ihren Befreiungsheeren willkommen. Nach gewonnener Schlacht aber blieben die sozialen und wirtschaftlichen Zustände wie in der Zeit der Kolonie – mit dem Unterschied, dass die Eliten nun nicht mehr tributpflichtig gegenüber dem Mutterland waren.

Zwar nannten sich die neu entstandenen Länder allesamt Republik. Die Res publica aber war nur Sache der spanischstämmigen Oligarchie. Das Wahlrecht war in Lateinamerika lange an Grundbesitz und an die Fähigkeit gebunden, die spanische Sprache sprechen, lesen und schreiben zu können. In Bolivien etwa waren deshalb noch Mitte des 20. Jahrhunderts nur zwei Prozent der Bevölkerung wahlberechtigt – die reichsten zwei Prozent.

Der Nationalismus dieser Oligarchien konnte sich gar nicht auf eine gemeinsame Sprache und Kultur im selben Raum beziehen. Hätte er es getan, wäre Bolívars panamerikanischer Traum Wirklichkeit geworden. Den ehemaligen Kolonialisten und neuen Republikanern aber ging es nach aussen um die Unabhängigkeit und nach innen um die Absicherung ihrer damit noch grösseren Macht. Das liess sich in kleineren Einheiten viel besser bewerkstelligen als auf einem grenzenlosen Halbkontinent.

Die USA als Bedrohung

Bolívar hat seine Kriege zwar gegen Spanien geführt, aber schon früh auch die USA als Gefahr für Lateinamerika erkannt und vor deren Imperialismus gewarnt. Er kannte die sogenannte Monroedoktrin, in der US-Präsident James Monroe 1823 erklärt hatte, dass «Amerika den Amerikanern» gehöre und damit meinte, der Kontinent gehöre den USA. Man musste kein Linker sein, um das als Bedrohung zu begreifen. Schon in den letzten Unabhängigkeitskriegen spielten die USA eine immer grössere Rolle.

Der kubanische Freiheitsheld José Martí hat deshalb neben Spanien auch die USA als Gegner gesehen. Washington hielt sich zwar zunächst aus dem Befreiungskrieg in Kuba heraus, griff aber 1898 kurz vor dem Sieg der Unabhängigkeitskämpfer schnell ein und stahl ihnen den Sieg. Kuba wurde zwar nominell unabhängig, faktisch aber eine Quasikolonie der USA. Martí, der sich als Nationalist und Humanist verstand und sich von sozialistischen und kommunistischen Parteien stets fernhielt, musste diese Niederlage nicht mehr erleben. Er fiel 1895 in einer Schlacht gegen spanische Truppen.

Nicaragua machte ähnliche Erfahrungen. 1912 intervenierten dort US-Marines und blieben bis 1933. Augusto César Sandino, der selbst ernannte «General der freien Menschen», verstand seinen Krieg gegen die Invasoren als zweiten Befreiungskrieg seines Landes. Als die Marines abzogen, war er zufrieden. Er wollte keine Revolution, war sogar ein ausgesprochener Antikommunist. Trotzdem hat diese Kombination aus Nationalismus, Unabhängigkeitsstreben und Antiimperialismus spätere Revolutionen und Aufstände in Lateinamerika inspiriert.

Der Nationalismus der Linken

Fidel Castro ist in Kuba noch ganz in diesem Sinn angetreten – nicht als der Kommunist, der er heute ist, sondern als von Martí inspirierter Nationalist. Das von ihm und seinen Leuten bekämpfte Terrorregime des Diktators Fulgencio Batista sah er als eine Marionette Washingtons. Die Konfrontation mit den USA war deshalb von Anfang an in seiner Revolution angelegt. Erst durch sie wurde Castro in den Zeiten des Kalten Kriegs geradezu in Moskaus Arme getrieben. Der ursprünglich nationalistische Revolutionsslogan «Patria o muerte» – das Vaterland oder den Tod – wurde erst später in «Socialismo o muerte» verändert.

Die späteren – vom revolutionären Kuba unterstützten – Befreiungsbewegungen in Zentralamerika waren zwar alle von Anfang an dezidiert links, führten aber zugleich das Nationale im Namen: die Frente Sandinista de Liberación Nacional in Nicaragua genauso wie die Frente Farabundo Martí para la Liberación Nacional in El Salvador und die Unidad Revolucionaria Nacional Guatemalteca. Alle bezogen sich in ihrer Ideologie mehr auf die bekannte Kombination aus Nationalismus, Unabhängigkeit und Antiimperialismus als etwa auf den Marxismus. Und bei allen war die antiimperialistische Komponente pure Notwendigkeit: In allen drei Bürgerkriegen wurden die jeweiligen Militärdiktaturen von den USA finanziert, angeleitet und tatkräftig unterstützt. In Guatemala hatte die CIA mit dem von ihm angezettelten Putsch gegen die Reformregierung unter Jacobo Árbenz 1954 die Voraussetzungen für einen Bürgerkrieg sogar selbst geschaffen.

Es ist das Verdienst von Hugo Chávez, die Vision des Simón Bolívar wiederentdeckt zu haben. Der 2013 verstorbene Präsident von Venezuela hat Unabhängigkeitsdenken und Antiimperialismus vom Nationalismus befreit. Die von ihm vorgeschlagene und 2004 zunächst von Kuba und Venezuela gegründete Bolivarianische Allianz für Amerika, kurz Alba, war ein Gegenentwurf zur damals von den USA angestrebten gesamtamerikanischen Freihandelszone mit dem spanischen Kürzel Alca und insofern antiimperialistisch. Der solidarischen Wirtschaftsgemeinschaft gehören inzwischen ausser den beiden Gründerstaaten auch Bolivien, Ecuador, Nicaragua und sechs weitere kleine karibische Staaten an. Das ist noch weit entfernt vom Traum Bolívars, hat aber immerhin den neoliberalen Konkurrenzvorschlag aus Washington verhindert.

Ein Staat, viele Nationen

Nationalismus ist damit in den links regierten Ländern Lateinamerikas nicht ad acta gelegt – im Gegenteil. In Bolivien aber wurde der Begriff «Nation» in den vergangenen Jahren mit einem ganz neuen Inhalt gefüllt. Im Grunde war es eine Rückbesinnung auf die Nation als gemeinsamen Sprach- und Kulturraum und die Anerkennung der Tatsache, dass so gesehen innerhalb der Grenzen eines Staats mehrere Nationen leben können. Sie alle haben Platz und dieselben Rechte in dem, was seit der Annahme einer neuen Verfassung in einem Volksentscheid vom 25. Januar 2009 der «Plurinationale Staat von Bolivien» genannt wird.

In dieser Verfassung heisst es, das Land sei ein «einheitlicher und gemeinsamer plurinationaler sozialer Rechtsstaat, frei, unabhängig, souverän, demokratisch, interkulturell, dezentralisiert und mit autonomen Gebieten». Bolivien gründe sich auf «politischer, wirtschaftlicher, juristischer, kultureller und sprachlicher Pluralität». Zum ersten Mal werden die rund vierzig Ethnien des Landes als vollwertige Nationen anerkannt, die nicht nur ihre eigene Sprache, Kultur und Wirtschaftsorganisation haben, sondern auch ihre eigene Rechtsprechung.

Es brauchte für so eine Verfassung wohl einen indigenen Präsidenten wie Evo Morales. Andere Länder Lateinamerikas mit ähnlicher ethnischer Zusammensetzung sind diesem Beispiel noch nicht gefolgt. Für sie sind Nation und Staat noch immer deckungsgleich. Auch in Bolivien wird es mehr brauchen als eine Verfassung, um das zwei Jahrhunderte alte Problem eines oligarchisch verfassten Staats zu überwinden. Über ein halbes Jahrtausend Rassismus lässt sich nicht per Dekret abschaffen, nicht bei den TäterInnen und auch nicht bei den Opfern, die ihre Marginalisierung meist verinnerlicht haben. Und doch ist der Wandel in Bolivien sichtbar. In den Ministerien sitzen nicht mehr nur hellhäutige Menschen, und in den besseren Wohnvierteln der Hauptstadt La Paz huschen Indígenas nicht mehr unterwürfig vorbei. Sie gehen heute aufrecht.

Der Nationalismus der Rechten

Was der Wirtschaft dient

Es gibt nicht nur antiimperialistischen oder linken Nationalismus in Lateinamerika – er hatte immer auch sein rechtes Gegenstück. Die jeweiligen lokalen Eliten nutzten nationale Ideologien immer zur Verschleierung ihrer wirtschaftlichen Interessen. In fast allen zwischenstaatlichen Kriegen auf dem Halbkontinent – vom Salpeterkrieg zwischen Chile, Bolivien und Peru (1879–1884) über den Chacokrieg zwischen Paraguay und Bolivien (1932–1935) bis hin zum Fussballkrieg zwischen Honduras und El Salvador (1969) – ging es um die wirtschaftlichen Interessen der jeweiligen Oligarchien; nationalistische Propaganda diente dabei der Mobilisierung. Nach innen wurde Nationalismus von der Rechten in erster Linie zur Unterdrückung der Kultur indigener Völker benutzt: mit der Behauptung, es gebe keine Indígenas, es gebe nur StaatsbürgerInnen.

Mit dem Kalten Krieg bekam der rechte Nationalismus überall in Lateinamerika eine antikommunistische Stossrichtung. Linke wurden als von aussen gesteuerte vaterlandslose Gesellen diffamiert. Die «einzigartige Nation» (gemeint war die Herrschaft der Oligarchie) müsse gegen den gleichmacherischen Kommunismus verteidigt werden. So heisst etwa der Refrain der Hymne der ultrarechten salvadorianischen Arena-Partei bis heute: «Patria si, comunismo no!»

Toni Keppeler

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