Nr. 16/2015 vom 16.04.2015

Heute würde Tell in der Hohlen Gasse auf Blocher warten

Die aktuelle Debatte um Mythen zeigt: Die Schweizer Geschichte ist ein steter Kampf zwischen fortschrittlichen und konservativen Kräften. Wie lässt sich ein nationaler Mythos weltoffen und fortschrittlich interpretieren?

Von Adrian Riklin

Dieser Tage fühlt man sich zuweilen ins tiefe 20. Jahrhundert zurückversetzt. Kaum ein Tag, an dem nicht die Gefährdung des Nationalbewusstseins suggeriert wird. Willkommen in einem Jubiläumsjahr, in dem mehr oder weniger historische Ereignisse als Basis dafür benutzt werden, nationale Mythen zu zementieren.

Der linke Historiker, Publizist und Politiker Jo Lang beschäftigt sich seit Jahren mit Nationalismen. Seinen Blick dafür hat er im Baskenland geschärft. 1981, auf dem Höhepunkt der baskischen Unabhängigkeitsbewegung, publizierte er seine Dissertation über die baskische Frage. «Sieben Jahre später, bei der zweiten Auflage, musste ich erklären, warum der nationalistische Ansatz in der neuen baskischen Linken derart dominant wurde», erinnert er sich im Garten seiner Berner Wohnung.

Die Erfahrungen im Baskenland haben Lang skeptisch gegenüber einer Sichtweise gemacht, die alles Nationale von vornherein negativ wertet: «Ich glaube nicht, dass es historisch eine Alternative zu den Nationen gegeben hat: Die ersten klassischen Nationen entstanden ja aus Emanzipationsbewegungen. Die Theorien, die davon ausgehen, dass die Nation immer etwas ist, das entweder vom Bürgertum oder durch Institutionen konstruiert wird, unterschätzen die Dynamik von unten. Daher lässt sich so auch das Phänomen des Nationalismus nicht erklären.»

Lang unterscheidet zwischen Nationalismen in unterdrückerischen und in unterdrückten Ländern oder Gebieten wie dem Baskenland. Er macht aber eine weitere Differenzierung: zwischen national-konservativen Formen des Nationalismus und abendländisch-konservativen, wie sie heutzutage in der Pegida-Bewegung auszumachen sind.

Nationalismus und Geschlecht

Diskutiert man in der Schweiz über Nationalismus, stellt sich heraus: Der Begriff ist diffus, er reicht von einem internationalistischen Regionalpatriotismus über einen Verfassungspatriotismus bis hin zu einem, je nach Härtegrad, europa-, globalisierungs- oder ganz und gar fremdenfeindlichen Nationalismus.

Bei den aktuellen Debatten hierzulande fällt auf: Nationale Geschichte und Identität werden auch im Jahr 2015 häufig noch immer so behandelt, als seien sie überwiegend Männersache. Da ist zunächst diese Deutungswut um die Schlacht am Morgarten. Dann die medial aufgeblähte Klage des Nationalspielers Stephan Lichtsteiner, dass die Fussballnationalmannschaft aufgrund der vielen eingebürgerten Spieler kaum mehr «Identifikationsfiguren» habe. Und schliesslich die Skandalisierung eines Fotos, auf dem uniformierte Schweizer Rekruten die albanische Fahne schwenken.

Geht es um nationale Identität, geistert immer noch das Bild des wehrhaften Urschweizers durch die Landschaft. Bei aller gesellschaftlichen Fortschrittlichkeit, die die Bildung der Nation seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begleitet hat: Der vaterländische Ausschluss der Frauen aus der politischen Gestaltung bis weit ins 20. Jahrhundert überschattet die Schweiz bis heute. Eine Folge davon ist, dass die Schweiz in Bereichen wie zum Beispiel der Familienpolitik derart rückständig ist.

«Dass die Frauen in diesem Staat so spät das Stimmrecht erhalten haben, hat auch mit dem mentalen Militarismus zu tun», sagt Lang. Der Mitgründer der Gruppe Schweiz ohne Armee kommt in Fahrt: «Bis zur Verfassung von 1874 geschieht die Entwicklung der schweizerischen Nation in einem fortschrittlichen Geist. Doch ab den 1880er Jahren verliert der Freisinn seine utopische Kraft. Die Gründung der Sozialdemokratischen Partei leitete 1888 den historischen Kompromiss zwischen Freisinn und Konservativen ein.» Bis zur Geistigen Landesverteidigung ab den frühen dreissiger Jahren sei das freisinnige Nationalbewusstsein noch ein Zwitter aus Verfassungspatriotismus und Alpenmythos geblieben. Doch mit der Geistigen Landesverteidigung und noch mehr mit dem Antikommunismus im Kalten Krieg sei es immer exklusiver geworden: «Diese Militarisierung des National- und Bürgerbewusstseins war auch ein Grund dafür, dass bis vor wenigen Jahrzehnten nur ein wehrhafter Mann ein richtiger Bürger sein konnte», sagt Lang: «In der Appenzeller Landsgemeinde galt bis vor kurzem noch der Degen als Ausweis.»

Zur Debatte über die Schweizer Geschichte, wie sie derzeit geführt wird, meint Lang: «Natürlich gilt es, auf der Unterscheidung zwischen Mythos und Wirklichkeit zu beharren. Zugleich aber sollte man anerkennen, dass die Wirkungen dieser Mythen sehr real sind.»

Das Beispiel Wilhelm Tell zeige, wie unterschiedlich ein Mythos auch innerhalb eines Nationalverständnisses interpretiert werden könne: «Friedrich Schillers Tell ist ein Menschenrechtsaktivist. Darum ist er in der Linken global fast so anschlussfähig wie Che Guevara: Tell als emanzipatorischer Freiheitskämpfer, der von unten gegen oben kämpft.»

Demgegenüber: Tell als fremdenfeindlicher Alpensohn. Als Beispiel rezitiert Lang einen Satz des Zürcher Literaturprofessors Karl Schmid. Beschwörerisch verkündete dieser 1939 an einer freisinnigen Tagung: «Uns ist es wichtiger, dass er von den Bergen herniedersteigt in genagelten Sohlen, als dass er die Sprache der Menschenrechte spricht.» Der gespenstische Satz passt massgeschneidert zu heutigen Aussagen von SVP-PolitikerInnen, die für ihre Anti-Menschenrechts-Initiative weibeln. «In diesen beiden Tell-Projektionen», sagt Lang, «spiegeln sich zwei Vorstellungen von Nation, die sich bis heute gegenüberstehen. Der Streit, den wir heute führen, geht genau um dieses Zitat: Landesrecht vor Menschenrecht.»

Ausgerechnet Tell also, dieser Aufständische, der französische Revolutionäre ebenso inspiriert hat wie katalanische AnarchistInnen, als Galionsfigur für den Kampf gegen die Menschenrechte? Jo Lang holt zu einer Geschichtslektion aus: «Als der Begriff der Nation erstmals im modernen Sinn auftauchte, war er in erster Linie sozial aufgeladen. La Nation, das ist der dritte Stand – alle ausser dem Adel und dem Klerus. Es handelte sich zunächst um eine weltoffene Vorstellung von Nation: Jedermann, der sich der Revolution anschloss, konnte französischer Staatsbürger werden – egal von wo er gekommen war. Die ersten klassischen Nationen sind alle aus zivilgesellschaftlichen Ausbrüchen entstanden; nicht im Kampf gegen äussere Rivalen, sondern gegen Unterdrückung im eigenen Land. Ethnizismus und Kulturalismus wurden erst später dominant.»

Die Entstehung der Schweizer Nation sei besonders interessant, weil es auf diesem Territorium weder eine gemeinsame Sprache noch eine gemeinsame Kultur oder Konfession gegeben habe. «Die Überwindung dieser Gräben war schon für die 1762 gegründete Helvetische Gesellschaft die Hauptaufgabe bei der Bildung einer schweizerischen Nation, nicht der Kampf gegen Fremde. So war es gerade diese innere Heterogenität, die einen starken Bezug zu nationalen Mythen hervorrief: Die Köpfe der Helvetischen Gesellschaft betteten den Tell-Mythos jedoch zunächst in einen sehr kosmopolitisch-humanistischen Kontext ein.»

Nation als Solidargemeinschaft

Lukas Niederberger hat fast täglich mit nationalen Mythen zu tun. Als Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) ist der fünfzigjährige Theologe auch für die Organisation der Bundesfeier auf der Rütliwiese mitverantwortlich. An den Wänden in seinem Zürcher Büro hängen 1.-August-Postkarten, quer durch das 20. Jahrhundert.

Die 1810 gegründete SGG verstand sich von Anfang an als Erbin der Helvetischen Gesellschaft. Für die Entwicklung und Gründung des Bundesstaats war sie die wichtigste sozialpolitische Organisation der Schweiz. So setzte sie sich etwa für die Einführung einer obligatorischen und unentgeltlichen Volksschule ein.

Derzeit geniesst die SGG eine erhöhte Medienpräsenz. Der Grund dafür liegt in einem öffentlichen Wettbewerb, mit dem die Gesellschaft eine neue Nationalhymne ermöglichen will. Niederberger selbst wirkt gar nicht nationalistisch. Spricht er über die Schweiz, meint er eine «Solidargemeinschaft». Was aber heisst das, wenn er in einem Artikel schreibt, die «kollektive Standortbestimmung», die durch die Auseinandersetzung über einen neuen Hymnentext entstehe, sei «eine Chance für die nationale Identität»?

Die Stimme des ehemaligen Jesuiten wird eine Spur ernster: «Die Hauptfrage, die sich uns stellt, lautet: Wie können wir die Schweiz als Solidargemeinschaft neu beleben? Galt es vor der Gründung des Bundesstaats, vor allem konfessionelle und kantonale Gräben zu überwinden, so sind es heute das soziale Gefälle, die Gräben zwischen den Generationen, Stadt und Land, den Sprachen und auch der Graben zwischen der Wirtschaft und dem Milizsystem.»

Seit den neunziger Jahren fördert die SGG vor allem die Freiwilligenarbeit. «Angesichts der Tatsache, dass die Wirtschaft gegenüber dem Staat immer mächtiger wird», sagt Niederberger, «stellt sich auch die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung der Wirtschaft. In einer Zeit, in der sich immer weniger Personen für das Milizsystem einsetzen, bröckelt der Kitt der Gesellschaft. Da braucht es einen Kulturwandel. Uns geht es, und das umso mehr im Zeitalter der Globalisierung, um die Identifikation mit dem Staat als Solidargemeinschaft.»

Doch braucht es dafür nationale Mythen wie das Rütli oder eine Hymne? Niederberger: «Dass das Rütli seit dem Zweiten Weltkrieg von rechtsbürgerlicher Seite instrumentalisiert worden ist, liegt daran, dass es ein inhaltliches Vakuum gab. Und mit dem Fall der Swissair und der Grossbanken sind nationale Fundamente ins Wanken geraten – darum dieser verstärkte Rückbezug auf ältere Mythen. Das Rütli aber soll nicht einseitig ideologisch vereinnahmt werden, sondern einem offenen, dialogischen und integrierenden Geist dienen: als Ort, wo man sich mit Geschichte auseinandersetzen kann. Als Ort des Nach- und Vorwärtsdenkens – nicht der Heldenverehrung. Das Rütli soll dem Kitt der Schweiz dienen, nicht der Polarisierung.» In diese Richtung geht auch die von der SGG initiierte interaktive Ausstellung «Ich bin ein Teil der Schweiz», in der «durch die Auseinandersetzung mit Schweizer Identitäten und Privilegien auf konstruktive Art Fremdenfeindlichkeit abgebaut werden» soll.

Ein neues Rütli

Einiges erhofft sich Niederberger auch von der neuen Nationalhymne. Als Grundlage soll die Präambel der Bundesverfassung dienen, deren darin festgehaltene Werte (Demokratie, Vielfalt, Freiheit, Frieden, Solidarität) vor fünfzehn Jahren vom Schweizer Volk mit grosser Mehrheit bekräftigt wurden. «Wir gehen davon aus, dass sich diese Werte, wenn man sie vertont und häufig singt, verinnerlichen können.»

Im September soll die Siegerhymne gekürt werden. Und später, bei genügender Popularität, vom Bundesrat zur künftigen Nationalhymne bestimmt werden. Ob sie als solche tatsächlich offiziell ertönen wird, ist ungewiss. «Uns ist eine landesweite Diskussion über die in der Verfassung verankerte Präambel fast so wichtig wie die Bestimmung des Siegerbeitrags als neue Hymne», sagt Niederberger. Und noch etwas: «In der Schweiz hat es Tradition, dass eine Hymne von unten wächst. Auch gibt es für den Gesang der heutigen Hymne keine gesetzliche Verpflichtung – ausser einer Verordnung aus dem Jahr 1981 bezüglich militärischer Anlässe und Staatsempfängen. Die Fussballnati könnte also auch Polo Hofers ‹Alperose› singen.»

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