05.11.1998

Die Bankiers in Nöten

So überraschend traf die militärische Besetzung Zürichs die Arbeiter, dass viele an eine gezielte Provokation glaubten. Das Protokoll einer Bankierssitzung gibt Auskunft.

Von Mario König

Das seien «nicht gewollte, sondern durch Regie aufoktroyierte Bewegungen» gewesen, befand der kluge Aussenseiter Fritz Brupbacher in seinem Tagebuch, nachdem der Truppeneinzug in Zürich den landesweiten Proteststreik ausgelöst hatte. Und der (sehr gemässigte) Sozialdemokrat und Stadtpräsident von Biel, Gustav Müller, meinte im militärgerichtlichen Prozess, dem man im Frühjahr 1919 die Streikführer unterwarf, «dass die Provokation zwar nicht vom Bundesrat, aber ganz zweifellos vom Generalstab gewollt war, und zwar in einer Art, die psychologisch ganz richtig ist. Der Generalstab hat sich gesagt: Wenn wir ein derartiges Truppenaufgebot erlassen, haben wir den Generalstreik ganz sicher. Dann müssen wir ein noch grösseres Truppenaufgebot haben, damit wir das Vaterland retten können. Und wir werden das Vaterland auf diese Weise retten.»

Tatsächlich hatte die Militärclique um General Ulrich Wille seit Monaten auf präventiv begründete militärische Massnahmen gedrängt. Grösste Beunruhigung weckte hier die Vorstellung, unvorbereitet mit einem Generalstreik konfrontiert zu werden. Der Gegenseite traute man alles zu, den Arbeiterführern unterstellte man phänomenales organisatorisches Geschick und unbegrenzte Macht über eine hörige Gefolgschaft, die sich auf einen Wink in Bewegung setzen könnte. Das war zwar hanebüchener Unsinn, illustriert aber trefflich, in welchem Ausmass sich die Militärköpfe von der sozialen Realität des Landes isoliert hatten. Dort herrschte bittere Not, doch von umsturzbereiten Massen oder einer zum Handeln entschlossenen Führung konnte keine Rede sein. Zunächst überwog denn auch die Abneigung der politischen Behörden, zum Präventivschlag zu greifen. Der General kam zu seinem Verdruss nicht zum ersehnten Einsatz gegen den «grossstädtischen Pöbel», dessen Bild die Arbeitgeberpresse hysterisch beschwor.

Der Streik der Bankangestellten

Der Oktober 1918 brachte die Wende – plötzlich sahen sich die Generalstäbler von einer aufgeregt nach militärischer Existenzgarantie rufenden Gruppierung überholt. Am 30. September waren in Zürich die Bankangestellten in den Streik getreten, und am Nachmittag des 1. Oktober löste die Arbeiterunion einen unterstützenden lokalen Generalstreik aus. Die Zürcher Banken mussten bedingungslos kapitulieren, obwohl Direktor Hermann Kurz von der Kreditanstalt beharrlich den Einsatz staatlicher Machtmittel verlangte: Die arbeitswillige Mehrheit – so insistierte er – werde von einer gewalttätigen Minderheit und den zur Verstärkung aufgerückten Streikposten der Arbeiterunion drangsaliert. Mit dem Personalverband verhandeln wollte er aber um keinen Preis; eben die rigorose Missachtung des Koalitionsrechts durch die Unternehmer hatte ja dazu geführt, dass selbst den brävsten aller Arbeitnehmer der Geduldsfaden gerissen war.

Regierungspräsident Gustav Keller, zur Vermittlung eingeschaltet, hielt den Bankiers denn auch kühl entgegen, dass die Verweigerung von Verhandlungen rechtlich kaum haltbar und die verfügbaren Polizeikräfte ohnehin zu schwach seien. Ein Militäraufgebot aber, daran liess er keinen Zweifel, würde den lokalen Generalstreik unbedingt provozieren. In dieser Auseinandersetzung wären die Arbeiterorganisationen nicht isoliert dagestanden. «Es ist Tatsache, dass in der Streik-Angelegenheit die Sympathien des Publikums völlig auf Seiten des Personals gestanden haben», meldeten – intern – selbst die Bankleiter.

Der Zürcher Bankenstreik löste eine Lawine aus. Vor und hinter den Kulissen agitierten Banken, sonstige Arbeitgeber und ihnen nahe stehende Kreise gegen den verwerflichen «Anschlag auf den Rechtsstaat», der da in Zürich stattgefunden hatte. «Dieses widerliche Schauspiel, das in der Sozialpolitik ein bisher noch nie dagewesenes Novum darstellt», hiess es in den Spalten der NZZ, wo am 20. Oktober Fritz Fleiner zum Gegenschlag ausholte. Fleiner, ein bedeutender schweizerischer Staatsrechtler dieses Jahrhunderts, war ein kluger Kopf, der schon manchen durchaus kritischen Gedanken zur schweizerischen Verfassungspraxis vorgetragen hatte. Aber er war auch Verwaltungsrat der Kreditanstalt, der er keineswegs über die juristische Natur des Koalitionsrechts Vorlesung zu halten gedachte – ein Dr. Jekyll und Mister Hyde. Seit 1915 Professor an der Universität Zürich, gehörte Fleiner zum innersten bürgerlichen Machtkreis. In Zürich war sein früh verstorbener Bruder, Albert Fleiner, einst Chef der NZZ gewesen – und nebenbei bemerkt ein alter Studienfreund von Hermann Kurz, des Bankgewaltigen der Kreditanstalt. Fritz Fleiner zog alle Register. In den ersten Novembertagen ging dem Bundespräsidenten seine Warnung zu, dass die «Generalprobe» des Zürcher Generalstreiks jederzeit wiederholt werden könnte. Die Besetzung von Bahnhof, Post und Telegraf sei schon fix und fertig geplant gewesen, «um das Ausladen von Truppen zu verhindern». Bei nächster Gelegenheit werde «der Plan ins Werk gesetzt und die Stadt Zürich, von der übrigen Schweiz abgeschnitten, – der Schauplatz eines bolschewistischen Handstreichs werden».

Deutschtümler vor der Revolution

Fürchtete diese grossbürgerliche Gruppe wahrhaftig die Revolution in der Schweiz? Vielleicht schon – ein bisschen –, was man aber mindestens so sehr fürchtete, war die überfällige Sozialreform. In den Worten des Industriellen Iwan Bally vom Mai 1918: «Die Arbeiter haben immer neue Wünsche vorzutragen und einige jungfreisinnige Gruppen unterstützen sie mit Ideen, die sie wohl den russischen Führern abgelauscht haben, zum Beispiel Gewinnbeteiligung, Beteiligung an Eigentum und Leitung.» Die Herren verdienen einen näheren Blick: Bleiben wir einen Moment bei Fleiner, Kurz und Julius Frey, dem mit ihm befreundeten Verwaltungsratspräsidenten der Kreditanstalt. Aufgewachsen in den frühen Jahren des Bundesstaats, dessen Gründung und dessen demokratische Kämpfe der 1860er Jahre keine reale Erfahrung mehr gewesen waren, hatten die drei die Aarauer Kantonsschule besucht. Ihre Lebensbahn beschritten sie im Schatten des machtvoll aufsteigenden wilhelminischen Kaiserreichs. Deutschland bewunderten und verehrten sie, und die Erschütterung über Deutschlands Niederlage vereinte sie jetzt – auch mit Ulrich Wille, dem deutschtümelnden General. Ihre sozialen Anschauungen waren gefärbt von der inneren Nähe zur deutschen Untertanenfabrik.

Als Hermann Kurz die Zürcher Bankiers am 5. November zur eilig einberufenen Sitzung begrüsste, hatte – so schien ihm – die Stunde geschlagen. Der eingangs verlesene Brief «einer sehr beachtenswerten Persönlichkeit» an die Kreditanstalt, der vor «Revolution, Anarchie, Terrorismus» warnte, dürfte wiederum vom eifrigen Professor Fleiner gestammt haben. Die Bankiers rannten offene Türen ein, denn inzwischen waren in Deutschland Unruhen ausgebrochen, und auch der General stürmte erneut. Als am folgenden Tag die in der Sitzung vom 5. November vereinbarte Bankendelegation den Regierungsrat aufsuchte, um ultimativ eine militärische Besetzung von Zürich zu fordern, wurde sie von der Regierung bereits in der Kaserne empfangen. Am Vorabend war notfallmässig in Bern das Truppenaufgebot beschlossen worden; jetzt ging es auf Biegen und Brechen. Wille selbst war noch vor wenigen Tagen in Zürich gewesen. Wir wissen nicht, mit wem er dort sprach; Willi Gautschi aber vermutet, dass Zürcher Bankiers darunter gewesen sein könnten. Dafür spricht einiges. Dem General freilich imponierten die Bänkler nicht im Geringsten; intern machte er aus seiner Verachtung kein Hehl, und ein paar Monate später schrieb er, rückblickend auf die siegreich geschlagene Schlacht: «Als ich das starke Truppenaufgebot veranlasste und den Truppenkommandanten den gemessenen Befehl gab zum energischen Handeln und sich zu keinem Kompromiss mit den ängstlichen Bedenken der bürgerlichen Behörden einzulassen, erachtete ich die drohende Gefahr keineswegs so gross, wie allgemein in den bürgerlichen Kreisen und in den bürgerlichen Behörden geglaubt wurde.» Das war nun deutlich genug. «Ängstliche Behörden» mit demokratischen Skrupeln waren dem General ein Gräuel. Die angeblich zum Sprung bereiten Umstürzler machten ihm weit weniger Sorgen.

PS: Was in jenen aufgeregten Tagen genau ablief, wer dabei welche Ziele verfolgte, wissen wir auch heute nur ungefähr. Weder die Forschungen von Willi Gautschi noch jene von Niklaus Meienberg vermochten die Öffnung privater Archive herbeizuführen. Und mit der Hilfe eines amerikanischen Senators ist in diesem Fall nicht zu rechnen.

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