05.11.1998

Die revolutionären schönen Mythen

«Zu Hause am Mittagstisch habe ich dann Fragen gestellt wie: Warum haben die gestreikt? Was sind Bolschewiken? Wer war Sonderegger?» Aus der Geschichte eines Linken.

Von Josef Lang

Wie von vielem andern vernahm ich vom Generalstreik das erste Mal in der Kirche. Noch gut mag ich mich an die Szene erinnern, als der dicke Dorfpfarrer in der Sonntagspredigt seinen Schäfchen mit vorgestrecktem Arm und geschlossener Hand zurief: «Unsere Söhne sind in Zürich hinter Sonderegger mit seinem gezogenen Säbel gegen die Bolschewiken losgestürmt.» Zu Hause am Mittagstisch habe ich dann Fragen gestellt wie: Warum haben die gestreikt? Was sind Bolschewiken? Wer war Sonderegger? Wie üblich stritten sich dann Mutter und Grossvater zum Ärger des Vaters und der jüngeren Geschwister über die richtigen Antworten auf meine «dummen Fragen».

Der Grossvater, der selber beide Aktivdienste mitgemacht hatte, erzählte, wie schlecht es seinen Kameraden, die Arbeiter waren, und ihren Familien gegangen war und wie sich die Reichen im Krieg bereichert hätten: «Wir Bauern haben uns gegen die Fabrikler missbrauchen lassen.» Die von der katholischen Soziallehre stark geprägte Mutter sah in diesem Fall vor allem das Weltanschauliche und wies auf die «Gottlosigkeit» der «Bolschewiken» hin. Der Grossvater wandte ein, dass es gar nicht um den Glauben, sondern ums Brot gegangen sei. Und der Oberstdivisionär Sonderegger war für ihn ohnehin bloss ein «Fröntler».

Etwa ein Jahrzehnt später hatte ich an der Zürcher Universität eine Auseinandersetzung mit dem Geschichtsassistenten Peter Hablützel. Während er die grimmsche Einschätzung der Schweiz und des Generalstreiks verteidigte, machte ich mich stark für jene Lenins. Das SP-Mitglied Hablützel argumentierte praktisch und konkret wie seinerzeit mein Grossvater, und ich, der es inzwischen vom Ministranten zum Trotzkisten gebracht hatte, ähnlich ideologisch wie meine Mutter. Der Generalstreik diente uns als Beweis für die Möglichkeit einer Revolution in der Schweiz, aber dazu musste er selber etwas Revolutionäres gehabt haben. Zudem hatte sich die Reaktion im Generalstreik genau so verhalten, wie es zu unserem Konzept des «revolutionären Antimilitarismus» passte. Für diese Sache engagierte ich mich in jenem Sommer im Rahmen der Rekrutenschule. Unter anderem schrieben wir zum ersten Jahrestag des Chile-Putsches Bundesrat Gnägi einen von der Mehrheit der Einheit unterzeichneten offenen Brief, in dem wir erklärten, «dass wir uns weigern werden, jemals auf streikende Arbeiter oder demonstrierende Jugendliche zu schiessen». Kurz darauf wurde ich aus politischen Gründen aus der RS ausgeschlossen und vor Militärgericht gestellt. Auch im Prozess wurde des Generalstreiks gebührend gedacht.

Am 6. November 1978 erschien in der «Bresche», dem Organ der Revolutionären Marxistischen Liga, ein Text mit dem etwas umständlichen Titel: «Vor 60 Jahren: Landes-Generalstreik und was darauf folgte – zum Heulen?» Der Vorspann stellte die beiden Extrem-Interpretationen einander gegenüber: «War er nur eine kleine Störung des Kapitalismus, wie es sozialdemokratische Autoren glauben machen wollen, oder war er eine verhinderte Revolution?» Die Antwort lag näher bei der zweiten Variante, betonte aber: «Ohne Zweifel lag die Macht im November 1918 in der Schweiz nicht auf der Strasse.» Unter Berufung auf Rosa Luxemburg wurde weiter festgehalten, 1918 sei eine «Möglichkeit verpasst» worden, «ausgehend von der Stärke der radikalen Arbeiterschaft der Deutschschweizer Städte mit einer Massenstreikpolitik das Gewicht der kleinbürgerlichen Ideologie unter Arbeitern und Angestellten zu überwinden und den bis über die Ohren verschuldeten Kleinbauern eine antikapitalistische Bewegung als glaubwürdige Alternative anzubieten.» Bezeichnend an dieser Sichtweise, deren Betonung der Bewegung sehr wohl etwas für sich hat, war: Die Gesellschaft besteht nur aus Klassen und die Politik nur aus Klassenkampf. Die Frage im «Bresche»-Titel stammte übrigens von Ernst Nobs, dem ersten SP-Bundesrat. Den Kommentar über den Abbruch des Landesstreiks hatte er, damals noch «Volksrecht»-Redaktor, mit dem Satz begonnen: «Es ist zum Heulen!»

Mit dem doppelten Verlust des Glaubens – jenem an die Revolution und jenem an ihre soziale Hauptträgerin, die Arbeiterklasse – verlor auch der Generalstreik von seinem Glanz. Im Herbst 1988, mitten in den Vorbereitungen für den GSoA-Abstimmungskampf, standen für mich nicht mehr die «inneren» Einsätze und der Klassencharakter der Armee im Mittelpunkt, sondern ihre sozialpsychologische und symbolische Rolle als «Seele der Nation». Zwei Jahre später stellte ich in einem Theorie-Beitrag für die WoZ «1918» in eine Reihe mit «1848», «1868» (Sturz des «Systems Escher»), «1968» und «1989» und verstand diese Jahreszahlen als Chiffren für «zivilgesellschaftliche Aufbrüche» (siehe WoZ Nr. 1/91).

1918 hätte zum wichtigsten Wendepunkt seit 1848 werden können, wenn der Generalstreik mit seinen sozialen und demokratischen Forderungen, die auch in mittelständischen, linksfreisinnigen und teils sogar christlichsozialen Kreisen auf Sympathien stiessen, auf irgendeine Weise gelungen wäre. Dann wäre es möglich geworden, gegen die rechte Bürgerblock-Politik mit all ihren autoritären, regressiven und fremden- und judenfeindlichen Stossrichtungen eine sozialere, demokratischere und liberalere Alternative durchzusetzen. Das wäre keine Revolution und erst recht keine sozialistische gewesen, aber ein politischer und kultureller Kurswechsel – in Gegenrichtung zur «helvetischen Enge» und zur späteren «geistigen Landesverteidigung». Für eine solche Wende wäre auch mein Grossvater, der gläubige Kleinbauer, zu haben gewesen. Und er hätte es vielleicht fortan nicht beim sonntäglichen Kopfschütteln über die reaktionären Kanzelreden bewenden lassen.

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