05.11.1998

Leben ohne Geschichte

Die Parteien verkommen mehr und mehr zu Wahlvereinen und haben ihrer Geschichte abgeschworen. Der Generalstreik ist kein sozialdemokratisches Ereignis mehr und ein gewerkschaftliches auch nicht.

Von Peter Bichsel

Als ich 1957 in die Sozialdemokratische Partei eintrat, war das durchaus auch ein romantischer Entscheid. Ich trat nicht nur in eine Partei ein, ich trat in eine Tradition ein, in eine Geschichte, die Geschichte der Arbeiterbewegung. Ich gehörte nun dazu zu jenen, die gekämpft hatten vor vielen Jahren. Eigentliche Kämpfe habe ich nicht erlebt in dieser Partei, auch wenn von Kämpfen gesprochen wurde, von Wahlkämpfen zum Beispiel. Aber die Vorstellung blieb, dass das, was wir taten, tun wollten, erhofften, in einer Tradition stand. Und die Tradition hatte einen Namen: «Generalstreik 1918». (Der Name der Schriftstellergruppe «Gruppe Olten» hat, auch wenn niemand mehr davon wissen will, damit zu tun. Nicht nur, weil sich in Olten ein paar Schriftsteller trafen, die aus dem Schriftstellerverein ausgetreten waren, sondern auch, weil der Name an das «Oltner Komitee» erinnern sollte, das den Generalstreik auslöste. Ich muss es wissen, der Name war mein Vorschlag, aber gut, Romantik.) Inzwischen haben wir das Ende der Aufklärung erreicht. Sie hatte politisch mit der amerikanischen Revolution begonnen. Die französische war eine Folge von ihr und die russische – ob uns das passt oder nicht – auch. Der Zusammenbruch der Sowjetunion fiel nicht nur zufällig mit dem Ende der Aufklärung zusammen.

Das Ende der Aufklärung ist aber auch das Ende des Geschichtsbewusstseins: Es gibt zwar die Geschichte noch, die Geschichtsschreibung auch, aber sie läuft neben uns her, wir haben mit ihr nichts mehr zu tun, wir leben nicht mehr in einer Tradition, nur noch im Jetzt.

Die Achterjubiläen, 1798, 1848, 1918, 1968 können gefeiert werden oder nicht gefeiert werden, sie gehören nicht mehr zu unserer Geschichte, sondern nur noch zur Geschichte. (So wie wir glauben wollen, dass das Verhalten der Schweiz im Zweiten Weltkrieg nicht unsere Geschichte sei, sondern nur Geschichte.)

Nun hatte diese Tradition, «Generalstreik», auch durchaus ihre Lächerlichkeit und Gefährlichkeit, unsere romantische Vorstellung von einer schweizerischen Geschichte der Arbeiterbewegung schrumpfte zusammen auf jene knapp drei Tage des Generalstreiks – es war getan, wir hatten nichts zu tun, wir hatten nur dazu zu stehen. Der Generalstreik bestärkte uns auch in der Vorstellung, dass es mal einen gradlinigen, senkrechten und tapferen Sozialismus gab. Die wirkliche Geschichte der Arbeiterbewegung hätte uns wohl viel früher zu Pragmatikern gemacht. Und der wirkliche Sozialismus – nicht der reale, der wirkliche – war wohl ohnehin pragmatischer, als wir uns das vorstellten.

Aber wenn wir das Ende der Aufklärung konsequent durchdenken, dann wird dieses Ende letztlich auch das Ende der Parteien sein. Sie verkommen mehr und mehr zu Wahlvereinen, definieren sich als Parteien der Mitte, lassen sich genüsslerisch von den anderen als Linke oder Rechte beschimpfen und haben etwas gemeinsam, sie haben ihrer Geschichte abgeschworen – der Generalstreik ist kein sozialdemokratisches Ereignis mehr und ein gewerkschaftliches auch nicht.

Mein Eintritt in die Partei fiel mir damals, 1957, nicht nur leicht. Ich entschied mich sozusagen für die Unanständigkeit. Mein Grossvater, den ich verehrte, war ein echt frommer Mann. Er erzählte, wie sie als Kinder, viele Kinder, auf dem Lehmboden ihrer Hütte knieten und für ihren Brotgeber (nicht Arbeitgeber, sondern Brotgeber) beteten. Denn ihnen ging es schlecht, der Vater, ein Weber, hatte keine Arbeit, und sie dachten sich, wie viel schlechter es dann dem Brotgeber gehen müsse. Mein Grossvater war später Sanitätsgefreiter im Ersten Weltkrieg, und er hat um die Leben der Grippekranken gerungen, mit harter Arbeit und wohl auch mit Gebeten. Und er war ein Leben lang davon überzeugt, dass die Grippeepidemie die Strafe Gottes für den Generalstreik war. Denn Arbeit ist gottgewollt, und die verweigert man nicht, und Brotgebern hat man dankbar zu sein. Ich kann meinem Grossvater heute noch nicht böse sein für seine Überzeugung.

Mein Parteieintritt war der Eintritt in die historische Unanständigkeit. Aber die Partei bewegte sich schon längst auf dem Weg in die Salonfähigkeit. Die Führer des Generalstreiks wurden Regierungsräte, Bundesräte, Bern-Lötschberg-Simplon Bahndirektoren und erklärten ihren Genossen, die nicht mehr so hiessen, dass Politik etwas Pragmatisches sei. Sie erklärten ihnen auch, dass sie als Sozialisten in ihren Gremien in der Minderheit seien, und sie genossen die Gemütlichkeit der Minderheit. Das ist auch nicht so schlimm, viel schlimmer ist der Verlust der Tradition. Geschichtsbewusstsein war eine stolze Forderung der Sozialisten. Ohne Vorstellungen gibt es keine Partei, gibt es keine Gewerkschaft. Ohne die Vorstellung Generalstreik hätte es sie schon längst nicht mehr gegeben.

Ich stelle mir vor, dass der Gewerkschaftsbund eine stündige Arbeitsniederlegung im Gedenken an den Generalstreik ausrufen könnte, oder fünf Minuten, oder zehn Sekunden, rein symbolisch. Ich sehe ein, dass mein Vorschlag nostalgisch ist. Es gibt keine Symbole mehr, es gibt keine Geschichte der Arbeiterbewegung mehr, es gibt keine … Die Postmoderne, das Ende der Aufklärung, ist ein Leben ohne Tradition.

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