Uğur Gültekin (urg)

Digitale Kanäle

In mir die Wände (9): Von unten

Was macht unsere Identität aus? Vielleicht ist sie wie Holz – entstanden aus dem, was vor uns war. Aus Schichten, die sich verdichtet haben, aus den Bedingungen, in die wir hineingewachsen sind, aus dem Druck, der uns geformt hat.


In mir die Wände (8): Husten

Es riecht nach aggressivem Putzmittel. Hohe Decken, Holz und Stahl – wir sind klein in diesem Raum. Ich sitze auf dem Plastikstuhl, meine Beine baumeln in der Luft, erreichen den Boden kaum. Mama hat gesagt: Nicht bewegen. Still sein. Ein Formular vor Papa.



In mir die Wände (7): Das schönste Spiel

«Es läuft die 89. Spielminute, die Schweiz steht vor der ganz grossen Sensation! Abstoss bei Gnägi, Captain Bigoni lässt sich leicht zurückfallen, holt sich den Ball. Bigoni, Lapp, zurück zu Bigoni.


In mir die Wände (6): Kopfgeld

350, 200, 20, 400. Ich addiere, subtrahiere, wäge ab, zähle dazu, ohne Papier, nur in meinem Kopf: Essen. Kleider. Ausflug. Neuer Fussball. Ich kürze. Streiche. Rechne wieder. Wird es reichen? Wie werden wir reich? Werde ich reichen?


In mir die Wände (5): Unter Ratten

Ich schwimme im Dunkel eines Meeres. Über mir, in der Ferne, ist ein Licht. Es regnet heftig, ich höre das dumpfe Pulsieren der Tropfen, wie sie auf die Oberfläche trommeln. Ich strecke mich nach dem Licht, glaube, es fassen zu können.


In mir die Wände (4): Fremd gemacht

Wer das Fremde besonders intensiv fürchtet, macht diese Angst nicht selten zu seinem Massstab. Der legt fest, was Norm ist, was erlaubt und was verboten – und duldet keine Abweichung. Entscheidet, wer dazugehört und wer draussen bleibt.


In mir die Wände (3): Räuber und Poli

Nach unserer Ankunft im Rheintal war der Park vor unserer Wohnung zu meinem Lebensmittelpunkt geworden. Wir spielten stundenlang Fussball, alberten herum, liessen Drachen steigen, fuhren Velorennen drumherum, krochen durch die Röhren.


In mir die Wände (2): Angekommen

An die ersten Wochen in der Schweiz habe ich kaum Erinnerungen. Für meine Mutter hingegen sind sie glasklar: Freunde meines Vaters holen uns an der Grenze ab und fahren uns quer durchs Land in den Jura.


In mir die Wände (1): Reise der Hoffnung

Manchmal ist es nur ein Gerücht, ein Traum, eine Geschichte, die jemand erzählt hat: Dort drüben gibt es Arbeit. Dort drüben gibt es Frieden. Dort drüben gibt es eine Zukunft. Dort drüben kannst du Mensch sein.