«Wir wecken die Menschen – deshalb ist unsere Arbeit so gefährlich» Wegen ihres Einsatzes für Bücher musste die südsudanesische Autorin Stella Gaitano den Sudan verlassen.

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Portaitfoto von Stella Gaitano
«Dialog ist das Gegenteil von Gewalt: Anstatt mit Waffen Macht auszuüben, kann 
man mit Worten überzeugen»: Stella Gaitano.
Foto: Maximilian Gödecke

WOZ: Stella Gaitano, Ihr Roman «Eddos goldenes Lächeln» (vgl. «Muttermilch für den Baum») spielt im Sudan und dem heutigen Südsudan von Mitte der sechziger bis Anfang der achtziger Jahre. Warum haben Sie diese Epoche für Ihre Geschichte gewählt?

Stella Gaitano: Die sechziger und die siebziger Jahre gehören zur postkolonialen Ära. Viele Länder des Globalen Südens befanden sich damals in einer Übergangsphase – auch der Sudan. Leider haben die damaligen Leader diese Phase schlecht bewältigt: Sie übernahmen die Denkweise der ehemaligen Kolonialherren, unterdrückten Minderheiten, missbrauchten ihre Macht und waren nur auf ihren eigenen Vorteil aus. Es waren sehr komplexe Jahre.

Natürlich begann die Zerstörung des Landes schon mit der Kolonialisierung. Doch in den Sechzigern und Siebzigern ging sie weiter – die Geschichte lief damals in die falsche Richtung. Und die Situation, in der wir uns jetzt befinden, ist die Folge davon.

WOZ: Im Sudan herrschen seit Jahren ein furchtbarer Krieg und die grösste Flüchtlingskrise der Welt, grosse Teile der Bevölkerung sind von Hunger und Gewalt bedroht.

Stella Gaitano: Seit drei oder vier Generationen drehen wir uns im Kreis: Krieg ist hier zur Normalität geworden, der Tod von Menschen und die Gewalt gehören zum Alltag. Deshalb schreibe ich historische Romane über den Sudan: damit man dieses Kontinuum erkennt und versteht. Aber ich weiss nicht, wie wir diesen Kreislauf der Gewalt durchbrechen können.

Dabei wäre ein anderes Heute möglich gewesen: Als zum Beispiel Dschafar an-Numairi Ende der sechziger Jahre durch einen Militärputsch an die Macht kam, bestand kurz Hoffnung. Doch dann führte er die Scharia ein, definierte den Sudan als ein arabisches Land, den Islam als dessen Religion und Arabisch als Landessprache. Aber der Sudan ist sehr vielfältig, die Menschen im Südsudan haben eine andere Religion als die im Norden und sprechen kein Arabisch. Damals verschärfte sich der Konflikt zwischen dem Norden und dem Süden.

WOZ: Dieser Konflikt ist in Ihrem Buch omnipräsent: Die Protagonist:innen sind alle vom Süden in den Norden gekommen. In Khartum leben sie gemeinsam in einem Haus, während die politischen Ereignisse um sie herum ihren Lauf nehmen.

Stella Gaitano: Mein Buch zeigt einen Sudan, den wir nie hatten: einen Raum für Dialog, einen Raum, in dem man anderer Meinung sein kann, aber sich trotzdem respektiert und akzeptiert. Jede Figur hat ihre eigene Stimme und erzählt die Ereignisse aus ihrer Perspektive. Die erzählerische Vielfalt, die dadurch entsteht, war mir wichtig.

WOZ: Eine der Figuren ist Lucy. Sie ist in einem kleinen Dorf im Süden aufgewachsen und kann weder lesen noch schreiben. Auch Ihre Eltern sind aus einem Dorf im Süden als Analphabet:innen nach Khartum gekommen, wo Sie aufgewachsen sind. Wie sind Sie Autorin geworden?

Stella Gaitano: Bevor ich Schreibende wurde, war ich eine Lesende: Ich habe alles gelesen, was ich finden konnte, ich liebte es. Erst das Lesen führte mich zum Schreiben. Allerdings darf man nicht vergessen, dass es in den afrikanischen Ländern die Tradition des Geschichtenerzählens gibt. Ich mache im Grunde dasselbe, ich benutze einfach Stift und Papier – oder den Computer.

WOZ: Wo haben Sie Bücher aufgetrieben?

Stella Gaitano: Bei uns zu Hause gab es leider keine Bücher. Ich kaufte meine Bücher während der Schulzeit in Secondhandläden mit dem Essensgeld, das ich mir zusammensparte. Später tauschte ich sie mit Freund:innen in der Schule. Ich hatte immer eine Tasche mit Büchern bei mir. Wenn wir umzogen, stand ich jeweils mit meiner Tasche unter dem Arm in einer Ecke und sagte: «Meine Bücher, meine Bücher.» Meine Familie nannte mich «Büchermädchen».

Nach meinem Highschoolabschluss, bevor ich an die Uni ging, arbeitete ich in Khartum in einem Buchladen. Eines Tages kam ein Mann mit einem dicken Buch. Es war «Hundert Jahre Einsamkeit» des kolumbianischen Autors Gabriel García Márquez. Der Mann wollte, dass ich ihm das Buch fotokopiere, und sagte, er komme in zwei bis drei Tagen zurück.

WOZ: Damit Sie genügend Zeit haben, weil das Buch so dick ist?

Stella Gaitano: Genau. Das war mein erster Kontakt mit einem Buch eines nichtafrikanischen Schriftstellers. Ich begann zu kopieren und zu lesen. O mein Gott, ich konnte es kaum fassen, was ich da las. Das hat mir die Augen geöffnet. Ich las, fotokopierte, las … Ich nahm das Buch mit nach Hause und las die ganze Nacht, am nächsten Morgen kam ich todmüde zur Arbeit. Als der Mann zurückkam, hatte ich das Buch noch nicht fertig gelesen und bat ihn, es mir auszuleihen, was er tat. Von da an versuchte ich, an internationale Literatur heranzukommen, was nicht einfach war: Es gab die Bücher zwar, aber sie waren sehr teuer.

WOZ: In Ihrem Buch sagt eine Figur: «Lesen öffnet den Verstand und das Herz und befreit den Geist von den Reaktionen der fahrlässigen Gegenwärtigkeiten.»

Stella Gaitano: Diesen Satz könnte ich selbst genau so sagen. Bücher haben nicht nur meinen Horizont erweitert, sondern mein Leben verändert. Ich bin überzeugt, dass Bücher und Bildung allgemein zu Frieden beitragen können. Durch Lesen entwickeln Menschen ein eigenes Bewusstsein und Empathie sowie eine eigene Sprache. Menschen, die diese Fähigkeiten haben, können mit anderen in einen Dialog treten und ihren Ärger und ihre Unzufriedenheit in Worten ausdrücken. Dialog ist das Gegenteil von Gewalt: Anstatt mit Waffen Macht auszuüben, kann man mit Worten überzeugen.

Genau diesen Dialog bräuchte es im Sudan. So viele tragen dort eine riesige Wut in sich. Und es fehlt ihnen die Stimme, um diese Wut zu artikulieren. Sobald sie Zugang zu Waffen haben – was im Sudan einfacher möglich ist als Zugang zu Büchern –, werden Waffen zu ihrer Stimme. Um den Menschen zu zeigen, dass es stärkere Ausdrucksmittel gibt als Gewalt, habe ich 2020 die Bibliotheksinitiative «Make a Difference by a Book» gegründet.

WOZ: Erzählen Sie.

Stella Gaitano: Nach dem Sturz von Diktator Umar al-Baschir im Jahr 2019 herrschte im Sudan 2020 kurz Frieden. Zum ersten Mal konnte ich nach Darfur im Westen des Landes reisen. Nach einem Vortrag über Friedenskultur kam eine Frau zu mir und sagte, sie hoffe, eines Tages könne sie auch so frei reden wie ich. «Wie können wir wie Sie werden?», wollte sie wissen, und ich antwortete: «Ihr müsst lesen, lesen, lesen.» Als sie sagte, sie habe in Darfur keinen Zugang zu Büchern, weil es keine Bibliotheken gebe und Bücher zu kaufen viel zu teuer sei, entschied ich mich, etwas zu tun.

WOZ: Was haben Sie gemacht?

Stella Gaitano: Ich rief in Khartum dazu auf, Bücher zu spenden. Universitäten, Kulturinstitutionen, Privatpersonen, Autorinnen und Autoren – alle gaben Bücher. Innerhalb von drei Jahren kamen über 25 000 Bücher zusammen. Ich konnte mithilfe vieler freiwilliger Mitarbeiter:innen insgesamt vierzehn Bibliotheken im Sudan und im Südsudan eröffnen. Ich leitete zudem Schreibwerkstätten vor Ort und förderte so in diesen Regionen eine Kultur des Lesens, des Teilens und der Verantwortung.

WOZ: War diese Arbeit gefährlich?

Stella Gaitano: Einmal, während der Vorbereitung für die Bibliotheken in Darfur, bat ich um Hilfe für den Transport der vielen Bücher von Khartum dorthin – bei offiziellen Stellen, bei Transportunternehmen –, aber weder das Kulturministerium noch andere Organisationen unterstützten mich. Alle sagten: «Bücher sind zu schwer.» So schlug ich Kulturschaffenden eine «kulturelle Reise nach Darfur» vor. Wir wollten mit einem Bus von Khartum losfahren und unterwegs offene Theateraufführungen machen, singen, uns mit den Menschen vor Ort austauschen … Dann liess mir einer der Milizführer in Darfur ausrichten, sie würden helfen – aber nur unter einer Bedingung.

WOZ: Welcher?

Stella Gaitano: Ich sollte ein grosses Bild dieses Generals auf dem Bus anbringen, damit es so aussehe, als würde er unsere Initiative unterstützen. Er wollte meine Initiative zu Propagandazwecken missbrauchen, was ich ablehnte. Daraufhin hiess es, ich könne schon nach Darfur kommen, aber sie würden keine Verantwortung für meine Sicherheit übernehmen. In einer ohnehin unsicheren Region war das ein klares Signal. Ich habe das Projekt gestoppt.

Anschliessend bekam ich anonyme Anrufe und Nachrichten mit Drohungen. Es war eine sehr belastende Zeit. Ich bin schon früher bedroht, verhaftet, auf der Strasse angegriffen worden. Aber es nahm ein neues Ausmass an. Meine letzte Bibliothek eröffnete ich in Südkordofan im Süden der Nubaberge. Eines Nachts warnte mich ein junger Mann. Am nächsten Morgen bin ich früh mit einem Kollegen abgereist. Kurz danach fragte der Geheimdienst nach mir. Da wurde mir klar, wie gefährlich es für mich geworden war. Das war 2022. Ich entschied mich, mit meinen Kindern das Land zu verlassen.

WOZ: Warum haben Diktatoren solche Angst vor Worten und Büchern?

Stella Gaitano: Sie wollen keine frei denkenden Menschen – und Lesen befreit. Wenn du unwissend bist, verstehst du nicht, was passiert. Jeder kann dich manipulieren. Diktatoren brauchen solche Menschen. Doch wenn diese ein eigenes Bewusstsein entwickeln, hinterfragen sie den Sinn darin, für jemanden in den Krieg zu ziehen und zu sterben. So verlieren Diktatoren ihre Macht. Genau deshalb ist unsere Arbeit so gefährlich: Wir wecken die Menschen.

WOZ: Sie gerieten bereits früher in den Fokus der Regierung.

Stella Gaitano: Mit der Abspaltung des Südsudan vom Sudan 2011 verloren Millionen aus dem Süden ihre Staatsbürgerschaft im Sudan. Sie standen ohne Papiere und ohne Job da – auch ich. Man forderte uns auf, das Land zu verlassen. 2012 zog ich mit meinen Söhnen in den Südsudan, ein Jahr später brach dort der Krieg aus. Ich schrieb Artikel für eine arabischsprachige Zeitung, in denen ich die Korruption der südsudanesischen Regierung anprangerte. Das kam nicht gut an: Mehrmals kamen Beamte auf die Redaktion und drohten, sie würden die Zeitung schliessen, wenn ich weiterhin schreiben würde.

Es war eine extrem schwierige Zeit. Schliesslich kehrte ich 2015 nach Khartum zurück, meine Kinder hatte ich schon ein Jahr zuvor dorthin geschickt. Das war sehr belastend, diese lange Trennung von meinen Söhnen. Da ich im Sudan nun Ausländerin war, wurde mir verboten zu schreiben. Ich geriet auch hier in Konflikt mit der Regierung, schliesslich schwieg ich. Erst nach der Revolution 2020 schrieb ich wieder, reiste und wurde öffentlich aktiv.

WOZ: Seit 2022 leben Sie in Deutschland. Wie ist es für Sie, den Krieg, der hier kaum Thema ist, aus der Ferne zu verfolgen?

Stella Gaitano: Nicht dort zu sein, ist schmerzhaft – auch wenn es natürlich viel härter ist, vor Ort zu sein. Aus der Distanz verspürt man manchmal Schuldgefühle, weil man in Sicherheit ist, während sich Verwandte in Gefahr befinden. Schlimm ist es vor allem dann, wenn man nichts von ihnen hört, weil das Internet nicht funktioniert. Ich habe zwei Schwestern, die mit ihren Kindern in diesem Krieg leben. Oft hören wir tagelang nichts von ihnen, und ich denke ununterbrochen: «Ich hoffe, ihnen geht es gut.» Das ist sehr schmerzhaft, weil man nichts tun kann. Selbst Geld zu schicken, war eine Zeit lang unmöglich – weder die Banken noch das Internet funktionierten.

WOZ: Fühlen Sie sich in Deutschland sicher?

Stella Gaitano: Ich weiss nicht, wie ich diese Frage beantworten soll. Sicherheit ist relativ: Wir Menschen im Sudan haben in unserem Leben nie echte Sicherheit gespürt. Für mich bedeutet Sicherheit, mich ständig im Überlebensmodus zu befinden, immer bereit zu sein für mögliche Gefahren. In Deutschland habe ich ein sicheres Zuhause, alles scheint gut – trotzdem habe ich Ängste. Ich bin Mutter und muss meine Kinder schützen, also trage ich doppelte Verantwortung. Hinzu kommt, dass ich hier zur Migrantin geworden bin und ständig mit Diskussionen über Migration konfrontiert werde. Ausserdem sind wir umgeben von Kriegen, die jederzeit näher kommen können.

Von daher scheint es mir etwas naiv, sich sicher zu fühlen. Natürlich, wir hoffen alle auf ein gewisses Mass an Sicherheit. Aber darauf vertrauen, dass wir zu hundert Prozent sicher sind, können wir nie.

Pharmazeutin und Autorin

Die südsudanesische Schriftstellerin, Journalistin und Menschrechtsaktivistin Stella Gaitano (46) wuchs in Khartum auf. Sie studierte Pharmazie und machte einen Master in Public Health. Gaitano publizierte zahlreiche Zeitungsartikel sowie zwei Bände mit Kurzgeschichten. «Eddos goldenes Lächeln» ist ihr erster Roman. Wegen ihrer politischen Haltung und ihrer öffentlichen Äusserungen riefen nationalistische Kreise zu ihrer Ermordung auf. 2022 wurde sie auf Einladung des PEN Deutschland ins Writers-in-Exile-Programm aufgenommen und lebt seither mit ihren zwei Söhnen in Deutschland.

Die Autorin liest in Solothurn am Sa, 16. Mai 2026, 16 Uhr, im Theatersaal. Um 19 Uhr nimmt sie am Podium «Schreiben über Heimat im Exil» teil.