Ein sehr gefährlicher Text Alles, mit dem er in Berührung kommt, wird von Diktatoren verboten oder geschlossen. Trotzdem schreibt der belarusische Autor Sasha Filipenko weiter.
Zunächst einmal muss ich Sie warnen: Sie lesen den Text eines sehr gefährlichen Autors. In Belarus laufen zwei Strafverfahren gegen mich. Die erste Anklage lautet: «Hat mittels Literatur Sicherheitskräfte, Beamte und patriotisch gesinnte Bürger beleidigt, was zu Massenprotesten in Belarus führte.» Falls Sie sich also gefragt haben, was genau zu den Massenprotesten in Belarus geführt hat – jetzt wissen Sie: Es war meine Literatur.
Zwei meiner sieben Bücher sind offiziell verboten – faktisch sind es jedoch alle, da Buchläden sie nicht mehr einkaufen. Bloss vereinzelte, mutige Verkäufer:innen halten sie unter dem Ladentisch versteckt. Man muss in den Laden gehen und leise fragen: «Haben Sie Filipenko?», worauf ein beherzter Verkäufer wie ein waschechter Drogendealer womöglich meine Bücher hervorzaubert. Spass beiseite – eine ganze Kommission hat in ihnen «Extremismus» gefunden! Mein belarusischsprachiger Verlag sitzt nicht in Belarus, sondern in Polen, mein russischsprachiger befindet sich zwar noch in Russland, aber da wir wissen, dass wir die Bücher nicht über die Grenzen heraus bringen würden, drucken wir sie in Litauen. Mein neuster Roman, «Die Elefanten», wurde in Belarus verkauft – für ganze sechs Stunden. Als man in Russland vom Verbot erfuhr, wurde er auch dort aus dem Verkauf genommen. Wenn Sie sich also fragen, ob diktatorische Regimes die Literatur überwachen, ist die eindeutige und offensichtliche Antwort: Ja.
Kontrolle über den Buchmarkt
Die Literatur wird demontiert. Nach 2020 [nach den Massenprotesten gegen Aljaksandr Lukaschenka, Anm. d. Red.] hat der belarusische Staat – oder genauer: jene, die weiterhin die Macht im Land haben – faktisch die vollständige Kontrolle über den Buchmarkt übernommen. Unabhängige Verlage mussten entweder schliessen oder arbeiten im Exil (in Polen, Grossbritannien oder Deutschland). Nach Angaben des belarusischen PEN-Zentrums haben Dutzende Verlegerinnen, Lektoren und Autor:innen das Land aufgrund von drohenden Strafverfahren verlassen müssen. Der zentrale Mechanismus, mit dem Druck aufgebaut wird, ist die Einstufung von Büchern als «extremistische Produktionen». Das bedeutet nicht nur ein Vertriebsverbot, sondern auch strafrechtliche Konsequenzen für den Besitz und das Lesen.
Wie das belarusische PEN-Zentrum dokumentiert, werden die staatlichen Listen «extremistischer Produktionen» regelmässig länger – darauf gelangen moderne Bücher und auch klassische Texte, wenn sie als «politisch gefährlich» eingestuft werden. Verboten sind zum Beispiel Werke von Marquis de Sade («Die 120 Tage von Sodom»), Leopold von Sacher-Masoch, Chuck Palahniuk, Hanya Yanagihara, Donna Tartt («Die geheime Geschichte»), Irvine Welsh (fast das gesamte Werk), Ryū Murakami, Hunter S. Thompson («Angst und Schrecken in Las Vegas»), William S. Burroughs («The Naked Lunch»). Es freut mich, dass auch ich mich in dieser wunderbaren Gesellschaft befinde.
Nach einem Gerichtsurteil kann jeder Text, jedes Buch, sogar jede Seite in sozialen Netzwerken in diese Liste aufgenommen werden. Nach der Aufnahme in die Liste ist die Verbreitung solcher Materialien verboten, und in einigen Fällen können die Aufbewahrung und die Verbreitung dieser eine verwaltungs- oder strafrechtliche Haftung nach sich ziehen.
Gemäss Berichten unabhängiger Medien erhielten staatliche Verlage und Buchhandelsketten implizite Anweisungen, nicht mit «unzuverlässigen» Autor:innen zusammenzuarbeiten – obwohl natürlich auch wir ohnehin nicht mit dem Staat kooperieren würden. Private Buchhandlungen mussten entweder schliessen oder waren gezwungen, auf ein vollständig konformes Sortiment umzustellen. Der Buchimport ist praktisch zum Erliegen gekommen: Aufgrund von Sanktionen, Kontrollen und Zensur gibt es nur noch minimale Lieferungen aus Europa (in der Regel gelangen Bücher in Kofferräumen nach Belarus, unter Wodkaflaschen versteckt – die Grenzbeamt:innen reagieren auf den Wodka und verlieren dann das Interesse daran, nach Büchern zu suchen). Infolgedessen finden sich belarusische Leser:innen in einer Situation künstlicher Knappheit wieder: Der Zugang zu zeitgenössischer Literatur wird nicht durch die Wirtschaft, sondern durch die Politik eingeschränkt.
Unterschiedliche Realitäten
Ein zusätzlicher Schlag wurde dem belarusischsprachigen Verlagswesen versetzt. Wie PEN Belarus feststellt, sind gerade Bücher in belarusischer Sprache dem grössten Druck ausgesetzt, da sie als Träger nationaler Identität wahrgenommen werden. Nach Lukaschenkas Verständnis können belarusische Bürger:innen bloss eine Identität haben: jene treuer Anhänger:innen. Im Ergebnis hat sich das Verlagswesen faktisch in zwei unterschiedliche Realitäten gespalten: im Inland – ein kontrolliertes, steriles System, in dem es fast keine unabhängigen Stimmen mehr gibt; ausserhalb – Emigrant:innenverlage in Polen, Litauen und weiteren Ländern, die versuchen, die belarusische Literatur zu bewahren und sie den Leser:innen auf Umwegen zukommen zu lassen. Als meine Bücher verboten wurden, postete ich, dass ich die Manuskripte frei zugänglich mache, damit alle sie kostenlos lesen und an andere weitergeben können. Bereits am ersten Tag verzeichneten wir mehrere Tausend Downloads.
Im Übrigen verstehen Diktaturen es, die Schuldgefühle ihrer Bürger:innen zu schüren. Manchmal kommt es mir so vor, als wäre ich an allem schuld. Urteilen Sie selbst: Die Uni, an der ich studierte, hat Lukaschenka geschlossen. Es war die Europäische Humanistische Universität in Minsk, und die Begriffe «europäisch» und «humanistisch» ärgerten den Diktator offenbar. Am Tag, an dem er meine Alma Mater dichtmachte, beschlossen ich und zehn weitere Student:innen, eine Protestaktion zu veranstalten. Wir fuhren zum zentralen Platz der belarusischen Hauptstadt, setzten uns an verschiedenen Stellen auf den Asphalt und begannen, gleichzeitig und schweigend Bücher zu lesen. Wir wollten zeigen: Da wir nun keine Uni mehr hatten, würden wir auf der Strasse lernen. Ich erinnere mich, dass an diesem Tag plötzlich, wie aus dem Nichts, ein riesiger Milizionär neben mir auftauchte, der über Funk mit seinem Vorgesetzten sprach.
«Ich habe hier Leute, die Bücher lesen!», sagt der Polizist. «Und jetzt, fuck?», fragt der Vorgesetzte. «Nein, hier stimmt etwas nicht», antwortet der Bulle. Wir werden alle verhaftet. Diese Episode spielte sich im Belarus des fernen Jahres 2004 ab, doch schon damals war klar: Wenn du einfach Bücher liest, machst du in den Augen der Diktatur etwas Unrechtes.
Entschuldigen Sie, ich bin abgeschweift. Ich wollte erzählen, dass ich manchmal Schuld verspüre, weil alles, mit dem ich in Berührung komme, von Diktatoren geschlossen wird: die Uni, an der ich in Minsk studierte – geschlossen. Also fuhr ich zum Studium nach Russland, hatte aber übersehen, dass der Name der gewählten Universität das Wort «frei» enthielt – das Smolny-Institut für freie Künste und Wissenschaften in St. Petersburg. Konnte eine solche Einrichtung in Putins Russland lange bestehen? Natürlich nicht. Auch sie wurde geschlossen. Den TV-Kanal Doschd (Russlands einzigen unabhängigen Fernsehsender), bei dem ich eine satirische Show moderierte und mich über russische und ausländische Politiker:innen lustig machte, haben sie ebenfalls geschlossen. Die Witze, die ich schrieb, schnitten sie in der Regel aus der Sendung. Alle meine Theaterstücke, die in Russland gezeigt wurden – von den Bühnen entfernt, während sie in Belarus etwa das Stück nach meinem Roman «Der ehemalige Sohn» nicht nur aufzuführen verboten haben, sondern sogar zu proben. Schon mein gesamtes bewusstes Leben lang bekämpfen zwei Länder mein Wort. Es scheint, bald wird sich auch der deutsche Kulturstaatsminister ihnen anschliessen, der kürzlich unabhängigen Buchläden den Krieg erklärte.
Hauptdarsteller verhaftet
Es ist, als würden die beiden Diktaturen um das Recht kämpfen, meine Rechte so weit wie möglich einzuschränken und auch jenen zu schaden, die mit mir zusammenarbeiten. Als in Moskau 2022 ein Stück nach meinem Roman «Kremulator» aufgeführt werden sollte, fuhren Mitarbeiter der militärischen Rekrutierungsbehörde zum Pokrowka-Theater und zogen den Hauptdarsteller direkt aus der Probe in die Armee ein. Die Aufführung fand natürlich nicht statt. Meine «falsche Sicht» auf die Geschichte Russlands durfte nicht auf der Bühne erscheinen.
In Belarus sind zwei meiner Bücher offiziell verboten. Man darf sie nicht zu Hause aufbewahren, nicht verkaufen, an andere weitergeben, nicht einmal zitieren. Das zweite Strafverfahren gegen mich wurde eingeleitet, weil ich (Achtung!) mein eigenes Buch zitiert hatte. In einem Interview sprach ich über meinen Roman «Die Elefanten», und da er in Belarus nun als «extremistische Literatur» gilt, drohen mir dort fünf Jahre Gefängnis – weil ich darüber gesprochen habe. Sie denken, das sei surreal und erinnere stark an einen Kafka-Roman? Warten Sie, ich füge noch eine Prise Surrealismus hinzu. Sogar mein Instagram-Auftritt gilt in Belarus als extremistisch. Wenn Sie mir, während Sie sich in Minsk oder Brest aufhalten, auch nur einen einzigen Like geben, bekommen Sie zunächst eine Geldbusse, und beim zweiten Like müssen Sie schon für fünfzehn Tage ins Gefängnis. Also legen Sie diesen Artikel weg, und folgen Sie mir sofort auf Instagram!
Nach 2020 hat sich in Belarus nicht nur das Schicksal von Büchern oder Autor:innen gewandelt, sondern auch die Logik des Umgangs mit Wort und Text selbst. Darauf wird in den Analysen von PEN Belarus hingewiesen: Der Staat erweitert konsequent den Begriff des Extremismus, umfasst damit nicht nur politische Äusserungen, sondern auch kulturelle Produkte, sofern diese als «Bedrohung der öffentlichen Ordnung» interpretiert werden können. Dies hat eine gewichtige praktische Auswirkung: Die Grenzen des Zulässigen werden schwammig. Im Grunde weiss man als Belaruse schon lange, dass man gar nicht erst raten muss, was verboten sein könnte – verboten sein kann so ziemlich alles, und es ist sinnlos, nach einer Logik zu suchen. Die PEN-Berichte halten fest, dass Entscheide nicht transparent getroffen werden, sondern auf der Grundlage von Expert:innenkommissionen, deren Schlussfolgerungen meist nicht veröffentlicht werden. Ein Verleger, eine Herausgeberin oder Buchhändler:in kann im Voraus also nicht genau wissen, welcher Text als Verstoss gewertet wird.
Ich weiss, welcher – meiner. Zum Beispiel dieser hier.
Nervenkitzel Literatur
Ein wesentlicher Faktor ist auch die grenzüberschreitende Dimension. Wie das belarusische PEN-Zentrum feststellt, hat sich ein erheblicher Teil des belarusischen Buchverlagswesens ins Ausland verlagert. Rechtlich gesehen bleiben viele Bücher zwar zugänglich, doch in der Praxis werden ihre Einfuhr nach und ihr Vertrieb innerhalb von Belarus durch administrative Hindernisse und Risiken für die Verkäufer:innen erschwert.
Wie erwähnt entwickelt sich in diesem Zusammenhang der digitale Vertrieb: Angesichts der Einschränkungen veröffentlichen Autor:innen und Verlage Texte online, unter anderem als Open-Access-Publikationen. Dies ermöglicht zwar das Lesen, verlagert es jedoch auf eine andere Ebene – ausserhalb des traditionellen Buchmarkts. Tatsächlich geht es um eine Transformation des literarischen Feldes: von einem System, in dem das Buch als kulturelles Objekt existiert, hin zu einem System, in dem es als Objekt der Regulierung und des potenziellen Risikos betrachtet wird. Anders gesagt: Wenn Sie den Nervenkitzel suchen – lesen Sie Bücher.
Literatur ist nicht langweilig und sogar gefährlich!
Aus dem Russischen von Anna Jikhareva.
Autor und Gagschreiber
Der belarusische Autor Sasha Filipenko (41) ist in Minsk geboren und hat nach einer abgebrochenen klassischen Musikausbildung in St. Petersburg Literatur studiert. Er arbeitete als Journalist, Drehbuchautor, Fernsehmoderator sowie als Gagschreiber für eine Satireshow in Russland. 2020 eröffnete das belarusische Regime ein Strafverfahren gegen ihn, worauf er mit seiner Familie Russland verliess. Seither lebt er in der Schweiz.
Seine Bücher, die er auf Russisch schreibt, erscheinen auf Deutsch im Diogenes-Verlag. Im Februar ist sein neuster Roman, «Die Elefanten», erschienen, eine skurrile Parabel auf autoritäre Herrschaften. Das Buch ist in Belarus verboten.
Der Autor liest in Solothurn am So, 17. Mai 2026, 13 Uhr, im Theatersaal.