Nr. 13/2013 vom 28.03.2013

Der fröhliche Regelpegler

Rollenspiele und Gegensätze faszinieren den Profiunterhaltungsmusiker Markus Schönholzer und machen ihn glücklich. Aktuell arbeitet er an einem Liederabend, der die Emotionen akuter Liebe mit der Nüchternheit der Naturwissenschaft verbindet.

Von Esther Banz (Text) und Ursula Häne (Foto)

Markus Schönholzer in seinem Musikatelier: «Man hats beim Musizieren schnell mal sauglatt. Aber das interessiert mich nicht wirklich.»

Parterreräumlichkeiten in einem Altbaugebäude in Zürich Wiedikon. Ein abgewetzter roter Teppich, eine seltsame vergitterte Decke, ein grosser Tisch mit Glasplatte darauf, gemütlich; im Musikzimmer Computer, Pianotastatur, Mikrofon, E-Gitarre, akustische Gitarre, Banjo und Ukulele. Von allen Instrumenten je eines, «ich bin kein Instrumentensammler», sagt Markus Schönholzer. Ein Sammler von Erinnerungen ist er allerdings schon – er zeigt auf eine mit Plakaten, Flyern und anderen bedruckten Zetteln übersäte Wand: «Speziell gruselig, ich weiss. Aber die Wand sieht egomanischer aus, als ich es tatsächlich bin. Es ist der verzweifelte Versuch, mir zu vergegenwärtigen, was ich in den letzten Jahren geschaffen habe. Ich heile ja niemanden und mache vielleicht ganz lange keine Menschen glücklich mit meiner Arbeit, ausser mich selber, kurz: Ich arbeite manchmal tagelang vor mich hin, ohne ein Feedback zu haben. Da hilft der Blick auf diese Wand.»

Es sind Erinnerungsstücke an unzählige Band-, Theater-, Tanz-, Film- und Musicalprojekte. Ausserdem in einem Regal ein Paar Cowboystiefel, dazu passende Hüte, eine Blockflöte, daneben eine Kuhglocke – und auf seinem Arbeitstisch eine Art Altar mit Kerze, altmodischer Tischlampe und einem gerahmten Bild des US-amerikanischen Musikers Randy Newman. Newman habe als Einziger überlebt von all den Köpfen, die Schönholzer und KollegInnen aus den Zeiten der Band Popfood einst gerahmt und auf der Bühne aufgestellt hätten, sagt der fünfzigjährige Profimusiker, der bis zu seinem elften Lebensjahr in den USA aufgewachsen ist.

«Komponist von Gebrauchsmusik»

Wer die Musik von Popfood gehört und geliebt hat, ohne je besonders auf die Texte zu achten, wäre erstaunt zu erfahren, dass der Urheber auch die Musik für die Musicals «Deep» und «Gotthelf» komponiert sowie die Mundarttexte für «Die Schweizermacher» verfasst hat. Und jene, die Markus Schönholzer ausschliesslich als Musicalautor kennen, werden Mühe habe, sich den sehr ernsten und gleichzeitig sehr lustigen Mann als Gitarristen und Sänger der Achtziger-Jahre-Experimentalband No Secrets in the Family vorzustellen.

Schönholzer selbst, der sich heute ziemlich unglamourös «Komponist von Gebrauchsmusik für das Theater- und Showbusiness» nennt, sagt: «Ich finde ganz viele verschiedene Arten von Musik anregend und ganz viele verschiedene Themen extrem spannend, vor allem auch unterschiedliche Sichtweisen. Deshalb helfen mir Protagonisten. Durch die kann ich in meinen Songs immer eine ganz bestimmte Sichtweise transportieren. Stets nur die meine – das wäre mir zu langweilig. Je nachdem, ob ich die Welt als Skeptiker, Naiver oder Egoist betrachte, entsteht ein anderes Lied.»

Den Texten widmet der ehemalige Lehrer und Werbetexter ebenso viel Aufmerksamkeit wie der Musik. Überhaupt den Inhalten – und der Genauigkeit. Er sagt von sich, er sei ein Regelpegler. Und meint: Auch wo Unterhaltung draufsteht, stecken hohe Ansprüche drin. Er sagt aber auch: «Präzision bedeutet für mich Sicherheit. Ich bin nicht der Typ, der vorne auf der Bühne mit der Klampfe ein Lied spielt und sagt: ‹Hey Leute, schaut mal, wie super ich bin!›» Er ist aber sehr wohl der, der ungeduldig werden kann, wenn er bei der Arbeit Ernsthaftigkeit vermisst oder bei einer Theaterproduktion nur rumgeschoben wird, «was einem dort als Musiker noch schnell mal passieren kann». Und es kann auch vorkommen, dass die KollegInnen mit einer Arbeit zufrieden sind, Schönholzer aber nicht. Der Mann, dessen Gesichtsausdruck manchmal tatsächlich ein bisschen an Woody Allen erinnert, wie andernorts schon bemerkt wurde, sagt: «Man hats beim Musizieren schnell mal sauglatt. Aber das interessiert mich nicht wirklich, ich war ja auch nie in einer Partyband.»

«Romantischer Bauchmensch»

Im Atelier arbeitet Schönholzer fünf Tage die Woche, «intensiv und konzentriert, vor allem in den Morgenstunden. Diese Entdeckungsreisen machen mich fröhlich und dankbar.» Seit einiger Zeit ist er recherchierender Entdeckungsreisender in Sachen Liebe aus medizinischer Betrachtung. Dass ihn dieser nüchterne Blick interessiert, kommt nicht von ungefähr, sein Vater war Naturwissenschaftler. Sich selbst nennt der Musiker aber einen «romantischen Bauchmenschen», der sich immer mal wieder nach einer Anleitung zum Leben respektive einer «Formel des Lebens» sehnt («auch wenn ich genau weiss, dass dies das Leben nicht besser machen würde»).

Das Ganze sei ein Experiment, sagt Markus Schönholzer, und er meint damit nicht die Liebe, sondern den Liebesliederabend «Kammerflimmern», den er ab April mit der Musikerin Marianne Racine und dem Weshalb-Forellen-Quartett sowie jeweils einem Gastarzt oder einer -ärztin zuerst in Zürich und dann – über das ganze Jahr verteilt – an verschiedenen Orten im Land aufführen wird.

Als erster Gast wird, im Universitätsspital Zürich, der Neurologe Andreas Bartels auf der Bühne stehen, um den MusikerInnen und dem Publikum die Liebe aus medizinischer Sicht darzulegen. Etwa Antworten zu geben auf Fragen wie: Wenn Liebe wirklich blind macht, weshalb dürfen denn Verliebte Auto fahren? Oder: Kann Liebe töten? Und werden wir unsere beschädigte Liebesbeziehung dereinst medikamentös behandeln können? Damit die ÄrztInnen sich ohne Zeitaufwand auf ihren Auftritt vorbereiten können, hat Markus Schönholzer hier in seinem Atelier ein umfassendes Dossier für sie zusammengestellt, das er «Ärztehandbuch» nennt. Ein Riesenaufwand. «Eine Liebhaberei, die ich mir nur dank anderer Auftragsarbeiten leisten kann», sagt Schönholzer.

Diese sind, aktuell: ein Musikcoaching am Schauspielhaus, ein Tanzprojekt, ferner die Musik für ein neues Stück im Casino Winterthur, dazwischen aber auch Konzerte mit seinem langjährigen Musikerfreund Robi Rüdisüli. Ein für Markus Schönholzer typisch buntes Programm. Und dazwischen eben immer wieder das abendfüllende «Kammerflimmern».

Das genaue Hinschauen und das liebevolle Sezieren dessen, was beim Einsetzen der Liebe im Körper passiert, kommt übrigens nicht aus einem Manko heraus, wie Markus Schönholzer offenherzig versichert: «Ich habe eine erfüllte, grosse Liebe zu Hause: die Frau, mit der ich seit rund dreissig Jahren zusammen bin, und zwei gemeinsame Kinder. Aber an der Liebe spannend ist ja dieser ungeheure Chrampf, sie am Leben zu erhalten, denn die Liebe ist ja immer wieder auch eine Enttäuschung. Sie ist kein Hort, in dem man sich verstecken kann, sie ist ein ständiges Bauen und Flicken und Sich-Zeit-für-sie-Nehmen.» Und deshalb ist jetzt auch Schluss mit dem Werkstattbesuch – die Familie ruft.

«Kammerflimmern – ein Liebesliederabend 
mit Arztvisite» in: Zürich, Grosser Hörsaal Ost, Universitätsspital Zürich, Fr, 5.  April 2013, 20.15 Uhr. Weitere Auftritte: www.markus-schoenholzer.ch.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch