Nr. 12/2017 vom 23.03.2017

«Wir wissen, dass wir das Richtige tun!»

Das Lausanner Collectif R verhindert erfolgreich Ausschaffungen. In der Bevölkerung stösst das auf Unterstützung – nicht zuletzt dank der Kommunikationsstrategie der AktivistInnen.

Von Raphael AlbisserMail an AutorIn

In der aktuellen politischen Grosswetterlage weht Flüchtlingen in der Schweiz ein harscher Wind entgegen. In nationalen und kantonalen Parlamenten und Regierungen sind bei weitem nicht nur rechtsbürgerliche Kräfte darum bemüht, das Land für Schutzsuchende «unattraktiv» zu gestalten. Unter diesem Druck schraubt das Staatssekretariat für Migration (SEM) willig an der geltenden Asylpraxis. Was tun, wenn gegen behördlich und juristisch gestützte Härte kein legales Kraut gewachsen scheint? In Lausanne antworten die AktivistInnen des Collectif R mit zivilem Ungehorsam. Mit Erfolg verhindern sie Ausschaffungen, indem sie Asylsuchende vor dem Zugriff der Behörden verstecken. Daraus machen sie kein Geheimnis: «Wir wissen, dass wir das Richtige tun», sagt Pauline Milani, Historikerin und Aktivistin aus Lausanne. «Indem wir das transparent machen, wollen wir den Leuten die Angst vor den Flüchtlingen nehmen.»

Der Hauptfokus des Collectif R liegt auf dem Dublin-Verfahren: Regelmässig werden Geflüchtete auch in humanitär problematischen Fällen ohne Prüfung des Asylgesuchs in jenen europäischen Staat ausgeschafft, in dem sie erstmals registriert wurden. Oft sind dies Länder wie Italien oder Ungarn, wo die Bedingungen für Flüchtlinge äusserst prekär sind. Im internationalen Vergleich setzt die Schweiz das Dublin-Verfahren besonders eifrig um.

150 Ausschaffungen verhindert

Vor rund zwei Jahren besetzte das Collectif R deshalb mitten in Lausanne die Kirche St. Laurent, um darin einen Zufluchtsort für Gefährdete einzurichten. Diese sollen dort Schutz finden, bis die Frist zur Rückschaffung in den jeweiligen Dublin-Staat verstrichen ist und sich das SEM um ihr Asylgesuch kümmern muss. Grundsätzlich beträgt diese Frist ein halbes Jahr, doch kann sie sich bis auf achtzehn Monate hinstrecken. Im letzten April verliessen die AktivistInnen die Kirche St. Laurent wegen Unstimmigkeiten mit dem kantonalen Synodalrat, fanden aber in der ebenso zentral gelegenen Kapelle Mon Gré neue Räumlichkeiten. Etwa zehn Personen halten sich derzeit dort auf.

Viele Betroffene finden auch in Privatwohnungen Unterschlupf. «Ganz ehrlich, ich weiss nicht, wie viele Personen wir bisher insgesamt versteckt haben», sagt Milani. Denn die etwa 200 Mitglieder des Collectif R sind lose organisiert, ohne zentrale Entscheidungsstruktur. Zahlen gibt es hingegen zu den vielen Erfolgen, die mittlerweile erzielt wurden: «Wir haben schon etwa 150 Ausschaffungen verhindert», sagt Milani. «Und fast vierzig Personen, die wir unterstützt haben, haben mittlerweile ein Aufenthaltsrecht in der Schweiz.»

Die 34-Jährige engagiert sich seit über zehn Jahren in der waadtländischen Flüchtlingsbewegung und war dabei, als das Collectif R im Herbst 2014 aus Kreisen von Droit de rester pour tou-te-s, der Lausanner Bleiberecht-Gruppe, entstand. Bei der Kirchenbesetzung habe es sich um eine eigentliche Kommunikationsoffensive gehandelt: «Wir sahen ein, dass wir aktiv auf die Leute zugehen müssen, wenn wir etwas erreichen wollen.» Schliesslich kann ziviler Ungehorsam nur dann seine Wirkung entfalten, wenn eine breite Öffentlichkeit ein Ungerechtigkeitsempfinden gegenüber der Behördenpraxis entwickelt. Da ist es ein grosser Erfolg, dass das Refugium des Collectif R bis heute nicht geräumt wurde. «Der öffentliche Aufschrei wäre viel zu gross», sagt Milani nicht ohne Stolz. «So viele Leute solidarisieren sich hier mit den Flüchtlingen.»

Weniger zögerlich gehen die Behörden vor, wo sie versteckte Personen in Privatwohnungen vermuten. Bereits an sieben Orten habe die Polizei bisher Razzien veranstaltet, schätzt Milani. Bisher wurde zwar noch niemand gefunden. Aber nicht zuletzt wegen des Drucks aus Bundesbern hat der Kanton Waadt jüngst die Repressionsschraube stark angezogen – etwa durch eine Residenzpflicht für Asylsuchende, um deren Bewegungsfreiheit massiv einzuschränken. Damit steht auch das Collectif R vor neuen Hürden. «Nun müssen wir uns halt auch auf diese Situation einstellen», sagt Milani.

«Wir sind viele»

Flexibilität und Einfallsreichtum sind überall gefragt, wo man sich am kürzeren Hebel gegen geltendes Unrecht einsetzen will. Was am einen Ort funktioniert, lässt sich woanders oftmals nicht so einfach umsetzen, weil die Behörden schweizweit sehr unterschiedlich vorgehen. Wer aktiv werden möchte, sollte also zuerst den eigenen Handlungsspielraum ausloten: Was sind die dringlichsten Bedürfnisse der Betroffenen? Wie kann im konkreten Fall effektiv geholfen werden? «Vor allem muss man Kontakte aufbauen», sagt Milani: zur Presse, zu ParlamentarierInnen, zu Prominenten. Nur so könne man die Bevölkerung für sich gewinnen.

Dabei sei es oft überraschend, wo man überall auf Unterstützung stosse, sagt die Aktivistin. Etwa wenn sich in einer Notsituation plötzlich Freunde von Freundinnen fänden, die bereitwillig eine gefährdete Person bei sich unterbringen. Und Pauline Milani ist sich sicher, dass dies nicht nur in Lausanne so läuft – darum brauche es unbedingt mehr Austausch zwischen Städten und Sprachregionen. «Manchmal könnte man denken, wir seien hier alleine und schwach», sagt sie mit eindringlichem Blick. «Dabei sind wir viele in der ganzen Schweiz, und auch wir sind ein Teil der Gesellschaft!»

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