Nr. 24/2019 vom 13.06.2019

Feministische Utopien

Jesus ist ein Feminist

Jesus: «Mach dir keine Sorgen, meine Liebe. In ein paar Jahren ist der Spuk vorbei. Ein Feigling wie Petrus wird keine Nachfolger*innen finden. In höchstens hundert Jahren werden Frauen aller Hautfarben, Nationen und Religionen, mit und ohne Behinderung, Sklavinnen und Huren die ganze Sache in ihre Hände genommen haben, gemeinsam mit entgifteten Männern. Dann werden Mitgefühl, Weisheit und ein einfaches Leben in Frieden mit der Natur die obersten Leitsterne sein. Kein Mensch wird vor seiner Zeit sterben, der Wolf wird beim Lamm liegen, das Kind spielt am Loch der Natter, die Fremden, Witwen und Waisen stehen im Zentrum des Gemeinwohls, die Heilige Geistin weht, wo sie will …»

Maria von Magdala: «Jesus, ich fürchte, du unterschätzt den Widerstand der alten Machtcliquen. Aber Hoffnungslosigkeit ist ein Luxus, den wir uns nicht leisten können. Der *, den wir schon schreiben, lässt Raum für alle, die sich mit ihrer Befreiungsvision in Zukunft noch zu Wort melden werden. Folgen wir vorerst diesem Stern.»

Dorothee Wilhelm

Dorothee Wilhelm ist Psychotherapeutin, Theologin und nicht mehr Mitglied der katholischen Kirche.

Den Amseln zuhören

Eine Utopie entwerfen. Jetzt nur nichts Langweiliges schreiben! «Man muss daran denken, dass Karl Marx gesagt hat, der eigentliche Reichtum des Menschen sei die Freizeit», sagte die Schriftstellerin Irmtraud Morgner 1984 in einem Gespräch in Solothurn.

Lassen wir diesen Satz wirken. Währenddessen möchte ich nun ein bisschen ausführlicher über eine Utopie berichten. Ja, die folgende Geschichte mag sehr utopisch klingen! Ein aussergewöhnlich schönes Erlebnis, aber dort, in dieser Utopie, nichts Aussergewöhnliches, nichts wahnsinnig Gewagtes. Alle könnten es tun, niemand müsste.

Es war schon spät an einem heissen Sommerabend. Ich war auf dem Nachhauseweg. Doch die Luft war so angenehm! So entschied ich mich, einen kleinen Spaziergang zu machen. Ich spazierte durch die Strassen, an den Fluss, durch einen kleinen Wald, durch Schrebergärten, über eine Eisenbahnbrücke, der Hauptstrasse entlang, überquerte grosse Plätze. Ein leichter Wind war aufgekommen. Auf einem kleinen Platz setzte ich mich ins Gras. Ich hörte den Amseln zu, dann schlief ich irgendwann ein. Als ich erwachte, schien die Sonne schon, erste morgendliche Geräusche waren zu vernehmen.

Anne Käthi Wehrli

Anne Käthi Wehrli ist Apothekerin und Künstlerin.

Pfeilbogen schnitzen

Du erträgst die Welt nur mit einem Männerkörper, dachtest du. Flach und hart und klar abgegrenzt, ohne diese ewigen Vermischungen. Ohne das Feuchte, ohne den Schleim, ohne das Stöhnen einer Frau, das immer wie das Stöhnen in einem Porno tönt. Alles klar, du bist trans – schliesslich hast du schon als Kind Pfeilbogen geschnitzt und mit den Buben gespielt, oder?

Nein, nichts ist klar. Alles, was mit Frauen zu tun hat, die Wörter, die Körper, die Ideen von «Weiblichkeit» – dir wird schlecht nur schon vom Wort –, alles ist vergiftet vom Patriarchat, das immer noch da ist, nur in anderer Form. Du musst schön sein, den Männern gefallen, damit sie für dich sorgen, denn sie haben dafür gesorgt, dass du das selber nicht kannst. Das ist vorbei und doch noch da – in den Blicken, in den Kommentaren, in der Konkurrenz unter Frauen. Es geht um reine Ökonomie.

Gibt es etwas anderes, verborgen unter diesem Giftmüll, der den Blick trübt und die Lust verdirbt? Manchmal siehst du es, für Minuten, sogar Stunden. Manchmal kannst du dich anschauen, manchmal kannst du sprechen, und andere antworten sogar, und ihr seht euch. Immer wie beim ersten Mal.

Lior Neukom

Lior Neukom ist Naturwissenschaftlerin und schreibt hier unter Pseudonym.

Hängende Gärten

Unsere Utopien kreisen um einen bestimmten Aspekt: das Alter. Wir streiken nicht mehr, weil wir gleichwertigen Lohn für gleichwertige Arbeit erreicht haben. Wir leben ein gutes, diskriminierungsfreies Alter, frei von männlicher Machtdominanz und frei von sexistischen Stereotypen. Wir sind frei – selbstbestimmt zu sagen, wer wir sind und was wir wollen. Wie schon in der 68er-Bewegung sind wir bezüglich Altersbildern wieder in einer Pionierinnenrolle.

Wir definieren uns selber, als einzelne Frau oder als engagierte Gruppe – unabhängig von den gängigen Rollenmustern, die uns von der Gerontologie, der Werbung und von der Alterspolitik nahegelegt wurden. Wir leben in einer Gesellschaft, in der nicht mehr das Entweder-oder gilt, sondern das Sowohl-als-auch. Die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung existiert nicht mehr. Wir haben eine Wirtschaft, in deren Fokus nicht mehr die Vermehrung des Geldes steht, sondern die Befriedigung der menschlichen Grundbedürfnisse: Die Wirtschaft ist Fürsorge/Care – die Wirtschaft ist nicht Geld.

Wir sind engagiert im Persönlichen, Politischen und Zivilgesellschaftlichen. Anstelle von Werbungen und Plakatwänden sehen wir Blumen, Pflanzen und hängende Gärten. Wir schützen die Natur und wertschätzen die Mutter Erde.

Hanna Portmann, Esther Baur und Heidi Witzig von der GrossmütterRevolution

Was es braucht

Von allzu glänzenden Fassaden die Glattheit wegfragen,
bis sich darunter ein verstecktes Gesicht zeigt, ängstlich vielleicht.
Auf allzu saubere Bürotische mal eben
einen Eimer Erde schütten,
weil jedem Käferchen genauso viel Aufmerksamkeit zusteht
wie allen Berechnungen der Welt
und jegliches Wachstum auf Kompost beruht.
Und: Den festgefügten Gerüsten, die sich in unsere Hirne sperren,
mit Wärme begegnen, oder mit Hitze, wenns sein muss,
und sie zum Schmelzen bringen,
um auf den so geöffneten Strassen
unsere Liebsten zu küssen.

Marlen Saladin

Marlen Saladin studiert Deutsche Literaturwissenschaft und ist freie Autorin.

Menschenrechte!

Eine Welt, in der sich Menschen ihrer Privilegien bewusst sind. Eine Welt, in der sich privilegierte Menschen auf den Weg machen, allen Menschen die Menschenrechte zugänglich, annehmbar und auf ihre Bedürfnisse angepasst zur Verfügung zu stellen.

Mandy Abou Shoak

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