Nr. 25/2019 vom 20.06.2019

So könnte es also auch sein

Von Zürich bis Kehrsatz, von Domat/Ems bis ins Valleé de Joux: Der Frauenstreik war grandios. Die WOZ war dabei – am Streikzmittag und auf grossen Plätzen, in der Wäscherei, im Aldi und bei den rebellischen Katholikinnen.

Von Anouk Eschelmüller, Bettina Dyttrich, Benjamin von Wyl, Nora Strassmann, Dorothee Wilhelm, Valerio Meuli

Kanton Zürich

Unterwegs mit dem Streikbus

Wir fahren durch den Morgenverkehr: vorne der Panda, die an den Fenstern befestigten Streikfahnen flattern wie Elefantenohren im Wind, in kurzem Abstand folgt der Streikbus. Auf seinem Dach sind die Holzgestelle mit den Transparenten montiert. «Sciopero delle donne*» – Frauen*streik – steht zuvorderst. Im Kofferraum Tischplatten, Stühle, vollbepackte Kisten. Alles für Frauen gedacht, die heute nicht streiken können. Immer mal wieder hupt uns fünf Frauen in den beiden violett beflaggten Autos jemand kameradschaftlich zu.

Bald sind wir in Schlieren. Autohändler, Industrie, Tankstelle und Warenhaus. Viel Beton, nebenan eine Baustelle. Es ist ein normaler Arbeitstag. Von spezieller Stimmung ist hier nichts zu spüren. Eher schaut man uns, mit unseren violetten Fähnchen und Transparenten, irritiert an. Wir sind aufgekratzt. Auf die Idee zum Frauenstreikbus kamen wir fünf Frauen am 8. März, dem Frauenkampftag. Heute ist es so weit.

8.25 Uhr. Wir parkieren die Autos auf dem Areal einer Wäscherei. Der Teppich wird ausgerollt, Manifeste und Streikzeitungen, Kuchen, Tee und Kaffee werden auf die Tische gestellt. Doch wo sind die Frauen? Männer sortieren und verladen hinter den geöffneten Garagentoren Wäschesäcke mit Maschinen. Wir bitten sie, die Kolleginnen zu informieren. Es gebe ein Streikznüni für alle Frauen. Schliesslich tauchen einige Arbeiterinnen auf. Mit ihnen die Betriebsleitung. Aus einiger Entfernung werden wir mit dem Handy fotografiert.

Zunächst wissen die Arbeiterinnen nicht recht, was wir wollen, erkundigen sich nach dem Preis des Kuchens. Viele freuen sich. Dennoch spürt man die Anspannung. Die Pause sei gleich um. Sie müssten umgehend wieder in den ersten Stock, sagen sie. Dort wird die Wäsche gebügelt und zusammengelegt. 35 Grad Celsius habe es dort wohl, erzählt eine Frau. «Es ist kaum auszuhalten.» Also begleiten wir die Frauen nach oben zu den grossen Press- und Trockenmaschinen und verteilen den Kuchen dort. Zeit, um sich kurz zu setzen, hat keine von ihnen.

8.55 Uhr. Einige Meter weiter bei der Abteilung Endokrinologie und Diabetologie des Unispitals. Wieder muss es schnell gehen, um 9 Uhr ist Pause. Der Autohändler, Besitzer unseres Parkplatzes, schimpft. Parkiert werden dürfe hier nicht. Schaut dann auf unser Dachgestell mit den Transparenten «Kein Streik? Dann kommt der Streik zu dir.» Schimpft lauter. Also parkieren wir um. Im fünften Stock begrüssen uns die Frauen mit einer Umarmung. «Wunderbar, dass ihr hier seid.» Kuchen und Kaffee werden verteilt. Zehn Frauen sitzen schliesslich mit uns am Tisch. Doch, einige hätten vom Streik etwas mitbekommen, erzählt eine Laborantin. Nur zu spät. Sie seien nicht unzufrieden mit den Arbeitsbedingungen. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sei natürlich schwierig. Dann erzählt eine Doktorandin, dass sie 60 Prozent angestellt sei, aber 120 arbeite. «Ich weiss nicht, wie sich das später auf meine Pensionskasse auswirken wird.» Die Arbeitskolleginnen sind bestürzt. Davon hätten sie nichts gewusst. «Gibt es eigentlich bezahlte Stillzeit?», fragt nun eine andere Frau, bevor sie aufsteht. Die Laborproben müssen überprüft werden. «Wir sollten besser über unsere Rechte informiert werden», sind sich die Frauen einig.

9.45 Uhr: Wir sind im Eingangsbereich eines Einkaufszentrums. Frauen und Männer mit Einkaufswagen laufen an uns vorbei. Neugierige, auch misstrauische Blicke werden uns zugeworfen. Ich fühle mich wie die Betreiberin eines Werbestands.

Die Verkäuferinnen der Aldi-Filiale freuen sich, dass wir hier sind. Sieben Frauen seien im Team und ein Mann, erzählt eine Verkäuferin. An Streik wäre heute also nicht zu denken gewesen. Sie hätten aber auch sonst nichts davon mitbekommen. Über die langen Arbeitsstunden erzählen uns Frauen aus einem anderen Geschäft; darüber, kaum jemals einen Samstag freizuhaben. Die Stimmung ist schnell vertraut. Wieder aber haben die Frauen wenig Zeit, zehn, maximal fünfzehn Minuten. «Wir könnten euch aber stundenlang erzählen.» Von einer Chefin etwa, die ihnen mit der Kündigung drohte, falls sie nicht zustimmten, einen Stundenlohnvertrag zu unterschreiben. «Der Vertrag wurde nur den Frauen vorgelegt», sagen die Frauen. Dann ist die Pause vorüber. Wir Zurückgebliebenen sitzen noch kurz beisammen, sind berührt, auch betroffen. Schliesslich müssen auch wir weiter.

Anouk Eschelmüller

Bern

Aggloglück und dini Mueter

Bald kommt auch hier, in der Agglo von Bern, diese besondere Stimmung auf, die den ganzen Frauenstreiktag prägt: So könnte es also auch sein. Für einen Tag weicht die Last der patriarchalen Geschichte, ein Aufatmen geht durch weite Teile des Landes. Auch viele Männer spüren es. Die Verhältnisse sind umgedreht, das symbolische Kapital der Frauen wächst und wächst.

Dabei hat der Tag mit einem Widerspruch begonnen. Nicht wenige Frauen, die sich am Vormittag im Berner Vorort Kehrsatz versammeln, haben am Vortag bis spätabends gekocht und gebacken: fürs Frauenstreikbuffet. In der Gemeinde hat sich schon vor Monaten ein eigenes Streikkomitee gebildet – und trotz nur gut 4000 EinwohnerInnen bilden die rund fünfzig Frauen, die sich heute versammeln, einen grossen Teil der Vielfalt des Frauenstreiks ab: Heteras und Lesben, Hausfrauen und Anwältinnen, türkische Secondas und kürzlich aus Afrika geflüchtete Frauen, Seniorinnen, Junge und Kinder treffen sich am langen Tisch, geniessen das Essen und die Musik und malen Parolen auf Kartons. Um 11 Uhr kommen die Jungspunde aus dem nahen Kindergarten und lärmen mit. Immer wieder hupen und johlen Vorbeifahrende anerkennend. Am Schluss ziehen die Frauen mit Transparenten und Glocken durchs Dorf, während befreundete Männer aufräumen.

Später auf dem Bundesplatz ungläubiges Staunen. Der Platz füllt und füllt sich, Leute stauen sich in den Gassen, mehr noch als an der Demo gegen den Irakkrieg 2003. Und diesmal ist es nur ein Aufmarsch unter vielen im ganzen Land. Was auffällt: Viele Transparente fordern anderen Sex, befreite Lust. Und ein Schild erinnert auf andere Art an Lebensgrundlagen: «Dini Mueter – was wärsch du ohni sie?»

Dieser Freitag zeigt: Die Schweiz steht an einem anderen Punkt, als die Politik ihres Parlaments erwarten liesse. Um das zu ändern, braucht es nicht nur eine feministische Offensive bei den Wahlen im Herbst, sondern auch endlich vollständige BürgerInnenrechte für alle, die hier auf die Strasse gegangen sind – ob queer oder ohne Schweizer Pass, erst kurz oder lange in der Schweiz.

Bettina Dyttrich

Waadtland

«Wir sind heute wütender denn je»

Es regnet in Strömen im Vallée de Joux. Nur ein Verkehrsschild im Zentrum von Le Sentier weist auf eine Demo hin. Dann dringt das Frauenstreikchanson durch den Regen. «Si toutes les femmes du monde font grève toutes ensemble …», singen acht Frauen. Folgt man ihnen, sieht man bald den lila Ballon am Himmel, direkt hinter der Bulgari-Fabrik. Dort versammelt sich das Vallée de Joux zum Schlechtwetterstreik. Schon jetzt sind in der Holzhalle mehr versammelt, als der Luxusuhrenhersteller hier Leute beschäftigt. Mittags werden es rund 500 Frauen und einige Männer sein.

Während eine Folkband spielt, füllen sich die Festbänke. Man sieht es an den Fahnen: Die Gewerkschaft Unia hat mobilisiert. Es gibt Kartoffelsalat, Wurst und Freibier. «Die Frauenbewegung, die zum Frauenstreik von 1991 führte, hat hier angefangen – wir können stolz sein!», ruft die lokale Unia-Sekretärin Camille Golay und erntet Jubel. Der Frauenstreik von 1991 sei der Wut über die schlechten Arbeitsbedingungen der Frauen in der hiesigen Uhrenindustrie entsprungen: Das habe ihr die heute 82-jährige Gewerkschafterin Liliane Valceschini gesagt, die die Idee für den ersten Frauenstreik hatte. «Heute sind wir mehr denn je ‹en colère›!» Wut sei auch der Grund gewesen, weshalb sich letzten Herbst Arbeiterinnen aus der Uhrenbranche zum Groupe d’intérêt femmes zusammengeschlossen hätten.

Ob die Rednerinnen die Diskriminierung von Müttern anprangern oder Nulltoleranz für sexuelle Belästigung fordern: In jeder Sprechpause wird es ohrenbetäubend laut. «Wir Frauen in der Uhrenindustrie verdienen noch immer 25 Prozent weniger als unsere männlichen Kollegen!» – «Buuuuh!», schallt es durch den Raum. «Findet ihr das normal?« – «Non!» – «Diese Lohnunterschiede sind unerträglich.» – «Oui!» Die Frauen klopfen auf die Tische und stampfen mit den Füssen.

Die Rednerinnen wollen nicht mit Namen in den Medien erscheinen, zu gross ist die Angst vor Repressalien ihrer Arbeitgeber. Niemand wagt eine Schätzung, wie viele nach dem Mittag an die Arbeit zurückkehren, doch ab 13 Uhr leert sich die Halle. «Gerade bin ich erschöpft, zufrieden und stolz», sagt Golay. «Aber die Wut bleibt – und die brauchen wir: Ab Montag geht unser Einsatz für die Arbeiterinnen weiter!» Doch vorher wird Golay zusammen mit anderen Frauen an die Demo nach Lausanne fahren.

Auch hier ist die Wut gross. «Dans grève il y a GRR… et rêve!» steht auf vielen Plakaten. Die Stadt ist lila. Auf der Place Saint-François (die für heute «placETTE Sainte-Wiborada» heisst) stehen die Menschen bereits um 16 Uhr gedrängt. Bis zum Demostart um 18 Uhr füllen sich alle acht Strassen und Gassen um die placETTE. Als die Frauen zum Bahnhof marschieren, ist die Innenstadt blockiert. AutofahrerInnen solidarisieren sich musikalisch, und Busfahrer vertreiben sich die Zeit mit der Lektüre der Streikzeitung. Mehr als 40 000 Frauen sind es laut Polizei, mindestens 60 000 laut Gewerkschaftsbund. Am Ende stehen sie auf der Place de la Riponne, auf der Vortreppe der Uni oder sitzen vor der Kathedrale. Kaum zehnjährige Mädchen rufen noch immer unermüdlich «Egalité!», «(petit) homme solidaire» liest man auf dem Plakat eines Jungen. Auch hier geht der Kampf weiter: Am Samstag hat das lokale Frauenstreikkollektiv ein Vernetzungstreffen für den 2. Juli angesetzt.

Benjamin von Wyl

Zürich

Endlich wieder: Ein grosses «Wir» ist zurück

Es ist 23.45 Uhr am 13. Juni. Wir holen meinen Mini aus der Garage, seine Scheinwerfer haben Wimpern. Die Ideeautorin des Autokorsos zum Frauenstreik hat ihn heimlich geschminkt. Sehr hübsch.

Ob wohl viele kommen in dieser Nacht vor dem Streik? Falls wir zu dritt bleiben, werden wir halt sehr laut sein müssen. Es kommen 500 Frauen und einige Männer, fünfzig Autos, jegliche Gefährte mit Hupe. Sehr viele junge Frauen, witzig und bunt, laut und gut drauf. Eineinhalb Stunden gibt es nur unseren Corso auf Langstrasse, Limmatplatz, Feldstrasse, Stauffacherstrasse. Sexarbeiterinnen grüssen und winken. Ein starker, lauter Auftakt. Wir haben uns die Machomeile der Fussballfans geholt. Ich hatte vergessen, wie lässig es ist, Krach zu machen.

Der Demozug am Tag darauf: überwältigend viele Frauen, entschlossen, verspielt, charmant – Vogelkäfige auf Köpfen, Staubwedel als Fahnenstange, viele kleine, handgestrickte Plakate. Mein Lieblingsspruch: «Girls just wanna have fun…damental rights!»

Viele solidarische Männer. Der Separatismus scheint vorbei zu sein. Haben die jungen Männer einfach verstanden, dass sie sich nicht an die Spitze setzen und für uns sprechen sollen?

Unendlich viele Themen, fast so viele wie Frauen, aber keine bleibt auf ihrem Spezialthema sitzen – jedes Anliegen wird heute mitgetragen. Ich bin mit Pro Infirmis unterwegs, obwohl ich sonst Wert darauf lege, nicht hauptberuflich «behindert» zu werden. Heute möchte ich den Kopf hinhalten für die Anliegen von Frauen mit Behinderung – gegen die zahllosen Hindernisse auf dem Weg zur Schule, zur Ausbildung, zum Arbeitsplatz, zur Lohngleichheit, in SBB und ZVV. Keines dieser Hindernisse ist natürlich, so wenig wie der Platz der Frau am Herd.

Wir Frauen mit Behinderung sind queer, lange bevor es das Wort «queer» gab. Aber wir werden nicht zwangsweise einer Geschlechterkategorie zugeteilt – Mann oder Frau –, wir werden erst gar nicht in die Geschlechterkategorien hineingelassen. Das zeigt sich an den Toiletten: Es gibt Männer, Frauen und Behinderte.

Eine Frau mit geistiger Behinderung hat in der Schweiz kaum Zugang zu einem selbstbestimmten Leben – anders als in anderen Ländern. Die Mehrheit der Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen sind Frauen – ihnen fehlt es heftig an Unterstützung. Wir Frauen mit Behinderung werden im Alter ärmer sein als nicht beeinträchtigte Frauen.

Später auf der Bühne auf dem Helvetiaplatz höre ich kraftvolle, berührende Reden. Ich ändere meine Zwei-Minuten-Rede spontan: «Ich bin eine Frau mit Behinderung. Was geht euch das an? Ich glaube, eine ganze Menge.» Als ich frage, schallt mir mit Tausenden von Stimmen entgegen: «Viel! Alles!» Ich glaube ihnen. Hühnerhaut.

Der Frauenstreik 2019 hat schon jetzt Wirkung. Keine, die dabei war, wird diesen Tag vergessen. Es bleibt uns diese Kraft, diese Riesenwelle, die Leichtigkeit, mit der wir uns die Strassen von Zürich genommen haben. Es bleibt uns das Gesamtkunstwerk all unserer Unterdrückungserfahrungen und unserer diversen Befreiungsvisionen. Ein grosses «Wir», für Jahrzehnte nicht spürbar, ist zurück. Keine ist befreit, solange nicht jede befreit ist!

Dorothee Wilhelm

Aarau

Demonstrieren mit Bischofshüten und in Trachten

Schon am Nachmittag haben sich zahlreiche Frauen auf dem Schlossplatz zusammengefunden. Der Aargauische Landfrauenverband und der Katholische Frauenbund des Kantons haben zum Sitzstreik aufgerufen. Ihre Idee: Einfach mal sitzen und nichts tun. Die Farbe Lila dominiert deutlich, hier und da blitzt ein pinker Kleber mit der Aufschrift «Gleichberechtigung. Punkt. Amen.» auf.

Eine Dame in Lila empört sich darüber, dass Frauen in der katholischen Kirche einen Grossteil der Basisarbeit leisteten und keinesfalls gleichberechtigt seien. Würden alle Kirchenfrauen die Arbeit niederlegen, so müsste das Gotteshaus seine Pforten sehr bald schliessen. Andere Streikende diskutieren über den im Parlament besprochenen Vaterschaftsurlaub und die medial geschürte Behauptung, er koste zu viel. «Und was ist mit den Kampfflugzeugen? Das sind doch Spielzeuge für Männer!», ruft eine Katholikin.

Mittlerweile ist der Platz proppenvoll, die Menschen machen sich bereit für den Demonstrationszug. Zwei Frauen mit pinker Mitra, der bischöflichen Kopfbedeckung, erzählen, dass sie sich aufgrund der Ungleichbehandlung gar nie Gedanken gemacht hätten, jemals Pfarrerinnen zu werden – selbst wenn sie das eigentlich gewollt hätten. Sie hoffen darauf, dass dies eines Tages für ihre Töchter möglich ist. Das Zölibat ist ihnen ein Dorn im Auge: «Als ich mit neun Jahren beichtete, meinen Bruder gebissen zu haben, ist der Pfarrer vor lauter Schreck fast vom Stuhl gefallen. Pfarrer mit Kindern sind viel näher am Leben dran!»

Auch die Landfrauen, von denen einige regionalen Trachten tragen, haben ihre eigenen Gründe zum Streiken. Eine von ihnen ist mit ihren Kolleginnen aus dem Fricktal angereist. Es ist das erste Mal, dass sie an einer Demonstration teilnimmt. «Ich bin hier als Bauersfrau, Familienfrau und als Lehrerin.» Viele Bäuerinnen seien sozial nicht abgesichert, und manche bekämen nicht einmal einen Lohn. Sie habe aber das Glück, sozial abgesichert zu sein. Auf die Frage, wie es sei, Teil dieser grossen Demonstration zu sein, sagt sie: «Es ist schön, hier zu sein.»

Nora Strassmann

Graubünden

Streik in Ems – aber nicht in der Ems-Chemie

Sie sei die Einzige aus ihrer Klasse, die streike, sagt eine Schülerin aus Domat/Ems. Nun müsse sie ihrer Schule ein kleines Strafgeld zahlen, weil sie unentschuldigt fehle. Den Frauenstreik wolle sie sich aber nicht entgehen lassen.

Die Schülerin ist Teil einer durchmischten Frauengruppe, die sich auf dem Emser Dorfplatz zusammengefunden hat: kurdische Frauen, Schülerinnen, Seniorinnen aus dem Dorf. Sie sitzen auf Holzbänken und essen Paella – von Männern gekocht. Die Stimmung ist gut, nur der Dorfpolizist steht missmutig einige Meter abseits. Nach dem Essen starten die rund fünfzig Frauen in Richtung Chur, wo der grosse Streikmarsch stattfinden wird. Die gut sechs Kilometer gehen sie zu Fuss.

«Wir hätten gerne noch breiter mobilisiert», sagt Anita Caflisch Müller, die für die SP im Emser Gemeinderat sitzt. Als Organisatorinnen seien sie oft kritisiert worden – von Männern und auch von Frauen: Streiken bringe doch nichts, den Schweizer Frauen gehe es doch gut. Und so weiter. Viele hätten nicht begriffen, dass es beim Streik gerade auch darum gehe, sich mit weniger privilegierten Frauen zu solidarisieren. Einen möglichen weiteren Grund, warum einige Frauen in Ems dem Streik fernbleiben, wirft eine andere Frau ein: «Streiken wird in Graubünden mit linker Politik gleichgesetzt.» Sie fügt hinzu, dass viele Leute in Graubünden nicht demonstrieren gingen, weil sie diese Art des Protests einfach nicht kennen würden. Eine Demonstrantin widerspricht: «Ich bin zum ersten Mal hier.»

Im Vorfeld des Frauenstreiks hat sich die Ems-Chemie-Chefin Martullo-Blocher klar geäussert: Sie drohte mit der Kündigung des Gesamtarbeitsvertrags, falls Frauen streiken sollten. Die Drohung scheint gewirkt zu haben: Unter den Streikenden in Ems ist keine Angestellte von Ems-Chemie dabei. Einige Frauen sagen, dass man sich überlegt habe, vor dem Grossunternehmen eine Aktion durchzuführen. Diese sei aber nicht zustande gekommen.

Martullo-Blochers Drohungen sind an diesem Tag bei den Emserinnen kein weiteres Thema mehr. In Chur angekommen, mischen sie sich unter die gut tausend anderen Frauen auf dem Kornplatz in der Altstadt: dichtes Gedränge, laute Musik und eine bewegende Stimmung.

Valerio Meuli

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch