Nr. 24/2019 vom 13.06.2019

Kurze Geschichte der Schweizer Frau

Ruedi Widmer über das Aufkommen der Frau

Von Ruedi Widmer

Man sagt gerne, die Schweiz sei ein hinterwäldlerisches Land bezüglich Frauenrechten, ja, der Frau überhaupt. Dabei muss man gar nicht lange zurückschauen und sieht ausserordentliche Erfolge, die die Schweiz zu einem wahren Frauenland machten. So wurde die Frau als solche bereits am 7. Februar 1971 offiziell als Lebewesen eingeführt.

Dies ist umso erstaunlicher, als die Frau überhaupt erst kurze Zeit zuvor entdeckt wurde, zumindest im alpinen Raum. Und die Zeitspanne zwischen Entdeckung und Anerkennung war in keinem Land der Welt so kurz wie in der fortschrittlichen Schweiz mit ihrer humanitären Tradition.

In den fünfziger Jahren stellten namhafte Wissenschaftler im Paul-Scherrer-Institut (PSI) eine enorme Menge dunkler Materie in der Schweiz fest, die nicht klar zugeordnet werden konnte, aber sich unmittelbar auf das Leben und vor allem das Alltagsleben auszuwirken schien. Bereits seit dem Mittelalter munkelte man in den Tälern der Alpen über «öppis wo zwischen Mann und Gott seyn müsse».

Allerhand Geister und Tiere mussten dafür herhalten, wenn plötzlich Menschenskinder auftauchten, die Bettwäsche geglättet im Schrank lag oder das Nachtessen auf dem Tisch stand. Kinder glaubten neben dem Osterhasen und dem Samichlaus auch an die sogenannte «Mutter», die sie oft sogar zu sehen meinten.

Glaubte ein Kind noch mit zehn daran, wurde es gründlich durchgeklopft. Doch wurden immer mehr Menschen unsicher, ob hinter der Sage nicht doch mehr steckte.

Das PSI beschoss 1961 verschiedene Haushalte in der Schweiz in einer Versuchsanordnung mit Elektronen und stellte anhand ihres Verhaltens fest, dass diese dunkle Materie einen Einfluss auf unser Leben hatte. Mit allerhand Gerätschaften konnte die physische Existenz dieses «guten Geistes» erhärtet werden. Wie Kolumbus Amerika zwischen Europa und Indien entdeckte, entdeckten unsere Nuklearwissenschaftler eine neue Spezies zwischen «Mann und Gott», die kurzerhand «Frau» genannt wurde; ein Abkömmling des Menschen. Endlich wurde das fehlende Glied in der DNA der Menschheit gefunden und die Fortpflanzungstheorie bestätigt, die an der Universität Zürich schon im 19. Jahrhundert aufgestellt wurde!

Fortan wurde während des Fortpflanzungsvorgangs das Licht brennen gelassen, und die sechziger Jahre begannen. Tatsächlich konnten geübte Männer dabei die Frau sehen. Viele berichteten von einer beinahe übersinnlichen Erfahrung.

Bald wurde diese neue Frau von den Restmenschen in vielen Bereichen anerkannt. Sie erhielt sehr schnell die Hoheit in wichtigen volkswirtschaftlichen Bereichen wie Küche, Waschküche, Haushalt oder Kindererziehung. Das war eine enorme Entlastung für die Männer, die diese Arbeit früher auch noch zu machen meinten, weil die Geister nicht alles perfekt erledigen konnten. Es gab aber auch Männer, die der Frau ernsthaft die gleichen Rechte übertragen wollten. Doch sie waren in der Minderzahl, und es brauchte den direkten Kampf der Frauen, um 1971 das Frauenstimmrecht durchzusetzen.

Erst als dieses zwar für die Schweizer Frauen erfreuliche, aber international peinliche Ereignis im Ausland ruchbar wurde und die Schweizer Männer ob der späten Entdeckung der Frau weltweit wenn nicht gleich ausgelacht, so doch belächelt wurden, wurde die Frau auch hierzulande als normal und dazugehörend empfunden. Doch in fast allen Bereichen, vor allem bei den Löhnen, sind Frauen nach wie vor teils schwer benachteiligt, und viele der erreichten Fortschritte drohen zu verglarnern, zu verpapsten oder sonst wie zu vertrumpen. Deshalb auch aus Historikersicht: Heraus zum 14. Juni!

Ruedi Widmer ist Cartoonist in Winterthur.

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