Nr. 24/2019 vom 13.06.2019

«Die Menschen wirken manchmal wie Zombies»

Die Polin Barbara Metelska (59) hat in der Schweiz mehrere Jahre als 24-Stunden-Betreuerin gearbeitet. Sie erzählt von den prekären Arbeitsbedingungen und wie sie heute die Care-Migrantinnen unterstützt.

Aufgezeichnet von Matthias Fässler, Foto: Ursula Häne

«Irgendwann merkst du: Die Bedingungen sind weder rechtlich noch menschlich tragbar», sagt die ehemalige 24-Stunden-Betreuerin Barbara Metelska.

«Mein damaliger Chef sagte einfach ‹Nein›, kurz und knapp, mir direkt ins Gesicht. Er bezahle mir weder eine Abfindung noch die Überstunden, die sich über die Jahre angehäuft hatten. Und sowieso: Ich sei viel zu ‹frech›, frage zu viel nach. Er entliess mich von einem Tag auf den anderen. Das war respektlos, schliesslich hatte ich 24 Stunden bei einer Familie gesessen, musste auf Abruf springen, hatte keinen freien Tag. Das war 2014, ich war zwei Jahre zuvor über seine Solothurner Agentur in die Schweiz gekommen.

Ich hatte nie vor, als 24-Stunden-Betreuerin zu arbeiten. Aufgewachsen bin ich in Wroclaw in Polen. Ich bin diplomierte Deutschlehrerin und habe später noch Psychologie studiert. Lange arbeitete ich als Familientherapeutin in einer eigenen Praxis – bis mein Mann mich und meine beiden Kinder verliess. Ich war von einem Tag auf den anderen alleine mit ihnen und musste die Praxis schliessen. Auf dem Arbeitsamt sah ich zum ersten Mal eine Anzeige, dass Betreuerinnen in Deutschland gesucht werden. Da war ich fünfzig Jahre alt.

Überstunden für 130 000 Franken

Nach mehreren Einsätzen in Deutschland landete ich schliesslich in der Schweiz. Mir erging es wie vielen Betreuerinnen. Im Unterschied zu anderen sprach ich zwar gut Deutsch, aber weder kannte ich meine Rechte, noch wusste ich, wie das Krankenkassensystem oder die Altersvorsorge funktioniert. Hinzu kam, dass meine Aufenthaltsbewilligung immer nur für ein Jahr verlängert wurde. Das bedeutete eine grosse Unsicherheit für mich.

Irgendwann merkst du: Die Bedingungen sind weder rechtlich noch menschlich tragbar. Nach der Entlassung von 2014 packte ich meine Koffer, zog in eine Jugendherberge und überlegte mir, ob ich nach Polen zurückkehren oder hierbleiben und kämpfen soll. Ich bin geblieben und habe gekämpft. Mithilfe der Gewerkschaft VPOD und einer Anwältin habe ich die Überstunden eingefordert. Meine Anwältin hat aufgrund der Rapporte, die ich geschrieben habe, ausgerechnet, wie viel Geld mir zustehen würde. Es sind insgesamt rund 130 000 Franken. Es ist noch immer offen, ob ich das Geld auch bekomme.

Ohne Vertrag keine Rechte

Ich habe noch drei weitere Jahre, bis 2017, in der 24-Stunden-Betreuung gearbeitet. Danach konnte ich nicht mehr. Noch immer habe ich viel Kontakt zu Frauen, die als 24-Stunden-Betreuerinnen arbeiten, begleite sie zu Behörden oder mache Übersetzungsarbeiten. Untereinander haben die Frauen kaum Zeit, sich zu treffen. Der Kontakt läuft über Facebook, oder man sieht sich in der Kirche. Das 2013 gegründete Netzwerk «Respekt» des VPOD, das sich für die Rechte von 24-Stunden-Betreuerinnen einsetzt, ist deshalb sehr wichtig. Ich arbeite da unentgeltlich mit. Da geht es darum, den Betreuerinnen selber Wissen über ihre Rechte und Pflichten zu vermitteln. Viele haben aber Angst, die Stelle zu verlieren, sie wollen anonym bleiben.

Momentan revidieren die Kantone auf Veranlassung des Bundes den sogenannten Normalarbeitsvertrag der Branche. Dieser soll die Standards anheben, doch leider wird er auch in Zukunft nur empfehlenden Charakter haben. Ein kürzlich veröffentlichtes Gutachten zeigt, dass sich die Personalverleiher eigentlich an das normale Arbeitsgesetz halten müssten.

Auf politischer Ebene muss es erstens darum gehen, dass die Betreuerinnen endlich mehr verdienen. Das heisst vor allem, dass die Präsenzzeit bezahlt wird. Im Vertrag steht überall dick: Die Betreuerin ist während 24 Stunden verfügbar. Niemanden interessiert es, was das für dich heisst. Der Bruttodurchschnittslohn liegt bei rund 4000 Franken. Aber viele Frauen arbeiten nicht das ganze Jahr, sondern leben zwischendurch für Monate im Heimatland, wo sie meist keinen Verdienst haben. Zudem werden von ihrem Lohn die Beiträge für Krankenkasse und Unfallversicherung sowie rund 1000 Franken für Kost und Logis abgezogen. Die Familien zahlen für die Betreuung viel mehr als die 4000 Franken monatlich. Die Differenz landet in der Tasche der Agentur. Das ist nicht nur für uns schlecht, sondern auch für die Familien der betreuten Person.

Zweitens müssen die Ruhezeiten verlängert werden. Es gibt viele, die keinen ganzen Tag in der Woche frei haben. Das verändert die Menschen, sie wirken manchmal wie Zombies.

In der Firma, gegen die ich noch immer klage, hat sich seither aber einiges verändert. Die Betreuerinnen, die ich kenne, haben jetzt freie Tage, das gab es vorher nicht. Die Überstunden werden nun grösstenteils bezahlt. Es hat sich also gelohnt zu kämpfen.

Emotionale Arbeit im Pflegeheim

Heute arbeite ich in einem Pflegeheim, wo die Arbeitsbedingungen etwas besser sind. Doch auch da ist der Druck gross. Wir müssen etwa die Menschen nach dem Tod waschen, umziehen und sie für den Besuch der Familie vorbereiten. Das ist psychisch sehr belastend für uns. Ich versuche, meine Kolleginnen und Kollegen in solchen Situationen zu betreuen, weil ich aus meiner beruflichen Erfahrung weiss, wie wichtig das ist. Sonst nimmst du das mit nach Hause. Ich tue das neben meiner Arbeit, unbezahlt. Dem Pflegeheim fehlt dafür das Personal.

Ich stehe weiterhin jeden Tag vor der Frage, ob ich hierbleibe oder nach Polen zurückfahre. Bald bin ich pensioniert, mir bleibt nicht viel Geld. Wenn ich nicht weiterarbeiten kann, muss ich zurück.»

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