40 Texte aus 40 Jahren: 2000 : WOZ vs. Weltwoche – Ein 4:2 für die Geschichtsbücher: Wenn das Gute siegt

Donnerstag, 5. Oktober 2000, auf der Sportanlage Hardhof in Zürichs goldenem Westen: Ein grosses Fussballspiel steht an, «WochenZeitung» gegen «Weltwoche». In einer Viertelstunde soll es beginnen. Mit grossen Schaufeln schippen Petrus und Genossen das Nass aus den Wolken. Nur einer freut sich, Ramming, der Kapitän der WoZ-Mannschaft. Breit grient er in die TV-Kameras und gibt den Pressehyänen in gierig hingehaltene Mikrofone Bescheid: «Fritz-Walter-Wetter, hähähä, wie in Bern 1954, wenn Sie verstehen, was ich meine. Der scheinbar übermächtige Gegner versinkt unrettbar, ja, er ertrinkt in unseren ausgeklügelten Spielzügen. Nehmen Sie nur unsern rechten Flügel, 'Boss' Seibt. Bei trockenem Boden findet er nicht mal das Zündschloss an seinem Bentley, aber wenn der Himmel seine Schleusen geöffnet hat ...»

Der Spielführer des favorisierten «Weltwoche»-Teams, ganz in dezente Ballonseide gehüllt, zupft ängstlich seine Regenhaube zurecht. Nein, das sei tatsächlich nicht sein Wetter und schon gar kein Klima für einen gepflegten grossbürgerlichen Kulturball, quengelt er. Eigentlich hätte der Platzwart den Rasen bei diesem Wetter ja gar nicht freigeben dürfen. Wo doch gewöhnlich beim Aufmarsch einer einzigen Wolke am sonst blanken Firmament sämtliche Rasenplätze der Schweiz von besorgten Abwarten sofort gesperrt würden. Wo denn der Verantwortliche für diese Anlage hier eigentlich sei?

Munter grinst WoZ-Käpt'n Ramming weiter, auch wenn die erfolgreiche Platzwartbestechung ein tiefes Loch in die Portokasse seines Journals gerissen hat. Jedenfalls ist der Platz auf der Hardhof-Anlage spielbereit. Dreissig WoZ-SupporterInnen vollführen einen Höllenlärm, als ihr Team wohl geordnet seine Positionen auf dem Platz einnimmt. Prächtig anzusehen, wie es voller Tatendrang dasteht, im schicken, von der Buch-Bar «sphères» gesponserten Matchdress. Den sensiblen, geradezu kulturpessimistischen Einmarsch der «Weltwoche»-Mannschaft – die Spieler lassen sich entweder in Sänften oder auf dem Rücken von Redaktionsvolontären auf den Platz tragen – beobachtet leider kein einziger eigener Fan.

Anpfiff Punkt 17.15 Uhr. Der Ball ist rund. Das Spiel dauert 75 Minuten. Die WoZ kickt von Anfang an ein sorgfältigeres Leder. Hilfskorrektor Schorsch Kamerun wird dabei mit seinen beiden Toren zum 1:0 und 2:0 der Held der ersten Halbzeit. Nur kurz bricht Panik aus in den Reihen des WoZ-Teams, als dem Überläufer Thorsten Stecher das 2:2 fürs «Weltwoche»-Team gelingt. Doch ansonsten treibt Kulturredaktor Reto Baumann, der nach zehnjähriger Verletzungspause ein glänzendes Comeback feiert, mit seinen spektakulären Torhüterparaden den Gegner zur Verzweiflung. Unentschieden geht es in die Pause. Sofort werden die WoZ-Spieler von ihren leidenschaftlichen Fans mit extra flauschigem Frottee trockengerubbelt, während das WeWo-Team missmutig seinen Pausentee aus feinstem Porzellan schlürft. Ganz offensichtlich finden die Spieler der Basler Mediengruppe heute nicht ihr sonstiges Rendement.

Ganz anders das WoZ-Team. Je glatter der Rasen wird und je länger das Spiel dauert, desto überlegener kann es das Spiel gestalten. Als Online-Redaktor Daniel Höhn einen Ball von der Linie wischt und so ein hundertprozentiges Tor verhindert, bricht das WeWo-Team psychologisch auseinander. Deutlich hört man am Spielfeldrand den Knacks. «Fussballgott» Fusi und Prisca «Stan» Widmer irritieren den Gegner zusätzlich durch ebenso raffiniertes wie sinnloses Herumstehen, nervöses Gliederzucken und absichtliche Ballverluste. In der Innenverteidigung räumen WoZ-Luzern-Mann Paul Knüsel und Auslandredaktor Andy Fanizadeh souverän ab und machen jeden Gegner platt. Im rechten Mittelfeld verschleppt Thomas Vogler die Bälle, rechts aussen verbeisst sich Julian «Berti» Weber, Kulturredaktion, in einen Gegner nach dem anderen. Und wieder fliegt «Toni Turek» Baumann schwanengleich nach einem Ball. Ekstatisch stöhnt die WoZ-Fangemeinde auf.

Das 3:2 erzielt Layouter Roman Schürmann nach einem prächtigen Pass von Nachwuchskraft Emre. Das 4:2 ist nur noch eine Frage der Zeit. Als sich Hilfsrevisor Richard Meier den Ball zu einem Weitschuss elegant auf den richtigen Fuss legt, ahnt mancher, was jetzt kommen wird. Die Pille wird auf eine perfekte Flugbahn geschickt. Andächtig sieht der «Weltwoche»-Goalie zu, wie sich das Leder hinter ihm in die Maschen senkt. Das ist der Sieg. Auch Teammanager Armin Büttner weiss es jetzt. 75 Minuten hat er glänzend zwischen Angriff, Abwehr und Auswechselspielern vermittelt. Abpfiff! Es ist vollbracht.

Am Spielfeldrand geraten die WoZ-Fans in einen kollektiven Begeisterungstaumel. Eins ums andere Mal brüllt Top-Supporter Moritz Wolf sein «Wär nid gumped, isch kän Lingge!» ins Feld. Es kommt zu Woodstock-ähnlichen Schlammszenen im Strafraum der siegreichen Mannschaft. Langfädig, strähnig und unendlich nass fällt der Himmel den «Weltwoche»-Spielern auf den Kopf und verwandelt für sie die grüne Hölle des Hardhof-Sportplatzes in ein sumpfbraunes Altamont des Fussballs.

Dieser Text ist ursprünglich in der WOZ Nr. 41 vom 12. Oktober 2000 erschienen. Aus Anlass des 40-Jahr-Jubiläums der Wochenzeitung WOZ haben wir unser Archiv nach Perlen durchsucht, die wir erneut veröffentlichen, und das Tag für Tag bis hin zur Jubiläumsausgabe, die am 30. September 2021 erscheint.