Nr. 03/2007 vom 18.01.2007

«Wir wollen mitreden»

Pierre Rappazzo von Sorgim, dem Verein kritischer Migros-GenossenschafterInnen, über den Migros-Denner-Deal.

Von Elvira Wiegers

Mit der Übernahme des Discounters Denner hat die Migros die Konkurrenz um Längen abgehängt. Doch vorher hätte man die EigentümerInnen der Migros fragen müssen, findet Pierre Rappazzo, Präsident des Vereins kritischer GenossenschafterInnen Sorgim. «Ein solch dreistes Verhalten könnte sich keine Exekutive eines börsenkotierten Unternehmens gegenüber seinen Aktionären erlauben.»
Nur zwei Monate soll es gedauert haben, den Deal durchzuziehen. Ist ein solches Vorgehen seriös? «Kaum», sagt Rappazzo, «das hat sich nicht mal der ehemalige Swissair-Chef Philippe Bruggisser in der Phase der hemmungslosen Firmenkäufe getraut.» Doch die Kriegskasse war voll. Firmenchef Herbert Bolliger und seine Mannen mussten nicht erst einen Kredit durchboxen, sondern konnten schnell zulangen. Hätte der Migros-Chef stattdessen die GenossenschafterInnen zur Diskussion über die Zukunft der Migros bitten sollen – während sich etwa Aldi oder Lidl den Schweizer Discounter geschnappt hätte? Sollen die GenossenschafterInnen bei wichtigen strategischen Entscheidungen wirklich mitreden? «Es gibt zwar keine konkrete Regelung, was die Mitsprache der Basis betrifft», sagt der Präsident von Sorgim, «aber die Migros besitzt eine demokratische Struktur. Wenn die Genossenschafter sich nicht zu wichtigen strategischen Entscheidungen äussern können, wozu denn sonst?»
Noch immer könnte man sich gegen die Übernahme stellen, wenn es die Kartellbehörde nicht tut. Die GenossenschafterInnen könnten Unterschriften sammeln und bei einer Abstimmung den Deal kippen.
Was den einen vielleicht als reines Wunschdenken erscheint, ist für Rappazzo Zukunftsmusik. «Genau das wollen wir mit unserer Sorgim-Bewegung. Wir wollen die Migros wieder stärker in den Schoss der Demokratie führen. Die GenossenschafterInnen sollen mitreden, vor allem auch, wenn der Konzern so viel Geld in die Hand nimmt.» Das sei auch so eine Sache: Niemand wisse, was genau für wie viele Franken die Hand wechselte. Rappazzo glaubt nicht an den in den Medien publizierten Kaufpreis von 500 bis 700 Millionen Franken. «Dieser Betrag erscheint mir gar klein. Die Vermutung liegt nahe, es möchte jemand gezielt desinformieren. Ich glaube, dass es viel mehr war, kann es aber nicht beweisen.»
Migros ist nun noch grösser, noch mächtiger. Zum Marktanteil der Migros im Detailhandel von über 16 Prozent gesellen sich nun noch die 2,3 Prozent von Denner. Zum Vergleich: Die Nummer Zwei in der Schweiz, Coop, besitzt einen Marktanteil von knapp 14 Prozent. Was bedeutet diese zunehmende Konzentration im Detailhandel für uns KonsumentInnen? «Wer behauptet, diese Marktmacht sei gut für die Konsumenten, verfolgt andere Interessen», sagt Rappazzo. «Wir haben De-facto-Monopole – und das bedeutet höhere Preise.» Allerdings hätte Sorgim nichts dagegen, wenn etwas höhere Preise mit einer demokratischeren, umweltfreundlicheren Migros einhergingen. Mit einer Migros, die ihre Angestellten gut bezahlt. «Aber dazu müssten wir Genossenschafter das Recht haben, mitzureden – und genau das wollen wir: mitreden.»

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