12.02.2004

Jetzt kapern wir die Migros!

Warum man ein paar Formulare ausfüllen und den Migros-Konzern übernehmen sollte.

Von Constantin Seibt

Es gibt viele kleine, viele mittlere, einige grosse und sehr wenig grossartige Unternehmen: Die Migros ist ohne Zweifel ein grossartiges Unternehmen.

Schon allein die Dimensionen sind atemberaubend. Nirgends auf diesem Planeten gibt es ein Unternehmen, das nur annähernd wie die Migros ein Staat im Staate wäre. Der orange Gigant mit 80000 Angestellten ist bei weitem nicht nur der grösste Detailhändler: Er ist auch Besitzer zahlreicher Industriebetriebe, der grösste Anbieter von Fitness und Sport, ein Reisebüro mit eigener Fluglinie, Verleger der auflagestärksten Zeitung, die grösste private Volkshochschule, Grossgrundbesitzer, Betreiber eines eigenen, etwas abgedrehten Thinktanks, bedeutendster Kulturmäzen, Wirt der verzweigtesten Gastrokette und die sechstgrösste Bank des Landes.

Was erstaunt, ist, wie angenehm die Parallelschweiz Migros trotz ihrer geballten Macht ist. Sie findet sich zwar überall, fällt aber kaum auf und ist überraschend brauchbar: faire Preise für gute Waren, interessante Kulturangebote von bodenständig bis snobistisch, amüsante Werbespots, kaum nennenswerte Skandale, kaum je die rüpelhaften Erpressungen, die bei anderen Grossunternehmen Mode geworden sind.

Der Grund für die vergleichsweise Freundlichkeit des Imperiums ist, dass die auf den ersten Blick biedere Migros voller Ideen steckt. Die Unternehmensgeschichte ist ein echtes Abenteuer und das gelungenste Beispiel von Fantasie, Frechheit und Subversion, das die Schweiz je gesehen hat. (Wie sonst ausser mit Fantasie, Frechheit und Subversion kommt man sonst zu einem Parallelstaat?) Die Kämpfe begannen praktisch in der Minute, als der Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler 1925 mit 100 000 Franken, sechs Produkten und fünf zu Verkaufswagen umgebauten Fords in Zürich begann: Das Gewerbe schickte ihm die Polizei auf den Hals, die Fabriken weigerten sich, ihm Ware zu liefern, der Nationalrat beschloss 1934 eine eigentliche Lex Migros, die die für einen Detailhändler lebenswichtigen Filialen verbot. Duttweiler umging mittels Verträgen mit Privaten die Filialgesetze, brach andere, agitierte, brachte eine eigene Zeitung heraus, gründete eine eigene Partei, wurde Politiker, baute zur Umgehung der Lieferantenboykotte eigene Fabriken mit eigenen Marken auf, führte unzählige Prozesse – der Erfolg der Migros ist ein Erfolg gegen das geballte wirtschaftliche und politische Establishment. (Spuren von Duttweilers Frechheit findet man noch in den Namen der Parallelprodukte: der Name Eimalzin für Ovomaltine oder Kaffee Zaun für die Kaffee-Hag-Kopie. Oder hier: Migros macht in der Schweiz wie früher Tennis heute Golf von einer elitären zu einer erschwinglichen Sportart.)

Dabei schreckte Duttweiler vor keinem Ideenklau zurück: Die Idee der Verkaufslastwagen hatte er von Ford, ebenfalls aus Amerika importierte er nach dem Krieg das Konzept der Selbstbedienungsläden. Völlig originell war allerdings, dass er ein Prozent des Umsatzes für Kultur reservierte, was die Migros zur bedeutendsten Kulturförderin der Schweiz machte. Und höchst subversiv war, dass er 1941 das gesamte, höchst erfolgreiche Unternehmen von einer AG in eine Genossenschaft umwandelte: Anteilsscheine erhielt, wer bei Migros einkaufte. Kurz: Duttweiler verschenkte das Unternehmen an seine KundInnen.

Dieser Schachzug war mehrfach raffiniert. Steuerlich, propagandistisch, letztlich auch machtmässig. Duttweiler, der stets betont hatte, dass «ein Unternehmen für den Menschen, nicht für den Franken» da sei, sicherte sein Lebenswerk gegen die Versuchungen einer AG ab: gegen die Gier und die Unfähigkeit von Nachfolgern und Erben. Natürlich klappte das nicht ganz. Duttweiler versuchte zwar, alles gegen eine Machtballung in seiner Nachfolge zu unternehmen. («Die grösste Furcht, die ich habe, ist, dass ein ausserordentlich tüchtiger Mann die Migros sozusagen annektiert. Jeder Machtgedanke ist von Schaden», schrieb er. Und: «Mich beschäftigt weniger das Fehlen eines Mannes mit Patentlösungen in der Schublade als vielmehr die Scheu, Risiken einzugehen und kühne Vorschläge zu realisieren.»)

Trotzdem kam es so: Zwei seiner Nachfolger – Pierre Arnold und Jules Kyburz – waren Sonnenkönige im orangen Reich, andere eher bessere und schlechtere Verwalter. Migros ist immer noch ein interessantes Unternehmen, aber unleugbar träger als vor fünfzig Jahren: vielleicht das notwendige Schicksal eines derart riesigen Tankers. Mehrere einst funkelnde Erfindungen sind heute matt: Ex Libris vertreibt seit Jahrzehnten nur noch Schrott, die freche Migros-Tageszeitung «Die Tat» ist längst tot, stattdessen hat der «Brückenbauer», eine harmlose Prawda in Orange, überlebt, bei ökologischen Produkten war die Migros passabel, aber Coop immer etwas schneller, bei den Mindestlöhnen für Ungelernte musste die Gewerkschaft zwei Jahre Druck machen, bis die Migros endlich nachgab.

Das Problem bei Duttweilers Genossenschaftskonstruktion bestand darin, dass er zwar eine Kopie des Systems Schweiz aufgebaut hatte: mit zwei Kammern, Initiativ- und Referendumsrecht, Parlament und einem Quasibundesrat an der Spitze. Dass aber zwei Millionen BesitzerInnen ein Management kontrollieren, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Das Resultat des Systems sind legendäre Intrigen im Hauptquartier, dem Migros-Genossenschafts-Bund (MGB, intern oft KGB genannt). Ebenso eine erstaunlich DDR-hafte Art von Demokratie: Das Migros-Management wählt selbst eine Einheitsliste von Kandidierenden für das Migros-Parlament aus – diese werden dann still gewählt. Kurz: Die Migros, der Staat im Staat, ist ein unkontrollierter Funktionärsstaat, ein Gebilde, das traditionell unwirsch auf Kritik reagiert.

Wie subversiv Duttweilers Idee der Genossenschaft trotz allen Konstruktionsfehlern ist, zeigt der Hass der NZZ. Als Coop- und Migros-Manager «erneut die abstruse Frage stellten, ob der Neoliberalismus der neunziger Jahre, verbunden mit einseitig orientiertem Share-holder-Value» der Vergangenheit angehöre, empfahl die NZZ im Sommer 2002: «Sie würden besser schweigen.» Denn Grossgenossenschaften «unterwandern in der Tendenz freie Märkte», «geniessen es, das Eigenkapital willkürlich oder gar nicht verzinsen zu können», «unterstehen nicht dem Druck der Produkt- und Finanzmärkte», «die für starke Marken und Unternehmen kein Problem sind – nur schwache Unternehmen scheuen ihn» – und wären dementsprechend gut beraten, in Sachen Unternehmenspolitik «nicht weiterhin dumme Bemerkungen zu machen» und «böses Blut» zu schüren.

Tatsächlich geht es den Genossenschaften Migros und Coop gegen jede NZZ-Ideologie geradezu theoriefeindlich glänzend – und dies trotz mangelnder Kontrolle. Vielleicht ist ein Grund gerade der «mangelnde Druck der Finanzmärkte»: Sie müssen weder riesige Renditen vorweisen noch von Quartalsbericht zu Quartalsbericht hetzen: Sie können, ohne Dividende zu zahlen, langsam und unverschämt wachsen.

Klar könnte in Sachen Migros etwas Kontrolle nicht schaden. Nicht zuletzt, weil der jetzige Chef Anton Scherrer bedenkliche Tendenzen zeigt, das Unternehmen zu normalisieren: durch die Übernahme von nur dem Management unterstellten AGs (wie Globus und Interio), durch Einführung des CEO-Postens, Aufstockung der Topgehälter, Abschaffung der schon schwachen direktdemokratischen Elemente Initiative und Referendum. Und auch, weil die Migros in den letzten Jahrzehnten so viel weniger Ideen hatte als zuvor. Deshalb lohnt es sich, Duttweilers Strukturen zu nutzen: Es ist theoretisch möglich, diesen Juni per Wahlen das Migros-Parlament zu übernehmen. Und mit diesem eventuell ein neues Management zu wählen. Damit aus einem faulen wieder ein faszinierendes Unternehmen wird.

Das ist nicht nur theoretisch möglich, sondern auch praktisch machbar. Es braucht nicht viel mehr als das Ausfüllen von ein paar vorfrankierten Formularen. Denn die Migros, dieser grossartige, ehemals subversive Konzern, gehört uns.

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