29.07.2004

Gradlinig gedacht

Von Hanspeter Guggenbühl

Als «Querdenker» haben ihn Medienschaffende wiederholt bezeichnet. Und damit liessen sie die entscheidende Frage offen: Hat Hans A. Pestalozzi quer gedacht, oder lag die Sache quer, über die er nachdachte? Zum Beispiel die Wirtschaft und ihre erfolgreichste Wachstumsbranche: «Ich will doch keine blühende Pharmaindustrie», sagte der ehemalige Migros-Manager und Major einmal, «sondern ich will, dass wir gesund sind. Die Pharmaindustrie aber kann nur blühen, wenn viele krank werden.»

Das ist gradlinig gedacht. Quer zu solch einfacher Erkenntnis steht hingegen eine Gesellschaft, die Beifall klatscht, wenn die Pharmakonzerne Jahr für Jahr Rekordumsätze melden, oder eine Wirtschaftspolitik, die das Wohl der Menschheit einzig an den Wachstumsraten des Bruttosozialproduktes misst. «Es gibt für unsere Spitzenpolitiker, Chefbeamten und Topmanager offenbar kein anderes Ziel und keinen andern Lebensinhalt, als immer noch mehr materielle Güter bereitzustellen. Ohne zu fragen, um welche Güter es sich handelt, und ohne zu bemerken, dass wir durch die weitere Erhöhung der Gütermenge schon längst viel mehr zerstören, als wir wirklich schaffen», schrieb Pestalozzi 1980.

Unternehmer und Managerinnen schätzten den scharfsinnigen Ökonomen, solange er sich nur als Sparringpartner in ihrer geschlossenen Gesellschaft betätigte: Als Direktor des Gottlieb Duttweiler Institutes (GDI) genoss Pestalozzi lange Jahre hohes Ansehen. Die von der 68er-Bewegung verunsicherte Elite aus Wirtschaft und Politik brauchte und nutzte das GDI damals als Forum, um sich ihre eigenen Schwächen von Zeit zu Zeit vor Augen führen zu lassen.

Widerstand aus der Migros-Chefetage regte sich erst, als der Hofnarr den Hof erweiterte: Ab 1977 verbreitete der GDI-Leiter seine wachstums- und gesellschaftskritischen Einsichten vermehrt auch in Aufsätzen oder Vorträgen. Ebenfalls 1977 gründete er in Zürich den Corbusier Community Workshop (Coco), eine Art GDI-Filiale, die auch der Alternativbewegung eine Plattform bieten wollte. Nach kleinkarierten Auseinandersetzungen stellte der von der Migros-Führung dominierte GDI-Stiftungsrat im Juli 1979 seinen unbequem gewordenen Direktor samt einigen linken MitarbeiterInnen auf die Strasse.

Fortan betätigte sich Pestalozzi als freier Publizist, Vortragsreisender, Teilzeitbauer und – wie er sich selbst nannte – «autonomer Agitator». In seinen Reden und Büchern («Nach uns die Zukunft», «Auf die Bäume, ihr Affen» und andere) kritisierte er variantenreich das Primat einer expandierenden Wirtschaft, die den Naturraum, die Autonomie der Menschen und die demokratischen Rechte zunehmend verdrängt. «Der Mensch wird entmündigt, die Manager übernehmen die Macht», lautete einer seiner Kernsätze.

Er wolle den Menschen Mut machen, anders zu leben, sich den Systemzwängen zu entziehen, begründete Hans A. Pestalozzi sein Engagement. Eine andere Welt sollte möglich sein, hoffte er. Später hat der Aufklärer resigniert: «Ach es war eine Illusion. Die ganze Deregulierung und Globalisierung hat die Leute immer noch abhängiger gemacht», sagte er vor zwei Jahren im Film «Meine Jahre haben Leben» von Franz Deubzer, der in deutschen Fernsehsendern, aber nie in der Schweiz ausgestrahlt worden ist.

In seinen letzten Lebensjahren ist Pestalozzi immer mehr verstummt und hat sich in sein Bauernhaus bei Wattwil im Toggenburg zurückgezogen. Dort ist der Mann, der das Leben liebte und die freie Liebe lebte, Mitte Juli im Alter von 75 Jahren gestorben.

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