26.02.2004

Single-Shopping

Von Esther Banz

Alle tun es. Keiner kommt darum herum, so er oder sie nicht verhungern will. Okay, das trifft nicht unbedingt auf die Männer zu, denn von denen geniessen ja viele nach wie vor den Komfort, nach der Arbeit direkt an den gedeckten Tisch sitzen zu können. Aber die sind in diesem Zusammenhang ohnehin nicht interessant. Es geht im Folgenden nämlich ums Einkaufen. Beziehungsweise um die Chancen, beim Einkaufen den passenden Menschen fürs Leben zu finden. Die meisten Partner haben sich ja angeblich bei der Arbeit kennen gelernt. Etwa zehn Prozent aller, die dieses Glück nicht hatten, fanden es dafür im Fitnessstudio, heisst es weiter. Macht ja auch Sinn: An den Maschinen wird gestemmt, geschwitzt und gestöhnt – wie im Bett sozusagen. Schön und gut, verbleiben aber immer noch rund sechzig Prozent Singles, die sich fragen, wie, wann und vor allem wo sie den Richtigen oder die Richtige finden werden.

Manche werden bei der Suche zu AlkoholikerInnen, ganz einfach deshalb, weil sie ein bisschen zu häufig in bester Hoffnung in Bars rumhängen. Also nicht der ideale Ort, um romantischen Vorstellungen einen Tritt in den Arsch zu geben. Bleibt ... ja was? Genau, der Ort, den jede und jeder, vor allem jeder allein lebende Mensch garantiert aufsucht: Die Migros, den Coop, das Quartierlädeli. Erstere hat nun – nach dem Vorbild eines Pariser Kaufhauses – das Potenzial erkannt. In einer jüngst eröffneten Filiale mitten im angesagten Kreis 5 hat sie – Achtung Singles! – mit Herzen gekennzeichnete Einkaufskörbe aufgestellt, extra für uns. Das ist extrem lieb von dir, Migros! Vielen herzlichen Dank! Es könnte vielleicht sogar funktionieren, wenn diese trendige Filiale nicht immer so hoffnungslos ausgestorben wäre, weil die StädteplanerInnen dummerweise vergessen haben, mehr Wohnraum zu schaffen in diesem coolen Quartier.

Das ist natürlich nicht dein Fehler, liebe Migros, schon klar, aber wenn ich mir als Single einen solchen Korb schnappe, wer spricht mich dann an? Der Manager höchstpersönlich (er ist sicher verheiratet)? Oder das muskulöse Model von der Unterhosenverpackung? Den würd ich vielleicht sogar nehmen. Aber wie haben Sie sich das grundsätzlich vorgestellt, mit mir? Ich sollte das Herz an meinem Einkaufskorb gut ersichtlich vor mir her tragen, unauffällig aufmerksam um die Gestelle schlendern, versonnen Verpackungstexte studieren, eine frische Banane sanft mit der einen Hand massieren, während sich die andere um die Pflaumen kümmert? Liebe Migros, zu dem Zeitpunkt haben Sie mir doch schon längst den Ladendetektiv an die Fersen geheftet. Überhaupt: Wie viel Zeit muss ich eigentlich einrechnen, bis ich angequatscht werde? Würde es nicht mehr Sinn machen, einfach die Kondomabteilung ein bisschen zu erweitern und sie nicht zuhinterst im Laden zu verstecken, sondern vielleicht eher gleich bei den Kassen? Oder in der Cafeteria, die bei Ihnen jetzt auch «Lounge» heisst? Ich bin gespannt. Und sollte ich in einer Ihrer Filialen die grosse Liebe finden, werde ich Sie garantiert zur Hochzeit einladen. Versprochen!

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