12.02.2004

Was wir anders machen würden

Von Constantin Seibt

«Die Herzen unserer Gegner müssen überwunden werden.»
Gottlieb Duttweiler

Sollte der Friendly-Takeover-Liste von Sorgim Erfolg beschieden sein, schlagen wir dem neuen oder alten Management zehn Retuschen im Sinne Gottlieb Duttweilers vor:

1. Das faktische Doppelmandat als CEO und VR von Anton Scherrer ist wenig ratsam – auch intelligente Alleinherrscher sind potenziell gefährlich: siehe etwa einen gewissen Herrn Mühlemann.

2. Gefährlich ist auch die Anhebung der mit rund einer halben Million Franken dotierten Topkaderlöhne um zwanzig Prozent. Die Begründung, dass «man sonst keine guten Leute findet», ist erstaunlich wenig selbstbewusst. Migros ist als Unternehmen faszinierend, mächtig und prestigereich genug. Und laut sämtlichen Managementstudien gibt es zwischen Gehalt und Erfolg eines CEO nur einen mathematischen Zusammenhang: keinen.

3. Es scheint sinnvoll, alle vier Jahre den CEO sowie das Topmanagement zwischen zwei oder drei Kandidaten auszuwählen. Ein Wahlkampf zwingt die Kandidaten, Ideen, Pläne, Taten offen zu legen. Wahlgremium ist der Genossenschaftsrat.

4. Amtszeitbeschränkung für den CEO auf acht Jahre.

5. Vereinfachung des komplizierten Wahlverfahrens in die Genossenschaftsräte. Keine DDR-artige Einheitslistenwahlen mehr in der Migros. (Duttweiler: «Die gesunde Kritik und Opposition in den Genossenschaftsräten sind zu pflegen.»)

6. Ein generell etwas entspannterer Umgang mit Kritik ist einem souveränen Unternehmen angemessen – Pro und Contra auch in der Hauspresse. (Und – nebenbei – geht das Gerücht, Migros sperre bei unangenehmen Artikeln Inserate. Schikanen wie diese sind bei dem beliebtesten Unternehmen der Schweiz unnötig.)

7. Auch souverän wäre: ein etwas gelassenerer Umgang mit Gewerkschaften: Wozu etwa der Ausschluss des VHTL, nachdem dieser die neuen Mindestlöhne mit durchgesetzt hatte? Gewerkschaften sind wie Chiropraktiker: nur dann sinnvoll, wenn es wehtut. – Rückgrat!

8. Nach den Mindestlöhnen für ungelernte Angestellte wäre es vielleicht angebracht, über Mindestlöhne für gelernte MitarbeiterInnen von sagen wir 4000 Franken nachzudenken. Ein ausgebildeter Arbeiter verdient bei der Migros im Schnitt 3750 Franken, auf dem Bau 5250 Franken. («Löhne und Saläre wie auch das Verhältnis zu der Arbeiter- und Angestelltenschaft müssen vorbildlich sein.»)

9. Duttweiler verfügte, dass in den Genossenschaftsräten eine Frauenmehrheit zu bestehen habe. («Das Frauenherz ist der sicherste Aufbewahrungsort für unser Ideengut!») Nun sitzen bei Migros zwar viele Frauen an der Kasse – aber so gut wie keine im Management. – Teilzeitstellen, Quoten, Krippen.

10. Last, not least: Mehr Mut. Duttweiler sah das Unternehmen immer als Hebel, gesellschaftlich etwas zu tun: Wen wollen Sie fördern? Wen bremsen? Wo sehen Sie Chancen? Wo Machtmissbrauch? Polemiken, Feinde, Kämpfe, Irrtümer, aber natürlich auch Grosszügigkeit, Pathos und Glanz haben Duttweilers Migros nie geschadet – sie haben das Unternehmen erst gross und stolz gemacht. (So sympathisch Coop ist – was sind sie gegen Migros? Und der Herr Duttweiler – soll er der einzige bis in alle Ewigkeit zitierte Migros-Mitarbeiter bleiben?)

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