25.03.2004

«Eigentlich sucht die Migros immer das Gespräch mit den Gewerkschaften»

Warum hat die Migros dauernd Krach mit den Gewerkschaften? Und warum kündet sie als einziger Patron vorsorglich den Vertrag mit der zukünftigen Unia?

Interview: Urs Bruderer und Constantin Seibt

WOZ: Glauben Sie wie Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler, dass die Migros ein vorbildlicher Arbeitgeber sein muss?
Anton Scherrer: Sicher. Und wenn wir in letzter Zeit manchmal kritisiert wurden, dann nur, weil der Angriff auf einen grossen Arbeitgeber sich lohnt. Das gibt Schlagzeilen.

Wir finden die Häufung in den letzten Jahren auffällig. Die Migros geriet mehrmals mit dem Arbeitsgesetz in Konflikt, etwa wegen Nachtarbeit und wegen 70-Stunden-Wochen im Verteilzentrum Suhr.
Was Sie da antönen, sind zu bearbeitende Einzelvorkommnisse. Mit den grossen Leitlinien unserer Personalpolitik hat das nichts zu tun. Die Migros hat das Pensionsalter 62 freiwillig eingeführt. Wir haben den 16-wöchigen Mutterschaftsurlaub, gute Sozialleistungen, eine fortschrittliche Ferienregelung etc., etc.

Und warum läuft es bei den Löhnen so zäh? Für den Mindestlohn von 3000 Franken netto brauchte es jahrelangen öffentlichen Druck. Bei der nun fälligen Lohnaufbesserung für Gelernte und Erfahrene harzt es wieder.
Wir sind mit 3500 Franken Mindestlohn in Zürich und 3300 Franken in den anderen Genossenschaften in der Branche an der Spitze. Jetzt müssen Sie einmal aufhören zu sagen, dass das nichts sei! Wir reden da von ungelernten, zwanzigjährigen Mitarbeitern. Fragen Sie einmal bei den Arztgehilfinnen, was die verdienen! Oder gehen Sie zu den kleineren und mittleren Unternehmen! Wir haben ein paar aufgekauft, und jedes Mal sah ich, dass die zehn bis zwanzig Prozent weniger bezahlten als wir.

Die Migros sollte sich nicht nach unten vergleichen, sondern nach oben.
Ich wollte nur einmal die Situation darstellen. Wir haben in den letzten Jahren die Lohnsumme um zehn Prozent erhöht. Das macht 500 Millionen Franken! Und es tut mir Leid: Das geht nur, wenn auch die Produktivität steigt, denn der liberalisierte Markt erzeugt Druck. Wenn ich eines Tages plötzlich 10 000 Leute entlassen müsste, würde mir das nicht verziehen. Ich suche den Weg zwischen den notwendigen Veränderungen und einer vernünftigen Lohnpolitik.

Man hat das Gefühl, Sie wollen ihn allein finden. In der Schweiz wird dieser Weg eigentlich zwischen den Sozialpartnern verhandelt, doch die Migros tut sich da schwer.
Ich hatte nie Schwierigkeiten mit Verhandlungen.

Sie verwickeln die Gewerkschaften dauernd in juristische Scharmützel.
Ich persönlich in keinem Fall.

Ich weiss nicht, wer bei Ihnen zum Beispiel für die Klage gegen Gewerkschafter verantwortlich ist, die vor dem Verteilzentrum in Münchenstein Flugblätter verteilten. Im Tessin kam es zu einer ähnlichen Klage. Als die Sache mit den «ewigen Temporären» in Suhr aufflog, argumentierte die Migros juristisch und schob die Probleme auf die Adecco ab, bevor sie dem öffentlichen Druck nachgab.
Sie erwähnen Einzelfälle, wie es sie bei einem Unternehmen mit 80000 Mitarbeitern leider geben kann. Eigentlich sucht die Migros immer das Gespräch.

Kürzlich haben Sie mit einem juristischen Winkelzug sogar den Gesamtarbeitsvertrag (GAV) mit den Gewerkschaften gekündigt, die zur Unia fusionieren.
Wir haben das gemacht, weil wir sehen wollen, ob dieses neue Gebilde, eine interprofessionelle Grossgewerkschaft, die alten vertraglichen Vereinbarungen überhaupt noch erfüllen kann.

Der Partner organisiert sich neu, klar. Aber der Vertrag mit ihm bleibt derselbe.
Es entsteht ein neuer Vertragspartner, der sich ein neues Programm gibt. Wenn er das einmal hat, muss er sagen, ob für ihn unser Vertrag noch geht.

Sie kündigen präventiv, damit die andere Seite allenfalls sagen kann, dass ihr der Vertrag nicht mehr passt?.
Das scheint uns konsequent.

Was befürchten Sie? Was könnte im Programm stehen, das Ihnen nicht passt?
Ich befürchte nichts. Ich will nur die neue Situation besprechen.

Sie haben einmal gesagt, der Arbeitsfriede gehe Ihnen über alles.
Das ist richtig.

Nun gefährden Sie ihn, denn im GAV haben sich die Gewerkschaften zum Arbeitsfrieden verpflichtet.
Wir haben mehrere Gewerkschaften als Vertragspartner. Der Kaufmännische Verband ist immer noch drin, die Metzger sind drin, die Syna ist neu drin. Diese Sache ist wirklich nicht so heiss.

Immerhin ist die Migros der einzige Patron, der den GAV mit der zukünftigen Unia vorsorglich gekündigt hat.
Was die andern machen, geht uns nichts an. Ich mache, was ich für richtig halte.

Und wie geht es nun weiter mit dem GAV?
Er läuft bis 2006. Wenn die neuen Gewerkschaften die Inhalte teilen können, sehe ich keine Probleme.

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