26.02.2004

Bis bald

Die demokratische Übernahme des orangen Riesen durch den Verein Sorgim ist gescheitert. Dank den WOZ-LeserInnen aber nur knapp. «In vier Jahren sollte es klappen», sagt Sorgim-Präsident Pierre Rappazzo.

Von Urs Bruderer

Letzte Woche wurden zwei Machtkämpfe um die Migros entschieden. Erstens das Gerangel an der Konzernspitze: CEO Anton Scherrer, der sein Amt demnächst altershalber abgeben muss, wollte sich auf den Präsidentenstuhl Claude Hausers retten. Die Medien berichteten ausführlich über den migrostypisch undurchsichtigen Coup des zum Reformer stilisierten Scherrer gegen den angeblich konservativen Hauser. Dabei lässt sich alles Wesentliche über das Platzen einer bedeutungslosen Rochade in drei Worten sagen: «Pech für Scherrer».

Zweitens der öffentliche, demokratische Übernahmeversuch des orangen Riesen durch den Verein Sorgim. Dieser Machtkampf hätte die Migros und mit ihr die wirtschaftliche Schweiz so gründlich umkrempeln können wie der Sturm auf die Bastille das politische Europa umgekrempelt hatte. Trotzdem fand der Kampf unter beinahe vollständigem Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Sorgim stolperte schon über die erste Hürde: Letzte Woche hätten die Listen mit den KandidatInnen für die Wahl in einen der zehn regionalen Genossenschaftsräte eingereicht werden müssen. In Zürich und in Bern meldeten sich bei Sorgim 45 respektive 40 KandidatInnen. Nötig gewesen wären 60. Ein weiteres Problem: Für Sorgim wollten fast nur Männer kandidieren, aber Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler schrieb in den Statuten eine Frauenmehrheit vor.

«Wir scheiterten knapp», sagt Sorgim-Präsident Pierre Rappazzo. Den Achtungserfolg habe die WOZ massgeblich mitverursacht: Erst nach der grossen Berichterstattung («Jetzt kapern wir die Migros!», WOZ vom 7. Februar 2004) sei aus Sorgim eine Bewegung mit 300 Mitgliedern und schweizweit fast 100 potenziellen Migros-GenossenschaftsrätInnen geworden, und das innert kürzester Zeit und mit einem minimalen Budget. «Wenn andere Medien aufgesprungen wären, hätte es schon diesmal klappen können», sagt Rappazzo, «aber eine Generalprobe schadet nichts.» Ziel von Sorgim bleibe die Übernahme von mindestens einer regionalen Genossenschaft. «Wenn du eine hast, hast du gewonnen. Dann müssen sie auf dich hören, denn die Genossenschaften haben viel Eigenständigkeit. Der Koloss Migros ist nur im Konsens führbar.»

In vier Jahren finden die nächsten Wahlen statt. Drei Punkte will Rappazzo bis dahin verbessern: die Öffentlichkeitsarbeit («davon hatten wir keine Ahnung»), das Timing («unsere Kampagne fing rund ein Jahr zu spät an») und den Forderungskatalog («unser Slogan war: Wir wollen den Idealen von Gottlieb Duttweiler Nachachtung verschaffen – nur kennt die kein Mensch»).

Der dritte Punkt ist die Knacknuss. Sein Bauch habe ihm immer schon gesagt, dass es bei Sorgim um weit mehr gehe als um die demokratische Kontrolle über die Migros, sagt Rappazzo. Nur habe er das bisher nicht formulieren können. Nun kann er es: «Demokratische Unternehmen sind erfolgreicher», sagt Sorgim heute. Die Migros sei nur ein Vehikel, um dieses These zu beweisen. Warum gerade Migros? Warum nicht Coop oder Novartis? «Eins nach dem andern», sagt Rappazzo. Und die Migros biete sich an, weil sie die Strukturen für die demokratische Führung eines Grossunternehmens auf dem Papier schon hat. «Da braucht es nur Leute, die sie auch leben wollen. Und falls die demokratisierte Migros Erfolg hat, werden andere Unternehmen nachziehen.» Sorgim arbeitet also an einem Epochenwechsel. Der Verein will den Kapitalismus nicht überwinden, sondern nur demokratisieren. Das aber gründlich.

Derzeit brütet Rappazzo über einem Strategiepapier zur demokratischen Unternehmensführung. Er will es noch diesen Frühling bei aktiven Sorgim-Mitgliedern und führenden Köpfen aus Wissenschaft und Politik in die Vernehmlassung geben. Die öffentliche Auseinandersetzung soll Sorgim bekannt machen und inhaltlich stärken.

Demokratische Unternehmensführung liegt im Trend, glaubt Rappazzo: «Die absurden Managerlöhne, Megapleiten wie Enron und Parmalat, die volkswirtschaftlich schädlichen Praktiken der Finanzmärkte – das sind alles Folgen der undemokratischen Günstlingswirtschaft auf den Teppichetagen: Wo keine Transparenz herrscht, regiert die Gier. Und wo die Kontrolle fehlt, werden kleine Fehler mit grossen Risiken vertuscht, bis es zum Kollaps kommt.» Von demokratisch geführten Unternehmen würden also nicht nur die Angestellten profitieren, sondern die Allgemeinheit. «Wenn Sorgim diese Botschaft unters Volk bringt, dann könnte der erste Schritt klappen, die demokratische Übernahme der Migros in vier Jahren», sagt Rappazzo. Also, bis bald.

www.sorgim.ch

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