26.02.2004

Grün-weisser Nachwuchs

Kein Schnickschnack und extrem günstig – doch sonst ist fast alles gleich wie bei den übrigen Migros-Produkten.

Von Sina Bühler

«Blåvitt» war eine der Ersten: Eine Linie von Billigprodukten des schwedischen Konsums, der mittlerweile Coop-Konsum heisst. Seit 1979 stehen die Artikel in schwedischen Konsum-Filialen, zuerst unter dem Markennamen «Waren zum ständig tiefen Preis». Der Name war wohl ein Zeichen dafür, dass beim Marketing arg gespart wurde, um die tiefsten Preise zu garantieren. Bald musste «Blåvitt», blau-weiss wie die Verpackung, daraus gemacht werden. Der Konsum schreibt die Produkte schnörkellos «Reis», «Schinken» und «Seife» an. Es dauerte nicht lange, und «Blåvitt» wurde in Schweden zum Trend, so dass beim Wintersport gar blau-weiss gestrichene Skier mit dem Aufdruck «Ski» zu sehen waren. Die Zeiten des Erfolgs könnten allerdings bald vorbei sein: Die Marktbedingungen hätten sich verändert, glaubt der schwedische Coop-Konsum, und «Blåvitt» werde bald durch die neue Tiefpreismarke «Coop X-Tra» ersetzt.

Abwaschbürsten

1996 lancierte die Migros eine ähnliche Idee: Die billige grünweisse Linie wächst vorläufig noch. Die 162 Artikel haben erst im Januar Zuwachs erhalten: Feuchttüchlein, Kaugummi, frische Tortellini und Picknickeier sind nur drei von 33 neuen M-Budget-Ideen. «In wirtschaftlich schwierigen Zeiten steigt das Bedürfnis nach günstigen Produkten, deshalb ist die Linie ausgebaut worden», sagt Migros-Pressesprecherin Monika Weibel. Die Migros wolle ihre KonsumentInnen nicht an Discounter verlieren.
(Nachtrag vom Sommer 2013: Mittlerweile gibt es über 500 M-Budget-Produkte.)

Was ist speziell an Migros-Budget? Liegt der Unterschied nur beim Preis und der Verpackung? Auf den ersten Blick ist bei den meisten Produkten tatsächlich nichts festzustellen. Das Grün-Weisse gibts bei Migros mit denselben Zutaten, demselben Produktionsstandort und oft gar mit derselben Menge an Kalorien in einer farbigeren, teureren Markenversion. Die M-Budget-Packungen sind häufig etwas grösser, und nur wenige Produkte sind wirklich anders: Das Weissmehl hat in der Budgetversion keine Folsäure, der Eistee ist nicht nur mit Zucker, sondern gleichzeitig mit Süssstoff angereichert, der Schmelzscheibenkäse hat nur 64 statt 73 Prozent Käseanteil, und die Ananas badet in der grün-weissen Dose in Zuckerwasser, in der Delmonte-Version im eigenen Saft.

Balsamico

Die Qualitätsanforderungen seien ohnehin dieselben wie bei jedem anderen Produkt. «Die Migros kalkuliert auf diesen Produkten weniger Marge, und die Verpackung ist recht einfach gehalten. Die Rezepturen sind ebenfalls anders zusammengestellt. Das führt zu Verbilligungen im Produktionsprozess», sagt Monika Weibel. Alle weiteren Fragen wollte sie nur schriftlich beantworten. Doch auch per Mail blieben die genauen Zahlen bei den Margen geheim, obwohl die WOZ auf Gottlieb und Adele Duttweilers These Nummer sechs hinwies: «Allseits und überall unbehindert Zutritt dem Licht der Öffentlichkeit» – so lautet übrigens auch der Leitspruch der Migros-Medienstelle.

Billigpreise für die KonsumentInnen könnten allerdings auch weniger Geld für die ProduzentInnen oder billigere Produktionsbedingungen bedeuten. «Die Migros zahlt generell für die Rohstoffe die gleichen Einstandspreise wie bei den normalen Produkten», sagt Weibel. Der Kaffeerahm und das Mineralwasser etwa würden unter denselben Bedingungen, mit demselben Inhalt und demselben Einkaufspreis produziert.

Für die einzige grosse Konkurrentin der Migros – Coop – ist die Idee einer Billiglinie kein Thema. «Wir konzentrieren uns lieber weiterhin auf unsere bewährten drei Bereiche», sagt Coop-Mediensprecher Karl Weisskopf. Das heisst auf Markenartikel, Eigenmarken und Labelprodukte wie Coop Naturaplan und Max Havelaar. «Wir verstehen uns nicht als Superdiscounter und müssen nicht unbedingt eine Billigstlinie anbieten», so Weisskopf. (Noch ein Nachtrag der Redaktion: Im Jahr darauf, 2005, hat Coop die Billiglinie «Prix Garantie» geschaffen.)

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch