Nr. 52/2020 vom 24.12.2020

Es tut sich etwas

Endlich kommt die Debatte zu den Verstrickungen von Kunsthaus Zürich und Waffenhändler Bührle in Fahrt. Höchste Zeit, nun weiter reichende Forderungen zu stellen.

Von Daniela JanserMail an AutorIn

Wer Veränderung sehen will, tippt ins Suchfeld des NZZ-Archivs «Emil Georg Bührle» ein. Lange hat das bürgerliche Blatt den Waffenlieferanten der Nazis und Grossmäzen des Zürcher Kunsthauses kaum kritisch hinterfragt. Erwähnt wurde der 1924 aus dem norddeutschen Magdeburg eingewanderte Bührle etwa unter der Überschrift «Die Immigration – ein Pfeiler des helvetischen Wohlstands». Und noch 2007 sang Kunsthausdirektor Christoph Becker in einem Interview zum geplanten Erweiterungsbau ein Loblied auf attraktive Synergien: «Die Sammlung Bührle und die Kunsthaus-Sammlung ergänzen sich ideal.» Offenherzig gestand er auch ein, was heute so niemand mehr sagen mag: «Ohne die Sammlung Bührle müsste man sich tatsächlich fragen, ob eine Erweiterung sinnvoll wäre.» Kritische journalistische Fragen zur Problematik der Sammlung blieben damals aus.

Abgelehntes Blutgeld

Als 2015 das «Schwarzbuch Bührle» herauskam, das die fragwürdigen Ankäufe Bührles ins Zentrum rückt, teilte der NZZ-Rezensent dann doch die These von mitunter «moralisch schwer zu rechtfertigenden» Kunstkäufen: «Transparenz zu schaffen» sei nun «unerlässlich». Fünf Jahre zuvor hatte der spätere Schwarzbuch-Autor Thomas Buomberger einen eklatant verharmlosenden NZZ-Artikel zu Bührle noch per Leserbrief zurechtrücken müssen: Nein, der Sammler sei nicht einfach «zufällig» mit Werken problematischer Provenienz «in Berührung» gekommen. Bührle habe die Aufklärung der Herkunft seiner Bilder zum Teil sogar aktiv verhindert und Provenienzen geschönt.

Spätestens seit der von Misstönen begleiteten Veröffentlichung der historischen Studie «Kriegsgeschäfte, Kapital und Kunsthaus» Mitte November hat der Wind in der Berichterstattung endgültig gedreht. Die NZZ kommt nun zum Schluss: «In der Causa Bührle bleiben wichtige Fragen offen, etwa jene nach Kunstwerken in der Sammlung, die unter dem Begriff des Fluchtguts subsumiert werden könnten.» Der «Tages-Anzeiger» wiederum erkennt «eine Schuldgeschichte, die nie vergessen und ganz sicher nicht geschönt werden darf». Beide Zeitungen monieren, dass es vonseiten eines prominent besetzten Steuerungsausschusses zu unzulässigen Eingriffen in die Studie gekommen war. Wenn Interessengruppen sich in die Forschung einmischten, schaffe das ein Glaubwürdigkeitsproblem, schrieb die NZZ. Und das Magazin «Tachles» erinnert zu Recht daran, dass man Bührles Geld nicht zwingend hätte annehmen müssen: 1941 hatte das Zürcher Schauspielhaus eine Millionenspende von Waffenhändler Bührle als «Blutgeld» abgelehnt.

Auch die Schwarzbuch-Autoren sind wieder aktiv mit einer Petition, die etwa einen der Sammlungspräsentation vorgelagerten «Dokumentationsort» fordert sowie weitere Forschung. Die von der WOZ neu lancierte Debatte hat Fahrt aufgenommen, rechtzeitig zur Schlüsselübergabe am 11. Dezember. Nachdenkliche Schatten legten sich über die PR-gerechte Vorstellung des Neubaus von David Chipperfield. Die NZZ fragt den scheidenden Direktor Becker: «Hätte das Kunsthaus seine Verflechtungen mit Bührle nicht schon viel früher öffentlich thematisieren müssen?» Becker antwortet ausweichend.

Ist das noch zeitgemäss?

Berichterstattung, historische Studie und Petition haben einiges bewirkt. Allerdings dürften die Forderungen noch weiter gehen. Der nun breit gestützte Ruf nach Vermittlung und historischer Einbettung der Sammlung ist schön und gut. Doch mit Blick auf die Zukunft steht Grundlegenderes zur Debatte: Warum müssen Bührles Bilder eigentlich als geschlossene Einheit präsentiert werden, in eigens für diesen Zweck gebauten Räumen? Ist das noch zeitgemäss? Und wie wurde dieses prunkvolle, exklusive Ausstellungsschaufenster für die Sammlung Bührle überhaupt möglich? Zu Recht fordert die Petition, die Leihverträge zwischen Kunsthaus und Bührle-Stiftung seien offenzulegen. Und warum verlässt man sich im Kunsthaus auf die Provenienzforschung des Kunsthistorikers Lukas Gloor, der seit 2002 im Sold der Bührle-Familie steht? Zumal Gloors Forschung, wie er selbst erklärt hat, genau einen Hauptzweck hat: den Weg für den Umzug der Bilder ins Kunsthaus zu ebnen (siehe WOZ Nr. 49/2020). Man darf gespannt sein, wie die Eröffnung der Sammlung Bührle im Oktober 2021 über die Bühne gehen wird.

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