Nr. 38/2007 vom 20.09.2007

Böser Riese, guter Riese

Unter dem Titel «Dutti der Riese» entstand ein filmisches Porträt des Migros-Gründers und legendären Politikers. Der Film spinnt den Mythos Duttweiler mit neuen Quellen und Bildern weiter. Noch lieber hätte man einen historisch-kritischen Blick.

Von Stefan Keller

Als der Millionär und Politiker Gottlieb Duttweiler im Juni 1962 mit 74 Jahren gestorben war, gedachte man seiner in vier Zürcher Kirchen zur gleichen Zeit, und das Volk staute sich in den Strassen, um von ihm Abschied zu nehmen. Beim Fraumünster, wo die Hauptfeier stattgefunden hatte, filmten Kameras die herauseilenden Trauergäste, darunter die treue Ehefrau, Alice Duttweiler-Bertschi, welche den Verstorbenen um dreissig Jahre überleben sollte, dessen bereits etwas wacklige Geschwister sowie die vor lauter Staatsraison ganz steifen Vertreter von Politik und Wirtschaft. Auch die Nachfolger Duttweilers sah man aus der Kirche treten. Zweifellos atmeten sie gerade auf. Nachdem der unberechenbar philanthropische Chef nicht mehr dreinreden konnte, war es jetzt an ihnen, seinen Nachlass zu regeln.

Gottlieb Duttweiler, geboren 1888, Gründer des Migros-Konzerns und einer Partei mit dem Namen Landesring der Unabhängigen, Nationalrat, Ständerat, Journalist, Herausgeber von Zeitungen und vieles mehr, hatte zweimal im Leben ein Vermögen verloren: Das erste Mal unfreiwillig, aber gerechterweise. Das zweite Mal hatte der kinderlose Unternehmer den grössten Teil seines Wirtschaftsimperiums nach beinahe sozialdemokratischem Muster in eine Genossenschaft umgewandelt und die Anteile an einige Hunderttausend Kundinnen und Kunden verschenkt.

Nicht zuletzt dank dieser Tat lebt Gottlieb Duttweiler auch 45 Jahre nach seinem Tod in vielen Schweizer Köpfen sowie in der Migros-Reklame weiter. Kein Versuch, ihn zu porträtieren, hat es bisher vermocht, seinen Mythos zu knacken. Gelegentliche Vergleiche des Volkstribuns Duttweiler mit scheinbar ähnlich populären Unternehmerpersönlichkeiten – zum Beispiel mit Denner-Gründer Karl Schweri oder gar mit Christoph Blocher – scheiterten kläglich an der originellen Grosszügigkeit des einen und der profanen Besitzgier der anderen. Ein Film von Martin Witz, der diese Woche in die Kinos kommt, verzichtet zum Glück auf alle Vergleiche. Leider unterlässt der Film auch jede Bemühung, das Phänomen Duttweiler historisch einzuordnen.

Vom Schieber zum Volkstribun

1906 hatte Gottlieb Duttweiler, der Sohn eines Verwalters des Lebensmittelvereins Zürich, eine kaufmännische Lehre bei der Firma Pfister & Sigg angetreten. 1914 war er Teilhaber dieses Unternehmens geworden, das international mit Lebensmitteln handelte. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs und die damit verbundenen Lebensmittelkrisen machten den jungen Kaufmann in kürzester Zeit steinreich. Er lebte von der Not in Europa, eröffnete Fabriken und Handelsgeschäfte in der halben Welt, und während auch im Zürcher Industriequartier die Leute zu hungern anfingen, baute Duttweiler eine grosse Villa in Rüschlikon, für deren Ausstattung er waggonweise Kunst aus Italien importierte. Nach dem Krieg sanken die Lebensmittelpreise. Die ausländischen Währungen brachen zusammen. Bald musste Duttweiler sein Geschäft liquidieren. Er verlor nicht ganz alles, wie später behauptet worden ist, aber doch ziemlich viel, und darunter die Villa in Rüschlikon, die er nach einem rauschenden Fest verliess. Mit seiner Frau wanderte der 34-Jährige nach Brasilien aus, um dort eine Kaffeeplantage zu betreiben.

1924 sehen wir Duttweiler wieder in Zürich. Er bewirbt sich als Disponent beim Verband Schweizer Konsumvereine, der späteren Coop, wird abgelehnt und gründet 1925 die Migros: ein Detailhandelsgeschäft, das am Anfang ganz ohne teure Ladenlokale auskommt. Die Produkte werden direkt vom Lastwagen herunter an die Hausfrauen verkauft. Die Lastwagen fahren nach einem festen Fahrplan bestimmte Haltestellen an. Sie lassen sich innert Minuten in Verkaufsstände verwandeln. Um die Effizienz zu steigern und Kosten zu sparen, gibt es im Angebot zunächst nur wenige Massenprodukte, diese zu konkurrenzlos günstigen Demi-Engrospreisen (Migros!) in geraden Summen, die kein langes Suchen nach Wechselgeld erfordern.

Wie schon Duttweilers Kriegsfirma wird auch die Migros ein märchenhafter Erfolg. Das Unternehmen startet im August 1925 mit fünf Lastwagen und sechs oder acht Produkten, im Dezember verkauft es mit neun Lastwagen an fast dreihundert Haltestellen fünfzehn Produkte. Duttweiler macht sich damit nicht nur Freunde. Es gibt Protest- und Boykottaktionen sowohl des örtlichen Gewerbes als auch der linken Konsumvereine und der landwirtschaftlichen Genossenschaften, die als Selbsthilfeorganisationen mit grösserem Sortiment von der Migros ausgestochen werden. Renommierte Markenfirmen weigern sich, die billige Migros zu beliefern. Doch aus jeder Aktion und jeder Fehde, die gegen Gottlieb Duttweiler lanciert wird, geht dieser propagandistisch als Sieger hervor: als einer, der für günstige Lebensmittel kämpft. Als hartnäckiger Freund der rechnenden Hausfrau. Als eine Art «Robin Hood bei der Beschaffung des alltäglichen Bedarfs», wie der Historiker Hans Ulrich Jost geschrieben hat. Bereits 1926 eröffnet Duttweiler einen ersten stationären Laden in Zürich. 1927 expandiert er in den Kanton Aargau, 1928 nach Herisau und Schaffhausen, 1931 nach St. Gallen, Basel und Bern, 1932 auch in die deutsche Reichshauptstadt Berlin, wo bald 85 Migroslastwagen verkehren.

Um den Lieferboykotten der Markenfirmen auszuweichen, hat die Migros begonnen, selbst zu produzieren. 1928 kauft sie eine Mosterei am Zürichsee, propagiert Süssmost und steigert in der Folge den schweizerischen Süssmostverbrauch angeblich auf das Fünfzigfache. Statt Kaffee Hag verkauft sie mit grossem Erfolg Kaffee Zaun, statt Ovomaltine Eimalzin, statt Henkel-Waschpulver ein Produkt namens «Ohne Hänkel» oder kurz Ohä. Als Duttweiler 1931 wegen unlauteren Wettbewerbs mit 100 Franken gebüsst wird, fordert er öffentlich 1000 Hausfrauen auf, ihm symbolische 10 Rappen zu überweisen – und bekommt sofort 500 Franken zusammen.

1933 verbietet ihm die Bundesversammlung per Sondergesetz, neue Filialen zu eröffnen. Bald darauf geht er in die Politik.

Zerschlagt die Parteien

Niemand weiss, was aus Gottlieb Duttweiler noch geworden wäre, hätten ihn die Nazis nicht systematisch schikaniert und schliesslich zur Liquidation der Berliner Migros-Gesellschaft gezwungen. Trotzdem stand er bei der traditionellen Schweizer Linken lange Zeit selber unter Naziverdacht: War sein 1936 gegründeter Landesring der Unabhängigen nicht auch eine rechtsnationale «Erneuerungsbewegung» wie jene der Frontisten? Wollte er nicht wie die Nazis die «Parteienherrschaft zerschlagen», die Politiker der «Systemparteien» zum Teufel jagen, die Verhältnisse deregulieren und den Klassenkampf zwischen links und rechts mit ganz neuen, womöglich faschistischen Rezepten überwinden?

Duttweilers Ideologie hiess später «Das soziale Kapital». Sie sollte «den Menschen statt den Franken» in den Mittelpunkt stellen und die «Dynamik des Gewinnstrebens» im Kapitalismus durch die «Lust am Schöpferischen» ersetzen. In den dreissiger Jahren trat der Landesring aber zunächst einmal mit der Unterstützung einer Initiative zum Verbot der Freimaurer hervor, die von den Frontisten eingereicht worden war. 1937, anlässlich einer Parteiversammlung, sprach Duttweiler Sätze wie diese: «Das arbeitslose Einkommen kann man am besten und einfachsten dadurch bekämpfen, dass man die Bezüger der arbeitslosen Einkommen nicht mehr grüsst. Das erträgt auf die Dauer keiner.» 1940, als Frankreich gefallen war, konnte man in Duttweilers Tageszeitung «Die Tat» durchaus anpasserische Sätze lesen («der deutsche Mensch ist unsere Hoffnung»). Als jedoch Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz im gleichen Jahr eine Abordnung von Schweizer Nationalsozialisten empfing, war es ebenfalls Duttweiler, der sich darüber öffentlich erregte und den Skandal mit einer Indiskretion zum Kochen brachte, sodass ihn das Parlament schliesslich aus der nationalrätlichen Vollmachtenkommission entfernte. 1941 dann legitimierte seine «Tat» den Überfall Hitlers auf die Sowjetunion als ein «Riesenringen», das auch die Schweiz vor der bolschewistischen Gefahr bewahre, und trat für wirtschaftliche Integration ins «Neue Europa» ein. 1943 wiederum, als der Krieg fast entschieden war, kam es im Landesring zu einem grossen Krach, weil Duttweiler vorgeworfen wurde, er habe heimlich Schweizer Kommunisten mit Geld unterstützt.

Im Film «Dutti der Riese» wird uns Gottlieb Duttweiler recht einseitig als ein Mann des nationalen Schweizer Widerstands präsentiert, der unablässig vaterländische Reden gegen die Nazis hielt. Tatsächlich hatte er sich 1940 im rechtsbürgerlichen «Gotthardbund» engagiert, der zwar die «Geistige Landesverteidigung» pflegte, dabei aber Freimaurer und Juden von der Mitgliedschaft ausschloss und für eine autoritäre Staatsform mit korporativer, ständischer Wirtschaftsordnung eintrat.

«Alles liegt in Watte»

1935 kandidierte Duttweiler erstmals für den Nationalrat. Er kandidierte in drei Kantonen und wurde überall gewählt. Nach der Affäre um Pilet-Golaz 1940 trat er protesteshalber zurück, um 1943 wieder gewählt zu werden. 1949 zog er als Zürcher Vertreter in den Ständerat ein, 1951 kehrte er in den Nationalrat zurück, dem er bis zum Tod angehörte. Mitten im Krieg, 1941, hatte er die Migros AG in eine Genossenschaft überführt und sie damit formell und reklamekräftig verschenkt. Faktisch blieb die Macht wegen der Streuung des Genossenschaftskapitals allerdings in den Händen des Managements, zunächst also bei Duttweiler selbst. Seit den dreissiger Jahren verkaufte die Migros unter dem Titel «Hotelplan» auch Reisen. 1944 begann sie, Sprachkurse anzubieten, aus denen die Migros-Klubschule entstand. 1948 eröffnete sie an der Zürcher Seidengasse den ersten Selbstbedienungsladen nach amerikanischem Vorbild. 1950 wurden Bücher und Schallplatten ins Sortiment aufgenommen (Buchklub Ex Libris), nachdem sich Duttweiler schon während des Kriegs in der heimischen Filmproduktion engagiert hatte («Präsens Film»). 1954 gab es erste Migrol-Tankstellen, dazu kamen eine Bank, eine Versicherungsgesellschaft und viele andere Aktivitäten. 1957 verpflichteten sich die Migros-Genossenschaften, künftig ein Prozent des Umsatzes für Kultur auszugeben. 1962, im Todesjahr des Gründers, überschritt der Umsatz die Milliardengrenze.

Duttweiler selbst scheint im Alter manchmal etwas aus dem Tritt geraten zu sein. Er schimpft über die «Wohlstandsverblödung» in der Zeit der Hochkonjunktur, über die Indifferenz der plötzlich satt gewordenen Schweiz im Konkordanzsystem, wo «alles in Watte» verpackt sei. Für eines seiner wichtigsten Anliegen aus vergangener Zeit, die Landesversorgung, die inzwischen kein zentrales Problem mehr ist, schmeisst er 1948 demonstrativ und werbewirksam eine Scheibe im Bundeshaus ein – von innen! Für ein aus der Sicht anderer Politiker eher marginales Problem, die staatliche Abfindung kriegsgeschädigter Auslandschweizer, will er sich 1955 im Eingangsbereich des Internationalen Roten Kreuzes in Genf öffentlich zu Tode hungern. Nach drei Tagen bricht er den Hungerstreik ab.

Martin Witz gelingt es, gerade diesen späten, etwas manisch-depressiv anmutenden Vorfall in Duttweilers Leben besonders gut darzustellen. Er konnte dafür – und für den ganzen Film – auf ein bisher kaum bekanntes Tagebuch seines Protagonisten zurückgreifen, das dieser gelegentlich auf Tonband gesprochen hatte und das nun mit Originalstimme als Hauptkommentar eingesetzt wird. So ist es letztlich der im Volk liebevoll «Dutti» genannte, zugleich charmante und diktatorische Migros-Gründer selbst, der uns in diesem Film sein reiches Leben erzählt. Dass dabei die historische Aufklärung immer wieder vom Duttweiler-Mythos überlagert wird, ist leicht zu verstehen. Dass im ganzen Film kein einziges Mal zum Beispiel von der wirtschaftlichen Situation der Migros-Angestellten die Rede ist, sondern immer nur von der Situation der Migros-Chefs, passt nicht zum 20. Jahrhundert der Klassenkämpfe. In einer weitaus kritischeren Auseinandersetzung würde Dutti der «Riese», ein Mann der Widersprüche, wahrscheinlich noch interessanter.

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