Nr. 15/2006 vom 13.04.2006

Ein Teil der globalisierten Landkarte

Pakistan empfing das asiatische Sozialforum freundlich und interessiert. Denn es war harmlos.

Von Tariq Ali

Als das asiatische Weltsozialforum Ende März 2006 in Karatschi mit virtuosen Vorführungen von Sufimusikern eröffnet wurde, feierten die Herrscher des Landes das Hundert-Jahr-Jubiläum der Muslim-Liga. Diese Partei hatte Pakistan erschaffen, und sie ging seither von einer Gruppe von Schurken an die nächste, bis sie schliesslich General Pervez Muscharraf übergeben wurde, dem heutigen uniformierten Machthaber.
Die säkularen OppositionsführerInnen, Nawas Scharif und Benasir Bhutto, leben im Exil. Bei einer Rückkehr droht ihnen Gefängnis wegen Korruption. Sie sind beide nicht gewillt, MärtyrerInnen zu werden – oder die Kontrolle über ihre Organisationen abzutreten. Die religiösen Parteien hingegen setzen in der North-West-Frontier-Provinz, die sie kontrollieren, ihre neoliberale Politik um. Unfähig, für die Bedürfnisse der Armen zu sorgen, konzentrieren sie sich auf Angriffe gegen Frauen und die gottlosen Liberalen, die diese verteidigen.
Das Militär ist sich seiner Herrschaft so sicher, und die offiziellen PolitikerInnen sind so unnütz, dass die zivile Gesellschaft boomt. Private Fernsehsender und nichtstaatliche Organisationen entstanden zuhauf, und die meisten Meinungen sind zulässig – solange sie Militär oder Religion nicht frontal angreifen. Es überrascht deshalb nicht, dass das Sozialforum bewilligt und von der Lokalverwaltung in Karatschi gefördert wurde. Das Weltsozialforum gehört heute zur globalisierten Landkarte und hilft rückschrittlichen Herrschern, sich modern zu fühlen. Das Forum selber unterschied sich nicht von anderen. Mehrere tausend Delegierte waren angereist, vor allem aus Pakistan selber, aber auch ein paar aus Indien, Bangladesch, Sri Lanka, Südkorea und einigen anderen Ländern.
Doch aus Chinas spriessender ArbeiterInnen- und BäuerInnenbewegung und der kritischen Intelligenzija war nicht einE einzigeR VertreterIn gekommen. Iran war nicht repräsentiert, genauso wenig Malaysia. Israels jordanische Vollstrecker schikanierten eine palästinensische Delegation, sodass es nur eine Hand voll PalästinenserInnen durch die Checkpoints schafften. Und das grosse Erdbeben in Pakistan im letzten Jahr durchkreuzte viele Pläne. Sonst, so versichern die OrganisatorInnen, wären auch die Stimmen von Abu Ghraib, Guantánamo und Falludscha zu hören gewesen.
Dass das Forum in Pakistan stattfand, ist positiv. Die Menschen hier sind noch nicht gewohnt, so viele unterschiedliche Stimmen und Ansichten zu hören. Das Forum gab vielen unterdrückten sozialen Gruppen und Minderheitsreligionen die Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen: Verfolgte ChristInnen aus dem Punjab, Hindus aus Sind und Frauen aus dem ganzen Land erzählten herzergreifende Geschichten von Diskriminierung und Unterdrückung.
Gegenwärtig war auch ein beträchtliches klassenkämpferisches Element. BäuerInnen, die gegen die Privatisierung von militärischem Grundbesitz in Okara (Punjab) kämpfen; Fischerfamilien, deren Lebensgrundlage bedroht ist, weil der Indus umgeleitet wird; Arbeiter aus Belutschistan, die die Brutalität des Militärs anprangerten. LehrerInnen berichteten, dass das pakistanische Bildungssystem praktisch zugrunde gegangen ist. Die Menschen sprachen wortgewandt, analytisch und wütend, in scharfem Kontrast zur schalen Rhetorik der pakistanischen politischen Klasse. Vieles wurde in Radio und Fernsehen übertragen.
Was wird bleiben vom Weltsozialforum? Wenig, einmal abgesehen vom Goodwill. Die Elite dominiert weiterhin die Politik im Lande. Kleine radikale Gruppen tun ihr Bestes, aber es gibt keine landesweite Organisation oder Bewegung, die die Besitzlosen vertritt. Die soziale Lage ist hart. Die armen Familien schicken ihre Söhne in die Koranschulen, die Medressen, wo sie ernährt, gekleidet und religiös erzogen werden. Neoliberalismus und religiöser Fundamentalismus sind Bettgenossen.
Die nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) sind kein Ersatz für soziale und politische Bewegungen. Vielerorts in Afrika oder auch in Palästina haben die NGOs den neoliberalen Status quo geschluckt. Sie agieren wie karitative Einrichtungen und versuchen, die schlimmsten Exzesse zu lindern. Doch dass fünf Milliarden Menschen in unserer Welt in Armut leben, stellen sie kaum zur Debatte. Es mag in Pakistan wirkliche NGOs geben, doch in globalem Massstab sind die NGOs WGOs: westliche staatliche Organisationen. Ihr Programm wird vom Geldfluss bestimmt. Der frühere US-Aussenminister Colin Powell sprach von den NGOs einmal als «unserer fünften Kolonne».
Einige NGOs leisten gute Arbeit, doch insgesamt wirkt die NGO-isierung atomisierend in der dünnen Schicht von Progressiven und Liberalen. Die meisten dieser Männer und Frauen kämpfen dafür, dass ihre eigene NGO Geld erhält. Kleine Rivalitäten nehmen übertriebene Ausmasse an, und Politik im Sinn von Graswurzelorganisierung wird praktisch inexistent. Die Löhne heben die meisten WGO-FunktionärInnen auf den Status der lokalen Elite und schaffen dadurch die materielle Basis, dass die Grenzen des herrschenden Systems akzeptiert werden.
Das lateinamerikanische Modell, das aus den Siegen von Hugo Chávez in Venezuela und Evo Morales in Bolivien hervorgeht, ist weiter vorangeschritten als die Welt der WGOs. Doch das ist weit weg von Bombay oder Karatschi, von Jerusalem oder Daressalam.

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