Nr. 04/2009 vom 22.01.2009

Treffen in der Amazonien-Metropole

Die einen erhoffen sich vom internationalen Treffen konkrete Antworten auf die Krise des Neoliberalismus. Andere wollen sich vor allem besser vernetzen.

Von Pepo Hofstetter

Pepo Hofstetter

«Belém entra no clima do Forum», titelt der «Diário do Pará» heute, am Tag vor der Eröffnung des Weltsozialforums, auf seiner Frontseite. Anders als vor zwei Jahren in Nairobi oder vor fünf in Bombay ist das Forum in der Öffentlichkeit stark präsent: in Zeitungen, die Extrabeilagen veröffentlichen, in Gesprächen, auf der Strasse und auf Plakatwänden. Die Gesundheitsbehörden nutzen den Anlass gar, um zu einer Blutspendekampagne aufzurufen: «Das Weltsozialforum sagt Ja zum Leben: Spende Blut!»

Anlauf zum konkreten Aufbau?

Die Erwartungen an den Anlass, der morgen mit einer Grossdemonstration in der Innenstadt der Amazonien-Metropole beginnt, sind gross, vermutlich zu gross. Seit 2001, als es erstmals in Porto Alegre tagte, kritisiert das Forum die neoliberale Politik. Jetzt, wo diese Schiffbruch erlitten hat, erwartet man konkrete Alternativen und Antworten. Die Latte liegt hoch: «Dieses Forum wird zeigen, ob es immer noch in der Phase des Widerstands ist, der Fragmentierung der Themen und der Beschränkung auf die sogenannte Zivilgesellschaft», kommentiert der Soziologe Emir Sader in der Tageszeitung «Publico». Oder: «ob es den aktuellen regionalen, nationalen und globalen Herausforderungen gewachsen ist und konkret mit dem Aufbau der 'anderen Welt’ beginnt.»

Hört man sich bei Leuten aus brasilianischen Sozialbewegungen herum, sind deren Erwartungen bescheidener, wahrscheinlich auch realistischer. Sie möchten die Anwesenheit zehntausender Menschen und die internationale Medienpräsenz als Plattform nutzen und sich weiter vernetzen. Miguelita ist Führungsmitglied des Zentralverbands der indigenen Völker Brasiliens und Angehörige des Tucano-Volks, das an der Grenze zu Kolumbien lebt. Heute Nachmittag sagte sie an einer Diskussion mit uns SchweizerInnen, sie wolle am Forum auf die Probleme aufmerksam zu machen, die sich aus der verschärften Ausbeutung der natürlichen Ressourcen in ihrem Lebensraum ergäben und sich mit anderen VertreterInnen indigener Völker vernetzen. Und sie wolle zeigen, «dass Indigene nicht einfach Leute sind, die mit Pfeil und Bogen herumspringen, sondern konkrete Vorstellungen haben, wie der Amazonas-Regenwald und damit das Weltklima geschützt werden kann».

Per Flussschiff ans Treffen

Der zweite Forumstag wird sich als Pan-Amazonien-Tag ausschliesslich mit diesem riesigen Lebensraum befassen: Es geht um die Abholzung der Wälder und den Anbau von Monokulturen wie Soja oder Zuckerrohr, den Bau von Staudämmen und um die Gewalt gegen die UreinwohnerInnen, ihre Rechtlosigkeit und Marginalisierung. Zur Sprache soll aber auch die Souveränität und und kulturelle Identität der indigenen Bevölkerung kommen. Man erwartet eine starke Präsenz von Delegierten auch aus Venezuela, Peru, Kolumbien und Bolivien. Viele reisen per Flussschiff an.

Landlose und Agrartreibstoff

Es dürfte auch an diesem Jahr nicht einfach sein, einen Bogen zu schlagen zwischen den «Mega-Themen» wie Finanzkrise und den aktuellen Sorgen der Menschen vor Ort. Ein Besuch in Rio Bonito, einer kleinen Landarbeitersiedlung 500 Kilometer südlich von Belém, hat uns zudem gezeigt, dass vermeintlich einfache Sachen oft etwas komplexer sind. Rio Bonito, aus einer Landbesetzungsaktion entstanden, setzt auf eine ökologisch vielseitige Landwirtschaft. Einige KleinbäuerInnen pflanzen nebst Nahrungsmitteln auch Zuckerrohr an und verkaufen es zu einem festen Preis an die Firma Pagrisa. Das bringt ihnen ein angenehmes Zusatzeinkommen. Pagrisa, eine Familienfirma mittlerer Grösse, produziert Ethanol (2008: dreissig Millionen Liter) und Kristallzucker (fünf Millionen Kilogramm). Sie ist mit der Dorfvereinigung eine Partnerschaft eingegangen, finanziert den Gesundheitsposten und achtet laut dem jungen Direktor Fernao darauf, dass die Bauern auch andere Produkte anpflanzen, um ihre Ernährung zu sichern. Die Firma respektiere auch peinlich genau das Gesetz, wonach in Amazonien nur zwanzig Prozent des Bodens landwirtschaftlich genutzt werden darf und der Rest Wald sein muss. Wir können es ihm glauben oder auch nicht. Aber es macht verständlicher, warum etwa die brasilianische Landlosenbewegung MST über die Frage der Agrartreibstoffe sehr gespalten ist.

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