27.03.2013

Zwischen Flatscreens und alten Traditionen

Von Rahel Fischer, Mitglied des Vorstands der Schweizer Sektion von Amnesty International

Rahel Fischer

«Beginn du mal … ich ergänze dich dann», sagt die Leiterin einer nichtstaatlichen Wahlbeobachtungsorganisation lachend zu ihrem Kollegen. Mittlerweile verstehen auch wir von der Schweizer Delegation diesen Treppenwitz der tunesischen Revolution und lachen mit. Die energische Frau mit dem blond gefärbten Lockenkopf spielt auf eine über die letzten Monate heftig geführte Debatte in der verfassungsgebenden Versammlung an. Dort hatten die Islamisten den Vorschlag eingebracht, dass der Status der Frau in der Verfassung statt als «égalitaire» (gleichberechtigt) als «complementaire» (ergänzend) festzuschreiben sei.

Die tunesischen Frauen- und Menschenrechtsorganisationen haben mit heftigem Protest auf dieses Vorhaben reagiert. Ihrem Widerstand ist es zu verdanken, dass die verfassungsmässige «complementarité» der Frauen vorerst vom Tisch ist. Doch ist allen klar: Die Stellung der Frau in der tunesischen Gesellschaft ist eine der zentralen Konfliktlinien im Streit um das neue – das nachrevolutionäre – Gesellschaftssystem.

Nach dem Besuch bei der Assemblée constituante sind meine Kollegin und ich abends noch zu einer Hochzeit eingeladen. Dort erleben wir die Vielfältigkeit, aber auch die Zerrissenheit der Gesellschaft von «Grand Tunis» noch einmal in ganz anderer Form. Ein Teil der rund 250 Gäste erscheint in traditionellen Gewändern, manche haben sich in durchaus gewagte – halbtransparente – Roben geworfen, während andere in Sneakers und Kapuzenjacke ihre Nonchalance betonen. Die Braut sitzt etwas erhöht auf einer Art Thron und wartet auf ihren Zukünftigen, der kurz darauf mit seinem ganzen Familienclan im Schlepptau und mit Geschenken für die Schwiegereltern beladen den Saal betritt.

Nach Ansprachen der beiden Väter unterschreiben Braut und Bräutigam – gefilmt von einer Kamera und für das Publikum live auf grosse Faltscreens übertragen – den Ehevertrag. Mit Fruchtsaft und Baklava stossen wir anschliessend auf das junge Paar an. «Die heiraten nur so jung, weil er einen deutschen Pass hat und sie gemeinsam ausreisen wollen», flüstert mir ein Bekannter der Braut zu. Die Emigration ist ein Traum vieler junger Tunesier und Tunesierinnen.

Zwischen Flatscreens und althergebrachten Traditionen, zwischen Familienloyalität und individuellen Lebensentwürfen, zwischen Islamisten und Säkularen, zwischen Afrika und Europa, zwischen Hoffnung und Besorgnis erleben wir in diesen Tagen ein mit sich ringendes, manchmal tief gespaltenes, aber auch extrem lebendiges, farbiges und energiegeladenes Land. Stoff für Diskussionen und Auseinandersetzungen gibt es hier wahrlich genug: Das Weltsozialforum 2013 in Tunis kann beginnen.

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