Nr. 05/2011 vom 03.02.2011

Über Migration und fehlende Perspektiven

Von Claude Bauer, Student, 6. Februar 2011

Claude Bauer

«Il manque de la guerre.» – Es fehlt ein Krieg. So lautet die fatale Schlussfolgerung meiner ersten prägenden Diskussion hier in Dakar.

Neben meinem Ethnologiestudium arbeite ich bei der Asylorganisation Zürich. Angestellt bin ich in der gänzlich unzureichend benannten Funktion «Nachtwache» in einem Asyldurchgangszentrum. Diese Arbeit ermöglicht mir Zugang zu den schönsten und hässlichsten Geschichten, die das Leben von Migranten schreibt. In dieser Beschäftigungssynthese gründet mein besonderes Interesse am Thema Migration.

Da es auch den Senegalesen nicht entgangen ist, dass sich die Schweiz besonders im Bankenwesen profiliert, dreht sich ein spontanes Strassengespräch am Anfang meist um die Finanzwelt. Um dem darauf stets folgenden Verkaufsangebot von diversen Waren und Dienstleistungen auszuweichen, erzähle ich von meiner Arbeit – und dieser Themenwechsel gelingt immer. Eigentlich hatten alle bisherigen Gesprächspartner, zumindest in Dakar, einen Freund oder Verwandten, der nach Europa migrierte. Die jeweils folgenden, an mich gerichteten Fragen zeugen von der Omnipräsenz der Thematik Migration hier und den damit verbundenen Hoffnungen.

Die unerschlossenen und oft fehlenden Perspektiven der Senegalesen respektive potenziellen Migranten in meinem Alter berühren mich speziell. So sehe ich meine Teilnahme am Weltsozialforum nicht als Gewissensberuhigung, Reparation oder den Akt eines «Gutmenschen». Für mich ist sie Pflicht. Hier rette ich zwar nicht die Welt. Aber es ist schlicht die Reflexion über mein bisheriges und die Suche nach meinem zukünftigen Engagement für Chancengleichheit. Was für mich früher in unzähligen Pfadilagern spielerische Freizeitaktivität war, ist hier für viele schlichter Überlebenskampf. Dieser banale Vergleich genügt mir, mich verpflichtet zu fühlen.

Mein erster Gesprächspartner schien gut informiert zu sein. Die Situation in Senegal liefert kaum gültigen Asylgründe für die Schweiz. So war denn seine markante Schlussfolgerung, dass ein Krieg fehle, letztendlich von Frustration begleitet. Die meisten anderen Gesprächspartner waren jedoch schlecht informiert. Auf meine offensichtlich unerwarteten Ausführungen bezüglich der Situation von Asylsuchenden in der Schweiz folgten Fragen nach dem Warum. Doch alle mir bekannten Antworten sind unbrauchbar, denn sie basieren auf einem Wertesystem, das die Chancenungleichheit mitverschuldet. Eine solche Antwort zu geben, wäre arrogant. Ich lasse die Frage lieber im Raum stehen.

Ohne es auszusprechen, glaube ich, viele der Schuldigen zu kennen. Vor meinem geistigen Auge greife ich vorschnell zur Waffe. Die friedensbedingende Geduld und das unermüdliche Engagement der einzelnen Akteure, welche ich bisher hier kennen lernen durfte, imponieren mir dann auch am allermeisten.

Dieses Engagement ist die unausgesprochene Antwort, nach der ich suche. Bis sie sich erübrigt, werde ich noch einige Gespräche führen. Neuerdings mit noch mehr Zuversicht. Meine Reise hat sich bereits gelohnt.

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