Nr. 05/2011 vom 03.02.2011

Banlieues unter Wasser

Barbara Zahrli, Mitarbeiterin von Movendo, dem Bildungsinstitut des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, 8. Februar 2011

Barbara Zahrli

Gestern begann das Sozialforum. Während fünf Tagen werden 60′000 Menschen aus über 100 Ländern in 700 selbst organisierten Seminaren gemeinsam und konkret daran arbeiten, eine bessere Welt zu schaffen.

Morgens um halb neun auf dem Campus der Universität: Wir treffen auf viele herumirrende Gruppen, haben erste Kontakte mit Gleichgesinnten aus anderen Ländern und stellen bald fest: Die Organisation des Forums beginnt erst jetzt! Kein Programm, keine Räume, keine Information - kein Sozialforum?

Zuerst stehen wir herum. Die Kollegen der Gewerkschaft Unia rollen schliesslich ihre roten Fahnen aus und beginnen, das geplante Seminar über die Rechte der MigrantInnen, statt im erhofften Saal, auf der Treppe der Universitätsbibliothek abzuhalten. Bald gesellen sich immer mehr Leute dazu, am Schluss sind es 35.

Ich lande in irgendeinem Raum und bin mitten in einer Diskussion über die Fortschritte der Bildung in Afrika seit dessen Unabhängigkeit vor fünfzig Jahren. Und es ist spannend! Zwei Stunden später hat sich draussen viel verändert: Unter Zelten und Bäumen sitzen Gruppen von Menschen in Diskussionen vertieft. Ein schönes Bild: Hier wird gelernt!

Eine SMS bestellt mich zur Place du Souvenir: Hier werden gleich der ehemalige brasilianische Präsident Lula da Silva und sein noch immer amtierendes senegalesisches Pendant Abdoulaye Wade gemeinsam auftreten. Ich finde einen Platz in dem mit etwa 400 Leuten gefüllten Raum. Die Stimmung ist wie an einem Fussballmatch: Man singt und beklatscht jeden guten Satz von Lula. Und das sind ja eigentlich fast alle, finden wir! 
Auch Wade hat ein bisschen Applaus bekommen, auch wenn er vor allem wirtschaftsliberale Positionen verteidigt. Doch es gebührt ihm Respekt, dass er gekommen ist.

Am Nachmittag bin ich zurück im Herzen des Forums auf dem Uni-Campus. Es herrscht nun ein reges Treiben, wie auf einem afrikanischen Markt: ein ungeheurer farbenfrohes Gewusel. Und, juhuu, das Programm ist jetzt gedruckt! Wenn auch nur das von heute. Wenn man etwas Bestimmtes sucht, ist man gänzlich verloren, denn auch die freiwilligen HelferInnen wissen fast nichts – oder dann alle etwas anderes.

So frage ich einen Senegalesen, der ebenfalls herumirrt, was er hier tue. Moussa ist 35, kommt aus der Banlieue von Dakar und hat eine Vision: eine Welt der Freundschaft, der Hoffnung und der Solidarität, in der alle gut leben können. Er arbeitet als Lehrer und gibt seinen ganzen Lohn in die Stiftung, die er selber gegründet hat: zugunsten der Benachteiligten. Dass das Weltsozialforum in Dakar ist, begrüsst er sehr.


Er erzählt mir von den Banlieues Dakars: Die Gebiete sind seit der Regenzeit überschwemmt, in den Baracken steht das Wasser, die Leute müssen ihre spärlichen Möbel auf Ziegelsteine stellen. Die Leute, die da leben, schlagen sich von Tag zu Tag durch. Hundert aus seinen Quartier, Männer, Frauen und Kinder, sind gestern mit einem Bus in die Stadt gekommen, um an der Eröffnungsdemonstration des Sozialforums teilzunehmen. Um den Bus bezahlen zu können, haben sie einen Tag aufs Essen verzichtet. Einer von ihnen, erzählt Moussa, ist während des Marsches zusammengebrochen und musste ins Spital gebracht werden.

Der Marsch war für Moussa und seine Leute eine Erleuchtung: «Zu spüren, dass wir nicht allein sind, das ist einfach das Grösste, es macht uns so stolz! Und es gibt uns Mut und Kraft für unsere Arbeit und unseren Kampf gegen die Armut. Es tut gut zu sehen, dass es so viele gibt, die solidarisch sind. Denn: Einem Benachteiligten ein Lächeln zu schenken heisst, ihm Hoffnung und Kraft zu geben.»

Moussa glaubt daran, dass die Menschlichkeit siegen wird. Und so findet das Sozialforum an diesem ersten Tag doch statt, nur etwas anders halt.

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