Nr. 05/2011 vom 03.02.2011

Une leçon de solidarité

Von Mauro Moretto, Sekretär der Gewerkschaft Unia, 5. Februar 2011

Mauro Moretto

Die Spannung steigt: Morgen beginnt das Weltsozialforum in Dakar. Ich bin gespannt auf die Ideen, Vorschläge, Projekte und Erfahrungen unserer Mitstreiterinnen und Mitstreiter für eine bessere Welt. Einen eindrücklichen Vorgeschmack erhielt ich in den letzten Tagen, als ich mit der Schweizer Delegation die Menschen das Quartiers Keury Kao am Stadtrand von Thiès – der zweitgrössten Stadt Senegals – besuchen durfte.

Die Menschen in diesem Quartier leben vor allem vom Gartenbau und Kleinhandel. In der Vergangenheit waren viele von ihnen ständig verschuldet, oft hatten sie ab Mitte des Monats kein Geld und keine Nahrungsmittel mehr und mussten sich bei den Kreditwucherern weiter verschulden, um das Nötigste zum Überleben zu kaufen.

Was hat sich in den letzten Jahren hier geändert? Unterstützt und begleitet durch ein Projekt von Fastenopfer haben sie ihre Lebenssituation und -gewohnheiten analysiert und Strategien entwickelt, um der Schuldenspirale und so den Wucherern zu entrinnen sowie sich das ganze Jahr mit Nahrungsmitteln versorgen zu können.

In den letzten zwei Jahren sind im Quartier mehrere Selbsthilfeorganisationen entstanden. Jede hat eine Koordinatorin und eine Struktur, in der Frauen und Männer Funktionen mit klaren Zuständigkeiten übernehmen. Ein wichtiges Element bildet die Solidaritätskasse. Die Mitglieder, die uns im Hof des Hauses der Präsidentin empfangen, bilden einen Kreis und führen uns vor, wie diese Kasse funktioniert. In der Mitte des Kreises liegt eine Kalebasse, zugedeckt mit einem weissen Tuch. Jedes Mitglied legt nach seinen finanziellen Möglichkeiten und in voller Diskretion Geld hinein und speist so die gemeinsame Kasse. Dieses Geld dient in erster Linie dazu, gemeinsame Einkäufe für den eigenen Gebrauch und den Kleinhandel zu tätigen und Mitglieder in Schwierigkeiten zu unterstützen.

Ein anderer Ansatzpunkt sind die Lebensgewohnheiten. Die organisierten Frauen haben unter anderem festgestellt, dass sie früher unverhältnismässig viel Geld für Zeremonien wie Heirats- und Tauffeste oder für den Haushalt ausgegeben und sich dabei oft massiv verschuldet haben. Nun haben sie klare Regeln vereinbart, um dieser «Verschwendung», wie sie die früheren Gewohnheiten beschreiben, einen Riegel vorzuschieben. Wer sich nicht daran hält und zu viel Geld für eine Zeremonie ausgibt, muss eine Busse bezahlen.

Die Quartiermitglieder sind stolz auf die Ergebnisse der Massnahmen, die sie getroffen haben. Das Geld reicht inzwischen meistens bis zum Ende des Monats, und die Verschuldung ist drastisch zurückgegangen. Das führt auch dazu, dass wieder mehr Menschen im Quartier bleiben, die früher ihr Auskommen in Dakar oder noch weiter weg gesucht haben. Als weiteren Effekt stellen sie fest, dass die nachbarschaftlichen Beziehungen stärker geworden sind: Sie solidarisieren sich untereinander, nehmen gegenseitig am Leben der anderen teil und unterstützen sich. Die Quartierorganisationen wollen jetzt einen Schritt weitergehen: So möchten sie ein Gesundheitszentrum und selbstverwaltete Quartierläden einrichten, um sich zu erschwinglicheren Preisen mit den lebenswichtigen Gütern versorgen und in die Verarbeitung ihrer Produkte investieren zu können. Für all das fehlt aber noch das nötige Geld.

Die Dorfgemeinschaft verbessert so aus eigener Kraft die Lebenssituation ihrer Mitglieder. Sie haben längst aufgehört, etwas von der Regierung zu erwarten. Die Bevölkerung im ganzen Land hatte grosse Hoffnungen in die Regierung von Staatspräsident Abdoulaye Wade gesetzt, als dieser vor zehn Jahren unter dem Zeichen einer grossen Wende und Veränderung angetreten war. Die Enttäuschung und Ernüchterung ist überall gross, auch in der Dorfbevölkerung von Keury Kao. «Kaum war die neue Regierung angetreten, hat sie sämtliche Wahlversprechen vergessen», sind sich alle einig. Die Machthaber und ihre Klientel saugen die Bevölkerung Tag für Tag aus und wirtschaften in die eigenen Taschen.

Umso mehr haben die Erfahrungen der letzten Jahre das Vertrauen der Dorfgemeinschaft von Keury Kao in die eigene Kraft geweckt. Die Frauen und Männer von Keury Kao leben die Solidarität Tag für Tag und zeigen, welch solider Grundstein für eine bessere Welt sie ist.

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