Nr. 04/2009 vom 22.01.2009

„Um outro mundo é possivel“ – das Weltsozialforum 2009 ist eröffnet

Von Rahel Fischer

Rahel Fischer

Mit einem farbigen Umzug durch die Innenstadt von Belém wurde heute das Weltsozialforum 2009 eröffnet. Das Motto des Forums «Un outro mundo é possivel – Eine andere Welt ist möglich» durchzog wie ein Mantra die von strömendem Regen unterbrochene Eröffnungsfeier. An der anschliessenden Grossdemonstration präsentierte sich ein bunt gemischtes Publikum: Linke Splitergruppen, UmweltaktivistInnen, VertreterInnen von Nichtstaatlichen Organisationen (NGO), indigene Gruppierungen und feministische Organisationen waren genauso vertreten wie lokale Parteien und Interessenverbände. Dementsprechend breit war denn auch die Palette der Forderungen: «Wenn Wohnen ein Privileg ist, so ist Besetzen ein Recht» skandierten beispielsweise die AktivistInnen einer lokalen NGO, welche sich für die Verbesserung der Wohnsituation in den Favelas einsetzt. «Soy civil y lucho contra la guerra» (Ich bin Zivilistin und kämpfe gegen den Krieg) lautete die Botschaft auf den Fahnen einer kolumbianischen Frauengruppe.

Fünf Staatschefs kommen

Zwischen 100'000 und 120'000 BesucherInnen werden in Belem erwartet, rund die Hälfte davon aus Brasilien, etwa 10'000 Personen, so die Schätzungen, fliegen aus Europa ein. In den nächsten Tagen wollen hier VertreterInnen der Zivilgesellschaft, PolitikerInnen aus dem In- und Ausland sowie eine Reihe WirtschaftsexpertInnen alternative Antworten auf die Finanz- und Wirtschaftskrise diskutieren. Gestern Abend erst wurde das definitive Programm verteilt und wer seine Planung nicht schon vor der Anreise im Kopf hatte, sitzt nun ziemlich fassungslos vor dem hundertfünfzigseitigen Heft und versucht aus den über zweitausend Veranstaltungen das für die eigenen Schwerpunkte relevante herauszusuchen. Ein zentraler Event des Forums steht jedoch seit Tagen fest: mit Hugo Chavez aus Venezuela, Evo Morales aus Bolivien, Rafael Correa aus Ecuador, Fernando Lugo aus Paraguay und dem brasilianische Staatschef Lula da Silva haben sich fünf Präsidenten der südamerikanischen Linken angekündigt. Mit einem gemeinsamen Auftritt wollen sie sich am Donnerstag Abend an die BesucherInnen wenden und werden – mit Blick auf die aktuelle Wirtschaftslage – wohl kämpferische Töne anschlagen.

Konkrete Antworten gefragt

Dass die Zeit reif ist für neue Ideen, spürt man in Belem an jeder Strassenecke. Die Bewegung der Altermondialistes müsse in der aktuellen Situation aber davon abkommen, sich vor allem auf den Widerstand zu konzentrieren, meint Antonio Martin, einer der Mitbegründer des WSF und Herausgeber der online-Ausgabe der brasilianischen «Le Monde diplomatique». Statt Nein zu sagen, müsse man «die Jas» propagieren. Denn in der Krise wollen die Leute konkrete Antworten hören – «und zwar nicht ideologische, sondern sehr praktische». Martin schlägt vor, sich am «Konzept der Rechte» zu orientieren: Man müsse davon wegkommen, Armut mit Bedürftigkeit zu verwechseln. Es gehe bei der Bekämpfung der Armut nicht um einen Akt der Wohltätigkeit, sondern im Gegenteil darum, grundlegende Rechte wie das Recht auf Wasser, das Recht auf Nahrung, das Recht auf Bildung für alle Menschen zu garantieren.

Die Bewegung der Altermondialistes steht angesichts der Hunger-, Klima- und Finanzkrise vor der Herausforderung, die Energien der Zivilgesellschaft zu bündeln und neue, möglichst mehrheitsfähige Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Ob und wie ihr dies gelingt, werden die nächsten Tage zeigen.

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