Nr. 44/2006 vom 02.11.2006

EM und Zivilschutz

Von Pascal Claude

Im Sportbund der «SonntagsZeitung», der von der Sportredaktion des «Tages-Anzeigers» betreut wird und deshalb selten überrascht, war am Sonntag etwas Überraschendes zu lesen. In einem Kommentar zur aussergewöhnlichen dreizehnten Runde der Super League, in der die sechs Ersten der Liga aufeinandertrafen und der jeweils schlechter klassierte Klub gewann, in diesem Kommentar also war zu lesen, die Spannung in der Super League sei «perfekt für die EM 2008» (für unsere Leserinnen und Leser aus dem Ausland: Mit Super League ist einfach die höchste Schweizer Spielklasse gemeint).

Es ist nicht ganz klar, was die Schweizer Super League mit der Europameisterschaft zu tun hat. Oder inwiefern die hiesige Liga geeignet ist, für das in zwei Jahren stattfindende Turnier Feuer zu entfachen. Die Fans in den Kurven, die nicht ganz unwesentlich dazu beitragen, dass es gegenwärtig eine Freude ist, ins Stadion zu gehen, nehmen die EM vor allem als Argument wahr, mit dem ihnen die neusten Bevormundungsmassnahmen schmackhaft gemacht werden sollen. So wird ab 1. Januar 2007 zum heiteren Fanfichieren geblasen, gesetzlich verankert im neuen Hooligangesetz, das ohne Damoklesschwert Euro 08 kaum oder kaum so reibungslos zustande gekommen wäre. In Basel wird das Joggeli um 10000 Plätze erweitert, obwohl die bestehenden 30000 mittlerweile nur noch zu zwei Dritteln benötigt werden. Und im neuen Letzigrund wird man das mit den Stehplätzen vorerst bleiben lassen; was nach der EM ist, wird sich zeigen.

Der Kommentierende der «SonntagsZeitung» lässt in seinem kurzen Text Krassimir Balakov, Trainer des Grasshopper Clubs, zu Wort kommen, der die Sache präzisiert: «Was jetzt läuft, ist perfekt für die Stimmung im Land vor der EM.» Als hätte jemand mit einem Stabilo Boss den Raum zwischen den Zeilen neongelb gefärbt, lesen wir sofort die versteckte Botschaft: Die Stimmung im Land vor der EM ist noch nicht gut genug! Im Gegenteil, sie ist eigentlich sehr schlecht! Wir erwarten führende Fussballnationen (zurzeit haben unter anderem Serbien, Finnland, Schottland, die Türkei, Griechenland, Bulgarien, Dänemark, Kroatien, Mazedonien, Israel und Nordirland gute Karten), sind Koveranstalter des drittgrössten Sportanlasses der Welt, wissen aber nichts Gescheiteres, als über Sicherheitskosten Marketingrechte und die Quellensteuer zu diskutieren. Wieso diese Miesmacherei? Wo bleibt der alles ausblendende Vorfreudentaumel?

Es ist jetzt November. Das Jahr hat uns seine letzten schönen Tage geschenkt, seine letzten wärmenden Sonnenstrahlen und in den schönsten Farben leuchtende Bäume. Es ist eine schöne Zeit, um eine Woche in den Luftschutzkeller zu gehen, in den Zivilschutz WK 11 Zusatzkurs Betreu San. Es ist schön, sich gegenseitig die Zähne zu putzen, die Arme zu waschen und Erwachsenenwindeln überzustreifen. Und es ist sehr interessant, wenn der Instruktor beim Referieren über Streetparade, Züri-Fäscht und andere Zivilschutz-relevante Themen plötzlich bei der EM landet. Und sich ins Feuer redet. «Es ist ganz klar gesetzlich geregelt, dass der Zivilschutz für Anlässe, die ausschliesslich gewinnorientiert sind, nicht aufgeboten werden kann», zischt der Mann, «und die Uefa kommt hierher mit dem Ziel, mehr als eine Milliarde zu verdienen.» Wir stehen da mit frisch geputzten Zähnen und staunen. «Und die zehn Millionen, die man uns weismachen will als Kosten für die 15000 Soldaten, die während des Turniers im Einsatz stehen werden? Da lache ich! Allein die Erwerbsersatzordnung macht für diese Anzahl Männer und diese Einsatzzeit 90 Millionen aus. Es wundert mich gar nicht, dass da gewisse Leute langsam kalte Füsse kriegen, wenn es darum geht, die Verträge zu unterschreiben.» Und dann das Schlussfurioso zur Quellensteuer: «Die Schweiz ist nicht Deutschland, meine Herren! Es darf in diesem Land nicht zweierlei Recht geben!»

Mein Zivilschutzinstruktor, das scheint mir an dieser Stelle wichtig, steht in keinster Art und Weise im Verdacht, Zyniker, Kabarettist, Hooligan oder linksgrüner Stadiongegner aus dem Hardturmquartier zu sein. Er ist ernsthaft, pflichtbewusst und vaterlandsliebend. Dass einer wie er der EM 2008 mit solcher Skepsis begegnet, kann nur einen Grund haben: Es läuft etwas schief.

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