Nr. 21/2008 vom 22.05.2008

Falsche Gewinner

Von Pascal Claude

Der Mai ist eine Zeit, in der die Laune der Fussballinteressierten wüsten Schwankungen unterworfen ist. Es ist die Zeit der Jahresabschlüsse, der Abrechnungen, der letzten Wahrheiten, und die zwei fussballlosen Wochen, die jetzt anbrechen, dienen dem Lecken tiefer Wunden. Überall in Europa sind die Meisterschaften ausgespielt. Und überall in Europa gibt es Klubs, denen ich eher etwas gönne als anderen. Eine diffuse Mischung aus Halbwissen, Weltanschauung und persönlichen Erlebnissen führt dazu, dass ich mich in jedem Land mit irgendwelchen Vereinen verbunden fühle und mitleide, wenns ihnen nicht läuft.

Es war naiv, doch hatte ich einige Hoffnungen auf die Girondins de Bordeaux gesetzt. Tapfer hatten sie sich Olympique de Lyon an die Fersen geheftet, diesem langweilig erfolgreichen Unternehmen, das sich schrittweise vom Kerngeschäft entfernt und nun auch Olympique-Fahrstunden anbietet, Olympique-Restaurants führt und in Olympique-Coiffeursalons schicke Dooffrisuren schneidet. Aber nicht genug, dass Lyon schon wieder triumphiert. Sie stossen im letzten Spiel auch noch Lens ins Elend der zweiten Liga, eine Stadt, die nun wirklich nicht viel mehr hat, woran sie sich festhalten könnte, als ihren Klub.

In Israel (der Fussball ist schlecht in Geografie und zählt es zu Europa) gewinnt Beitar Jerusalem das Double, Hapoel Tel Aviv einen welken Blumenstrauss. Ich hätte es aber lieber umgekehrt gehabt. Fans, die gegen Ausbeuter sind und auf Nationalflaggen verzichten, sind mir näher als Fans, die gegen Ausländer sind und in Grenzen denken. Weshalb ich auch den Abstieg Livornos bedauere. Vor 78 Wochen war ich noch verstimmt, weil sie im Uefa-Cup zu Hause gegen die Rangers verloren hatten. Jetzt sind die Toskaner zweitklassig, während die Schotten im Uefa-Cup-Final gespielt – und ihn immerhin nicht gewonnen haben. Livorno wird auf dem Weg nach unten unter anderem von Empoli begleitet, dessen tausend Fans beim ersten und wohl auch letzten Europacupausflug ihrer Vereinsgeschichte in Zürich einen so angenehmen Eindruck hinterlassen haben. Arrivederci.

Von der Insel kommt nur noch ein müder Furz. Irgendwann werden Chelsea und Manchester United jeden Wettbewerb der Welt gewonnen haben, auch den Pokal auf den Virgin Islands. «Wie viel Kommerzialisierung macht der Fan mit?», fragte unlängst die «Frankfurter Allgemeine» und glaubt, dass bei zementierten Kräfteverhältnissen die Fans dem Spiel bald den Rücken kehren. Eine Verelendungstheorie aus ungewohnter Richtung. Arsenal spielt derweil zu schön, um wahr zu sein, und die beiden verkrachten amerikanischen Besitzer des Liverpool FC lassen die Öffentlichkeit über ihre Absichten derart im Ungewissen, dass sie von frustrierten Anhängern Todesdrohungen erhalten. Ein paar Milliarden aufzutreiben, um den Klub zurückzukaufen, wie es organisierten Fans an der Mersey vorschwebt, dürfte auch nicht ganz einfach sein. Gewinnen tut Liverpool unterdessen nichts mehr.

Fast das Herz zerrissen hat mir die Zweite Bundesliga: VfL Osnabrück gegen Kickers Offenbach am letzten Spieltag – beide spielen gegen den Abstieg. In Osnabrück, im Stadion an der Bremer Brücke, lernte ich die stapelbaren Mehrwegbecher kennen («Du schaffst es jetzt und hier, in einer Hand vier Bier!»), und vor dem Stadion sass hinter dem Fanartikelstand ein älterer Herr, der uns erzählte, er würde jedes Jahr mit seiner Frau Ferien in Erstfeld machen, seit dreissig Jahren. Ich kaufte ihm eine VfL-Mütze und ein Paar VfL-Schweissbänder ab, die ich noch heute trage, wenn ich acht Bier auf einmal stemmen muss. Dem VfL, wie könnte ich anders, fühle ich mich seither nahe. Den Kickers aber auch! Und dann: drei zu null, Offenbach regional, Osnabrück im Glück, ich verzweifelt.

Und hier? Ich hatte in Kriens (früher: NLA, jetzt neu: 1. Liga, verdammt!) eben einen Vortrag zur Welt der Fussballschallplatten beendet, da kam die Nachricht aus St. Gallen. Mein Schwager, als Bub Programmverkäufer auf dem Espenmoos: traurig. Meine Schwester: entsetzt. Ich: weiss nicht.

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