Nr. 25/2007 vom 21.06.2007

Import Export

Von Pascal Claude

Ich hatte mal einen Brieffreund in Bulgarien, Christian Iliev. Wie wir uns kennenlernten, weiss ich nicht mehr genau, doch kreuzten sich unsere Wege und Adressen in der gut vernetzten Welt der schnellen, harten Musik. Wir schrieben uns seitenlange Briefe über Punk, Tofu und die kulturellen Unterschiede zwischen der Schweiz und Bulgarien, soweit wir die in unserem jugendlichen Alter beurteilen konnten. Ich schickte Christian West-Schallplatten und West-Fanzines, er bedankte sich mit Ost-Demotapes und VHS-Mitschnitten bulgarischer Untergrundkonzerte. Christian lebte in Varna am Schwarzen Meer. Er wohnte mit seiner Schwester bei den Eltern. Nach dem Zerfall der Sowjetunion öffnete sich auch in Bulgarien die Schere zwischen Arm und Reich, was auch Vater Iliev zu spüren bekam. In einem der letzten Briefe, die mir Christian schrieb, erzählte er, wie sein Vater nun versuche – angeregt durch die streng vegetarische Lebensweise seines Sohnes – einen kleinen Handel mit Sojaprodukten aufzuziehen. Unser Kontakt brach ab, bevor ich erfahren konnte, wie das neue Bulgarien auf das gesunde Angebot aus dem Hause Iliev reagierte.

Christian kam mir in den Sinn, als vor einigen Tagen Arte einen Themenabend zu Europas neuer Rechten ausstrahlte. Abgesehen von der erfrischenden Unbekümmertheit, mit der ausländische Dokumentationen unsere SVP in einem Atemzug mit dem Vlaams Belang und dem Front National nennen, beeindruckte die Reportage mit Aufnahmen der bulgarischen Partei Attaka. In der Heimat Hasstiraden gegen Roma in die Mikrofone brüllend, geben sich die Attaka-Männer im Europaparlament als propere Demokraten im feinen Zwirn. Gemütlichkeit sieht anders aus. Christian wäre kaum je Attaka-Mitglied geworden. Die nehmen garantiert nur Fleischfresser.

Zwei Abende nach der Reportage auf Arte spielten in einem kleinen Klub um die Ecke Import Export. Import Export machen Balkanjazz. Im musikalischen und optischen Zentrum der Gruppe steht ein Trompeter aus Sofia. Der Mann mit dichtem schwarzem Haar ist eins mit seinem Instrument. Er spielt es, wie andere reden. Die Trompete gehorcht ihm wie uns die Zunge. Zwischendurch spielte er Kornett und Trompete, gleichzeitig. Als wir ihm während einer kurzen Pause gratulierten, lachte er unbeholfen. Und sagte: «Wir machen gleich weiter. Man kann nicht aufhören mit dieser Musik.» Wegen Leuten wie ihm organisieren die von Attaka Protestveranstaltungen. Sie würden besser mal Tofu essen.

Als ich damals irgendwann genug bulgarische VHS-Kassetten zu Hause hatte, fragte ich Christian, ob er mir vielleicht mal ein altes, baumwollenes Fussballtrikot schicken könnte. Der Wunsch stellte ihn vor erhebliche Probleme, hatte er mit Fussball doch nicht das Geringste zu tun. In Bulgarien gingen Leute in die Stadien, mit denen er eher wenig gemeinsam habe, erklärte mir Christian. Trotzdem versicherte er mir fortan in jedem Brief, die Suche laufe, bis nach Monaten schliesslich ein Päckchen kam mit einem bezaubernden, schwarz-rot gestreiften Baumwollleibchen, ohne Aufdruck, dafür mit V-Ausschnitt. Lokomotiv Sofia, nahm ich an und streifte mir das schöne Stück sofort für den Ausgang über. Es passte wie angegossen, doch ich trug es keine volle Stunde. Denn als ich in der Stammbeiz die Jacke auszog, blieb Drago, der Kellner aus Bosnien, wie versteinert stehen. «Das musst du mir geben», befahl er mir. «Das musst du mir verkaufen. Das ist genau das Trikot, wie es die Mannschaft aus meinem Dorf getragen hat. Ich zahle dir jeden Preis.» Die Situation überforderte mich, doch die Sache war klar. Christian Ilievs verzweifelte Suche in der für ihn feindlichen Welt des Fussballs hatte in Dragos Glück ihren tieferen Sinn gefunden. Ich beendete den Ausgang in einer Jacke mit nichts drunter und fand in den folgenden Monaten nie mehr ein Kassenzettelchen unter meinem Bierdeckel.

Christian Iliev flog bald nach dem Einstieg seines Vaters ins Sojabusiness nach Amerika, genauer nach Las Vegas. Dort fand er Arbeit. Wir schrieben uns hin und wieder E-Mails, die waren in der Zwischenzeit erfunden worden. Mit dem Briefpapier verschwand jedoch die Verbindlichkeit, und als ich es Jahre später noch einmal versuchte, war die Adresse tot. Ich habe Christian auch schon gegoogelt, aber ohne Erfolg. Vielleicht ist er inzwischen ja eitel geworden und googelt sich gelegentlich selber. Dann stösst er womöglich auf diese Kolumne. Hey, Christian, it’s me, I’m alive, my email address is still the same! Wahrscheinlich Wunschdenken. Aber falls doch, dann würde ich ihm das mit Drago erzählen. Wobei ich nicht weiss, ob Drago das Trikot immer noch hat. Es hiess mal, er arbeite jetzt in Winterthur in einer Pizzeria. Aber das ist auch schon Jahre her.

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