Nr. 22/2007 vom 31.05.2007

Ligur Control

Von Pascal Claude

Als in der Schweiz Pokal (Zürich), Kelch (Basel) und Schale (Seebach) vergeben wurden, weilte ich in Italien. Der kleine, dicke Fernseher in unserer Ferienwohnung wurde zu meinem treuen Freund. Wenn ich schon alles verpasste, was zu Hause vor sich ging, so sollte er mir doch wenigstens das bisschen Fussball bieten, das der Mensch zum Leben braucht. In elf Kanälen bot er sich an, und er bewies dabei, warum die Welt hinter Chiasso eine andere ist.

Rai Uno, Due, Tre blieben blass, abgesehen von einer Kochsendung auf Due, in der ein kalabresischer Jungunternehmer seine biologische Walderdbeerenplantage präsentierte, durch die er drei Geissen streifen lässt, weil die «mit ihrer Ausdünstung Ungeziefer besser fernhalten als jedes Schädlingsbekämpfungsmittel». Auf den Sendern der Mediaset dominierte die berüchtigte Mischung aus Werbeunterbrüchen, schlechtem Geschmack und aufgespritzten Lippen. Blieben die Regionalen. Sie wurden zu meiner Heimat.

Auf Tele Liguria Sud resümierte ein knapp Dreissigjähriger hinter seinem Laptop die traurige Saison des B-Ligisten La Spezia. Ganz allein sass er im Studio, sprach vor sich hin, blendete hin und wieder die Bilder der jüngsten Niederlage gegen Piacenza ein und wirkte traurig. Weiter oben im Norden, in der Metropole, waren sie am Feiern, der CFC Genoa stand vor dem Aufstieg in die Serie A. Bei ihm aber, im Süden, in Spezia, tristezza. «Immerhin, nicht abgestiegen», seufzte der Mann irgendwann. Das war auch die Parole auf Telegenova. Nur war da von Kummer nichts zu spüren. Denn auf Telegenova lief «Dilettantissimo».

«Dilettanti» heissen in Italien die Fussballer der Serie D, der fünften Liga. Sie heissen nicht so, weil sie nichts können, sondern weil sie das, was sie machen, nicht professionell machen. Die «dilettanti» sind Laien, Amateure, Halbprofis, im Gegensatz zu ihren Kollegen der Serien A, B, C1 und C2. Bei einem Nachtessen in Perugia sass ich vor einigen Jahren mit einem stämmigen Herrn am Tisch, dessen Namen ich vergessen habe. Irgendwann gings um Arbeit, und er erklärte, er sei von Beruf Lastwagenfahrer und Fussballer. Erstaunt fragte ich nach. Ja, sagte er, tagsüber fahre er Lastwagen, abends trainiere er und sonntags seien die Spiele. Die beiden Tätigkeiten brächten ihm jeweils tausend Euro ein, was ihm gut zum Leben reiche. Doch es sei schwieriger geworden für «dilettanti» wie ihn. Früher hätten bis zu tausend ZuschauerInnen am Sonntagnachmittag ihre Spiele besucht, um sich danach bei «90° minuto» von Giampiero «Bisteccone» Galeazzi den Serie-A-Spieltag erklären zu lassen. Seit dem Aufkommen von Pay-TV bleiben diese Leute nun zu Hause, wo sie sich die Spiele ihrer Lieblingsteams live im Fernsehen anschauen. Den «dilettanti» fehlten so die Einnahmen, immer öfter blieben die Saläre aus.

Die Spiele, die «Dilettantissimo» auf Telegenova zeigte, waren gut besucht. Es ging aber auch um nichts weniger als den Verbleib in der Serie D. Highlight der Sendung zum Amateurfussball war die Playoutpartie Sestri Levante gegen Saluzzo, welche die Gastgeber aus dem ligurischen Badeort knapp für sich entschieden. Den gewonnenen Abstiegskampf feierten die Spieler, indem sie sich noch auf dem Feld ihrer Dresses entledigten und in engen schwarzen Badehosen einen Freudentanz vollführten. Im Studio von «Dilettantissimo» beklatschte eine Runde von nicht weniger als sieben Experten, einem Moderator und der im italienischen Fernsehen per Verfassung vorgeschriebenen Quotenschönheit die geretteten Bademeister aus Sestri Levante. Es ging hoch zu und her, sehr hoch für fünfte Liga, und ich versuchte, mir vorzustellen, wie es bei Telebärn wohl aussehen würde, wenn Muri-Gümligen und Dürrenast gegen den Abstieg kämpften.

Mit dem Schlagerspiel endete «Dilettantissimo», und im Namen des Sendesponsors Ligur Control (Schädlingsbekämpfung, konventionell) verabschiedete sich die vielköpfige Runde. Von Telegenova gings zurück auf Tele Liguria Sud, wo der arme Sportjournalist tatsächlich noch immer dabei war, Spezias Misere zu verarbeiten: «Ich möchte hier nicht die vielen tausend Schiedsrichter im Land beleidigen», sprach er zu seinem Laptop, «aber die eine oder andere Entscheidung gegen Spezia war sicher nicht ganz gerecht.» Ich fragte mich, wer ausser mir dem Mann wohl noch zuhörte. Dann schaltete ich aus. Ligur Control. Ein grossartiger Name.

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