Nr. 40/2007 vom 04.10.2007

Merci, Herr Fritsch!

Von Pascal Claude

Mit Filterhilfen ist das Internet geniessbar. Das Problem ist, dass es im Grunde bereits Filterhilfen für Filterhilfen braucht; Dienste, die mir sagen, welche Dienste guten Dienst erweisen. Der «Indirekte Freistoss» ist so eine Hilfe zur Selbsthilfe, und dazu noch viel mehr. Seit einigen Monaten habe ich den von Oliver Fritsch zusammengestellten Newsletter abonniert, im Gegensatz zu vielen anderen ähnlichen Angeboten aber noch keine Sekunde daran gedacht, mich «aus der Liste auszutragen», wie es am Ende jeder elektronischen Sendung so anständig heisst.

Fritschs Service ist eine «Presseschau für den kritischen Fussballfreund» (an der auch -freundinnen Gefallen fänden, fühlten sie sich denn angesprochen), die aus einem guten Dutzend relevanter Printmedien (von taz bis FAZ) und einigen wertvollen Blogs die wichtigsten Beiträge bereithält, zusammenfasst oder kommentiert. Der Newsletter enthält jeweils einen Querschnitt von Meinungen zu einem Tagesthema sowie einzelne, weniger aktualitätsbezogene Links («Direkte Freistösse» und «Freistoss des Tages»). Auf welchem Niveau die deutsche Presse, ihre Internetableger und Fritsch selbst dabei den Fussball verhandeln, nehme ich als Schweizer Leser beeindruckt – oder beelendet, vor lauter Neid – zur Kenntnis.

«Freistösse» aus den vergangenen zwölf Monaten, an die ich mich gut und gerne erinnere: der abtretende Mehmet Scholl, der im Interview erklärt, warum er sich beim Aufwärmen für die Champions-League-Partie gegen Celtic Glasgow für seinen bayrischen Stadion-DJ schämen musste. Deutsche Sportjournalisten, die sich selbstgeisselnd fragen, weshalb deutsche Sportjournalisten Schalkes Deal mit Gazprom unbeantwortet lassen. Der Spielertrainer aus der Kreisliga, der vom Anspielkreis aus ein absichtliches Eigentor schiesst, weil er findet, das Führungstor seiner Mannschaft sei auf unfaire Weise erzielt worden. Der muskelbepackte Bayernfan aus Kalifornien, der auf Youtube der Welt – und vor allem dem Freistaat Bayern – oben ohne seinen neuen Bayern-Fansong erklärt und vorsingt, im festen Glauben, damit den Big Bang zu landen, und das Lied ist dann einfach nur eine einzige, furchtbare Katastrophe. Der Fan von Borussia Dortmund, der sich Gedanken macht zum Ruf der Fussballfans und findet, dieser habe sich nicht im selben Masse zum Guten entwickelt wie die Fans selbst. Er sagt: «Auf jedem Oktoberfest wird mehr geprügelt. Doch dort gehören Schlägereien zur Folklore, beim Fussball verurteilt man sie ungleich schärfer.»

Der «Indirekte Freistoss» flattert mal wöchentlich, mal fast täglich in den virtuellen Briefkasten, je nach Lauf der fussballerischen Dinge und je nach Oliver Fritschs verfügbaren Kapazitäten. Gerade eben war als «Freistoss des Tages» ein überaus kluger Text aus der «Welt» zu geniessen, der als Alternative zu Torkameras und elektronischer Abseitserkennung die Ehrlichkeit ins Spiel bringt. Der deutsche «Welt»-Autor verweist dabei auf eine Episode im Spiel des FC Aarau gegen den FC Zürich, als Schiedsrichter Bruno Grossen nach einem zu Unrecht aberkannten Tor des FCZ seinen Fehler erkannte und die Spieler des FC Aarau (um ein Haar mit Erfolg) aufforderte, dem Gast nach Wiederanpfiff ein Tor zu schenken. Der «Indirekte Freistoss» verhilft dem Text und Grossens unkonventionellem Ansinnen zu breiter Streuung und Popularität, etwas, was dem Vorfall hierzulande versagt blieb.

Fussball ist nur Fussball, das ist wahr. Trotzdem: Er wird nun einmal genauso leidenschaftlich gesprochen und geschrieben wie gespielt. Der «Indirekte Freistoss» würdigt diese Welt des Meta-Fussballs und bringt das Spiel zurück ins Leben. Er nimmt damit all jenen etwas Schamröte aus dem Gesicht, die damit hadern, viel zu viel Zeit ihres Lebens dem profanen Spiel mit dem Ball zu opfern. Dafür bin ich Oliver Fritsch zu tiefem Dank verpflichtet.

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