Nr. 20/2008 vom 15.05.2008

Fight Feier with Feier

Von Pascal Claude

In den Morgennachrichten vor dem grossen Finale sagt YB-Trainer Martin Andermatt: «Wir werden auch diesmal mit Kopf, Hand und Herz spielen.» Hand? Pädagoge Andermatt wird schon wissen, was er meint. Er hat es mit Schwererziehbaren bis fast an die Spitze geschafft. Pestalozzi zieht den Hut.

Vor der Haupttribüne zeigt Sicherheitsinspizient Dieter Schaub, was er von alkoholfreien Fussballspielen hält: Er hat, wie alle andern auch, sein eigenes Bier mitgebracht. Genüsslich nippt er an der Halbliterdose (Warteck, immerhin). Vor dem Anpfiff halten Fans in der Muttenzerkurve ein Transparent in die Höhe: «Scheiss Euro 08». Weil sie es später nicht als Waffe benutzen, wird niemand darüber schreiben. Die YB-Fans unter dem Stadiondach singen sich warm. «Jetzt heebed emol Pfrässi», schreit die junge Frau auf der Haupttribüne. Und raucht. Wie die Muttenzerkurve beim Einlauf der Mannschaften. Es qualmt und brennt und sieht gut aus. Niemand brüllt «use» und niemand «pfui».

In der 29. Minute zeigt Valentin Stocker, dass er schon zu den ganz Grossen gehört. Er erhält einen Schlag, hält sich im Seitenaus liegend den Knöchel, das Spiel läuft weiter, Stocker schaut kurz auf, wälzt sich dann aufs Spielfeld, auf der Haupttribüne schreien sie «Busacca, du Sauhund!», Empörung überall, Schiedsrichter Massimo Busacca unterbricht das Spiel, Stocker lässt sich kaltsprayen, spielt weiter, Knöchel gut. Die Muttenzer Kurve adaptiert «Hey Amigo Charlie Brown». Ein Fischreiher fliegt übers Stadion, es steht zwei zu null, er zieht weiter.

Die Ostkurve Bern brennt Fackeln ab, ohne sie zu werfen. Empörung auf der Haupttribüne. Dann wird ein Transparent entrollt: «Bernerbär: Berns grösste Idioten-Zeitung». Die Videowände zeigen Herbert Grönemeyer. Zu Gast bei Freunden. Machst mit 'nem Doppelpass jeden Gegner nass. Aus der Muttenzerkurve ertönt Sting, «An Englishman in New York». Es tönt besser als Sting. «Du Arschloch», kommt es von der Haupttribüne, «du Sauhund», «pfui». Carlos Varela ist im Spiel. Die YB-Fans besingen die YB-Viertelstunde, unbeirrt, Wunder gibt es immer wieder, der Ball ist rund, damit das Spiel die Richtung ändern kann.

Schlusspfiff, Busaccas letzte Entscheidung, auch sie korrekt. Der Meister will feiern. Die Muttenzerkurve singt weiter, immer weiter, doch man hört sie nicht mehr. Sieht sie nur noch, sieht noch die Arme, die in die Höhe schnellen, die Hände, die klatschen. Sie waren nicht meisterlich genug, nicht feierlich genug, einfach nicht gut genug für den grossen Moment, die Lieder der Kurve. «The name of the game, football», kracht es aus den Boxen, «the name of the game, football», und dann: «Ooolééé, olé olé olé, we are the champs, we are the champs.» Mein Spielzeugaffe singt das auch, er reagiert auf akustische Signale, ich schreie ihn an, dann tanzt er und singt «Ooolééé, olé olé olé», mein Affe von der WM 98.

Der Kurve den Ton abstellen, wenn es am schönsten ist. Ihren Klang zudecken mit Müll, I will survive, bring en hei, whatever you want. Und dann sich wundern, wenn sie sich die Grenzen selber stecken. Die Mannschaft wird auf die Haupttribüne gebeten, Pokalübergabe, Musik aus. Aus der Ferne die Kurve, auf der Tribüne Totenstille. Alle schauen rüber und hoch zu den Spielern. Was tun, was singen, was rufen? Sauhund geht nicht mehr, Arschloch nicht, pfui auch nicht. Mehr ist nicht im Repertoire. Also Stille. Bei der Pokalübergabe. Dann endlich: «We are the champions», der absolute Höhepunkt, einzigartig. Wenn alle so wären wie die Fans auf den Haupttribünen, bräuchten wir keine Polizei, kein Alkoholverbot, kein Hooligangesetz.

Die Spieler tragen Meistertrikots, wie alle andern in allen andern Ländern. Sie wissen aus dem Fernsehen, wie man feiert, Mac Champ, die Feier für dich und mich, und wissen nicht mehr, was sie selber wollen. Irren herum wie Hühner. Benjamin Huggel bricht aus, vergisst sich kurz, rennt mit dem Pokal dem Anspielkreis entlang, selbstvergessen, schön. Es dauert zehn Sekunden.

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