Nr. 36/2007 vom 06.09.2007

Krebse, Schwalben, Stiche und Striche

Von Pascal Claude

Wie niveauvoll Leserinnen und Leser sind, ist unter anderem daran zu erkennen, wie gut sie sich in Speisefragen auskennen. Die «Swiss Rolls», schrieb Leser D. als Reaktion auf die letzte «Knapp daneben»-Kolumne, seien «diese Himbeerrouladen mit dem weichen Teig». Noch weiter ging Leser U., der mit einem gezielten Hinweis Licht in die undurchsichtige Beziehung der Russen zum russischen Salat brachte. Der russische Salat nämlich wurde von einem Franzosen erfunden, er heisst in Wahrheit «Oliviersalat». Olivier kochte im zaristischen Moskau und wurde für seine fette Salatsauce berühmt. Dank Leser U. wird auch klar, weshalb die russische Delegation damals beim Länderspiel im Hardturm einen weiten Bogen um den russischen Salat machte: Während wir hier einfach ein paar Erbsen, Rüebli und Eier mit Mayonnaise zudecken, verwendete Olivier Haselhühner, Kalbszunge, Kaviar und Flusskrebse. Es hat also nicht nur Nachteile, wenn in der Schweiz alte Stadien das Zeitliche segnen – es kommen dafür auch neue Rezepte ins Land.

Wobei so ein Nachruf auf ein Stadion gar nicht so ungefährlich ist, wie ein Journalist eines immer grösser werdenden Verlagshauses erfahren musste. Seine samstäglichen Zeilen zum Hardturm erschütterten die kleine Welt zwischen Töss und Reuss so sehr, dass er sich am Montag zu einem entschuldigenden Kommentar genötigt sah. Genötigt von wem?, möchte man nachfragen, lässt es aber bleiben. Sicher ist, dass ein, zwei Belehrungen in Essensfragen gut zu verdauen sind angesichts des Orkans, der über den armen Reuigen von der Werdstrasse hinweggefegt ist.

Der Vollständigkeit halber darf nun aber auch der unbekannte Gastleser J. nicht unerwähnt bleiben, für dessen Geschmacksnerven die Beschreibung der Budapester Fussballfans, die 1997 im Hardturm zu eindeutigem Grusse ansetzten, eindeutig zu weit ging. In einem Mail an die WOZ weist er darauf hin, dass das normale Begrüssungsritual der Ferencváros-Fans zu Spielbeginn «Ähnlichkeit hat mit der nationalsozialistischen Begrüssung» und ich mich deshalb wohl geirrt hätte. Damit ich mich, statt wild zu spekulieren, mit Fakten befassen könne, verlinkte mich J. mit der englischen Wikipedia-Seite über Ferencváros Budapest. Dort ist zum Beispiel über das Uefa-Cup-Heimspiel gegen Millwall 2004 zu lesen: «Inside the ground, Millwall’s black players were subjected to racist abuse and ‹monkey chanting› for the duration of the entire match.» Dass vor dem Spiel zwei Millwall-Fans von einem Ferencváros-Anhänger niedergestochen worden waren, soll hier nicht mehr als eine Randnotiz sein.

Leider führt die zitierte Wikipedia-Stelle mehr oder weniger direkt zum hiesigen Tagesgeschäft, hat der YB-Spieler Frimpong, nachdem er gegen den FC St. Gallen zur Faust gegriffen hatte, doch verlauten lassen, die von ihm angegangenen Spieler hätten ihn zuvor rassistisch beleidigt. Auslöser des Aufruhrs war ein von Frimpong herausgeschundener Elfmeter inklusive Platzverweis für St. Gallens Torhüter. Die Frage ist nun: Gelingt es, die beiden Vorfälle getrennt zu beurteilen? Ein Blick ins Forum der Fans des FC St. Gallen bestätigt die schlimmsten Befürchtungen nicht: Bis zur Forderung nach sofortiger Ausschaffung Frimpongs samt Frau ist zwar nahezu alles zu lesen, doch wird immer auch wacker dagegen gehalten und differenziert. Bevor Frimpong mit den Vorwürfen an die Öffentlichkeit ging, hatte ich gedacht, seinen auffälligen Auftritt gegen St. Gallen (ein Tor, eine Schwalbe, eine Rote) zum Anlass zu nehmen, kurz über seinen Vornamen nachzudenken: Joetex. Frimpongs Eltern haben nämlich Geschmack bewiesen bei der Taufe, stand ihrem Sohn doch in Joe Tex eine wilde Soulgrösse Pate, die mit Hüftschüttlern wie «I gotcha» und «I can’t see you no more» die Tanzböden polierte. Darauf näher einzugehen wäre zum jetzigen Zeitpunkt aber unpassend.

Vielleicht nur unpassend, vielleicht auch ungut ist die orthografische Verrenkung, mit der die «Sportinformation» dem Phänomen der Doppelbürgerschaften Herr zu werden versucht: «Die beiden ‹Schweizer› Mladen Petric (Dortmund) und Ivan Rakitic (Schalke 04) sind für die EM-Qualifikationsspiele Kroatiens gegen Estland und in Andorra aufgeboten worden», war in der NZZ zu lesen. Was ist ein Schweizer in Anführungszeichen? Ein vermeintlicher? Ein Möchtegern-? Ein halber? Striche sagen mehr als tausend Worte.

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