Nr. 17/2008 vom 24.04.2008

Wolfsburg und der Service public

Von Pascal Claude

Ein Dienstagmorgen, die 7-Uhr-Nachrichten auf DRS 1, wie immer zum Schluss der Sport. Meldung eins: Chelsea hat gegen Wigan nur unentschieden gespielt. Meldung zwei: Der VfL Wolfsburg holt das wegen starker Regenfälle abgebrochene Heimspiel bald nach. Eine Meldung drei gibt es nicht. Am Vorabend hatte die AC Bellinzona, Cupfinalteilnehmerin und Aufstiegsanwärterin, das Auswärtsspiel beim FC Schaffhausen überraschend verloren. Dadurch konnte Vaduz erstmals die Konkurrenz deutlich distanzieren und hat nun die besten Aussichten auf den direkten Aufstieg. Bellinzonas Niederlage am Montagabend kündigte mehr oder weniger deutlich die erstmalige Teilnahme einer ausländischen Mannschaft am höchsten Schweizer Fussballwettbewerb an, doch den ersten Gebührensender kümmerte dies wenig. Stattdessen Wigan, und Wolfsburg.

Zugegeben, Wigan ist eine schöne Stadt, und ein Bekannter hat mir dort einmal den Coiffeursalon gezeigt, wo Limahl, der Sänger von Kajagoogoo, seine Lehre gemacht hat. Auch Wolfsburg habe durchaus seine Reize, wird behauptet. Was aber haben die beiden in meinen Morgennachrichten zu suchen? Eine dumme Frage. Das Unentschieden von Chelsea bedeutet für die Londoner einen Rückschlag im Titelrennen mit Manchester United, und bei Wolfsburg spielt unser Nationaltorhüter Benaglio. Premier League und People, zwei journalistische Musts. Das ist heute wohl einfach so, da kommen sie nicht drum herum, auch bei DRS 1 nicht. Es ist deshalb auch müssig zu fragen, ob die Verschiebedaten des VfL Wolfsburg wirklich das sind, was uns der Service public an Nachrichteninhalten bieten soll. Denn die zweithöchste Spielklasse, die Challenge League, wird nicht nur von Radio DRS komplett ignoriert. Auch in den diversen Sportgefässen des Schweizer Fernsehens findet sie keine Erwähnung.

In den achtziger Jahren ratterten Hans Jucker und seine Kollegen in «Sport am Wochenende» noch sämtliche Resultate aller 1.-Liga-Gruppen herunter. Heute ist nach fünf Super-League-Begegnungen Schluss. Aus dem Sitz der Swiss Football League (SFL) in Muri bei Bern war zu hören, die Abstrafung der Challenge League sei die beleidigte Antwort der SF-Sportredaktion auf die Zusammenarbeit der SFL mit dem Teleclub. Eine Erklärung wäre es zumindest, denn rational – im Sinne eines echten Interesses an den besten Sportthemen hierzulande – lässt sich die SF-Politik nicht begründen. Dafür schreibt die Challenge League zu viele gute Geschichten.

Vaduz ist vielleicht die interessanteste von allen. Der Verein wird aufsteigen, wenn nicht noch alles schiefgeht. Und dann? Was, wenn wie im deutschen Hoffenheim irgendein Investor mit Profilneurose Vaduz zum Grossklub machen will? Geld, und was für welches, liegt in Liechtenstein ja genug herum. Was, wenn Vaduz Schweizer Meister wird, gar die Champions League schafft? Schmeissen wir sie dann wieder raus? Hoffenheim, Gretna, Red Bull Salzburg oder Artmedia Bratislava zeigen, dass im Fussball mit allem zu rechnen ist. Und mit allen, auch mit jenen aus der Retorte.

Eine andere sich ankündigende und von SF und DRS übergangene Tragödie spielt sich unweit von Liechtenstein ab, in St. Gallen. Dort droht der FC St. Gallen als momentan Zweitletzter der Super League in der Barrage ausgerechnet auf den FC Wil zu treffen. Aus Rücksicht auf die Betroffenen (zum Beispiel in der WOZ-Redaktion) wird hier der Begriff «Angstgegner» nicht weiter präzisiert. So viel aber steht fest: Erholt sich Bellinzona weiterhin so schlecht von der Cupfinal-Niederlage, wird Wil eiskalt profitieren, und dann muss Edgar Oehler ganz fest beten, wenn er will, dass im Juli in seiner schönen Arbonia-Forster-Gruppe-Arena nicht die Falschen Spitzenfussball spielen.

Eine Reihe weiterer Fragen stellt sich mit Blick auf die aktuelle Challenge-League-Tabelle. Etwa, wie die nähere Zukunft von Servette und Lausanne-Sport aussehen könnte und was mit dem SC Kriens passiert ist. Aber zuerst muss natürlich Wolfsburg sein Spiel nachholen.

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