Nr. 29/2007 vom 19.07.2007

Eine Art Messi

Von Pascal Claude

Nach einem mehrmonatigen, unbefriedigenden Zustand der Bürolosigkeit warten nun endlich neue Regale darauf, mit all dem angestauten Fussball gefüllt zu werden. Ein solcher Neubeginn ist aber nicht nur Spass. Er konfrontiert einen auch mit bitteren Realitäten. Das ganze Selbstbild vom mündigen Konsumenten, der an der Coopkasse den Verlockungen widersteht und erst einmal im Leben einen Tom-Lüthi-Caffé-Drink gekauft hat, vom Erich-Fromm-Kurzgebleichten, der Sein über Haben stellt, dieses ganze Selbstbild gerät ins Wanken angesichts der Sinnlosigkeiten, die jetzt aus Bananenschachteln und vergessenen Schubladen zutage gefördert werden.

Von einem Besuch an der White Heart Lane im Jahre 1996 bewahre ich noch immer ein Tottenham-Hotspur-Zuckersäcklein auf. Ich habe damals einen Kaffee getrunken, weil Bier in englischen Stadien nur an Orten ohne Sicht aufs Feld konsumiert werden darf. In Erinnerung an diese eigentümliche präventive Massnahme habe ich das Papiertütchen mit aufgedrucktem Klubemblem über den Kanal mit nach Hause getragen. Nach elf Jahren ist das Emblem kaum mehr zu erkennen. Wozu ich den Zucker wohl dereinst verwenden werde? Von meinem ersten Besuch in Bochums Ruhrstadion zeugt ein blau-weiss-gestreifter VfL-Topflappen für den gemeinsamen Haushalt – wie praktisch. Darauf könnte ich vielleicht einmal eine der beiden Celtic-Glasgow-Tassen stellen, so ich denn jemals etwas Heisses aus ihnen trinken möchte. Das hellblau-weiss-gelbe Stirnband des HNK Rijeka (ein Geschenk des Klubdirektors persönlich!) könnte ich zum Joggen überstreifen. Tu ich aber nicht, weil ich damit vollkommen lächerlich aussehe. Weshalb aber gebe ich es nicht weg? Hoffe ich insgeheim, jemals einen HNK-Rijeka-Fan kennenzulernen, der sich nicht zu doof ist, dieses Stirnband zu tragen?

Nach dem UI-Cupspiel des FC Basel in Birmingham habe ich mir im Shop neben dem Villa-Park eine Maske von David Ginola gekauft. Zugegeben, sie war spottbillig und als Fanartikel doch einigermassen ausgefallen. Doch wozu so was haben? In welcher Lebenslage werde ich froh sein, auf eine David-Ginola-Maske zurückgreifen zu können? An der Fasnacht? Keine Fasnächtlerin und kein Fasnächtler erinnert sich doch an David Ginola. Dafür, immerhin, erinnere ich mich an eine kurze Begegnung mit ihm. Als er noch für Tottenham spielte, war er in der Sommerpause für ein Testspiel auf dem Hardturm zu Gast. Er kam als Letzter aus der Garderobe, mit einem Becher Bier in der Hand. Als ich ihm meinen Tottenham-Wimpel zum Unterschreiben hinhielt, hielt er den vollen Becher mit den Zähnen fest. Das hat mich beeindruckt. Ich würde mich aber auch ohne Maske daran erinnern, denn den Wimpel habe ich ja auch noch. Genau wie das Matchbillet.

Manchmal wird man als Fanartikelkäufer auch an Ort und Stelle bestraft. Als ich während der EM 2004 ein paar Tage im portugiesischen Aveiro verbrachte, entdeckte ich in einem Porzellanladen eine tönerne, Barbie-grosse Figur eines Benfica-Fussballers, der einen Ball und einen Wimpel hält. Gekauft. Die Verkäuferin lächelte schnippisch, was mir schmeichelte, und rollte den Mann sanft in Papier ein. Im Hotel bemerkte mein Reisegefährte eine dünne Schnur, die unter der Figur hervorbaumelte. Er zog daran, worauf sich der Wimpel hob und des Fussballers stolzes Stück zum Vorschein kam, die Eichel in der Klubfarbe. Diese Portugiesen. Von wegen Saudade, von wegen Schwermut, von wegen Fado. Fado-Maso vielleicht, ja. An einen Umtausch war aus verständlichen Gründen nicht zu denken. Trotzdem hätte ich gerne im Laden nachgesehen, ob dieselben Figuren der andern portugiesischen Spitzenklubs ebenfalls klubfarbene Eicheln hatten, zum Beispiel Boavista Porto (schwarz-weiss-kariert). Gegenüber dem Pornoporzellangeschäft führte eine schätzungsweise 93-jährige Frau einen Krämerladen, dessen Regale zur Hälfte leer waren. Es schien, als wünschte sie sich, die wenigen letzten Stücke loszuwerden, um dann mit ihrem leergekauften Laden auch ihr Leben abzuschliessen. Ich versuchte ihr zu helfen, so gut ich konnte, und erleichterte sie um einen Beira-Mar-Schlüsselanhänger, ein Sporting-Glas und einen Benfica-Aschenbecher.

«Habseligkeiten» wurde zum schönsten deutschen Wort gekürt. Das darf mich nicht kümmern. Es braucht eine Zäsur, denn das neue Büro ist kleiner als das alte. Ich werde mich von einigen Stücken trennen müssen. Vielleicht von der halben Holzbank aus dem alten Wankdorf oder dem Schalensitz aus dem Turiner Delle Alpi. Sicher aber vom FC-Bayern-Waschlappen mit eingesticktem Vereinswappen. Den habe ich für den einzigen Bayern-Fan in meinem Freundeskreis gekauft, damit er damit sein Kind waschen kann. Das ist jetzt auf der Welt, es ist ein Mädchen. Morgen mache ich ein Päckchen. Oder übermorgen.

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