Nr. 06/2007 vom 08.02.2007

Tod im Calcio

Anders als hierzulande fehlt es in Italien an Strategien gegen Fangewalt und an flächendeckender Fanarbeit. In der Schweiz ist beim Thema Fussballfans vor allem die Verdrehung der Fakten in den Medien katastrophal. Auch nach Catania.

Von Pascal Claude

«Spart euch das Geld, Ragazzi, geht eine Pizza essen», empfahlen die Polizisten, «was ihr da drin zu sehen bekommt, das möchtet ihr lieber nicht sehen.» Die Beamten liessen nicht mit sich reden. Das Spiel hatte schon begonnen, doch die fürsorglichen Herren hinter Plexiglasvisieren dachten nicht daran, nachträglich noch zwei naive Touristen durchzulassen. Über einen Umweg gelangten wir dennoch bis zum Stadionzaun, wo uns ein einsamer Angestellter kommentarlos und umsonst das Tor öffnete. Das Spiel vor vielleicht 5000 Zuschauern endete unentschieden. Mit dem Schlusspfiff stürmten Polizisten in den Sektor der Heimfans, es entbrannte eine wüste Keilerei, die sich nach draussen verlagerte. Hunderte Fans gegen Dutzende, zum Teil berittene Polizisten. Steine und Flaschen flogen, die Antwort war Tränengas. Am folgenden Tag schrieb die Regionalzeitung von verletzten Polizisten, einem komplett zerstörten Restaurant, mehreren eingeschlagenen Schaufenstern und einem Tifoso, der von einem Polizisten angeschossen worden war. Der Bürgermeister drohte: «Noch einmal, und ich schliesse das Stadion.» Was sich da angekündigt und schliesslich – offenbar zu niemandes Erstaunen – entladen hatte, war eine Strassenschlacht nach einem Fussballspiel in Siziliens Hauptstadt. Palermo und Catania, damals beide drittklassig, hatten sich an einem Dienstag zur Serie-C-Cuppartie getroffen. Das war im Oktober 1999. Vergangenen Freitag trafen die beiden Klubs, die mittlerweile in der Serie A spielen, zum wiederholten Male aufeinander, diesmal in Catania. Der Rest ist bekannt: Bei schweren Ausschreitungen von Catania-Ultras während und nach dem Spiel kam der Polizeiinspektor Filippo Raciti ums Leben, nach jüngsten Erkenntnissen der Ermittler getötet durch den Wurf mit einem aus der Wand des Stadions gerissenen Waschbecken. Zuvor war vermutet worden, ein selbst gebastelter Sprengkörper, der vor Racitis Gesicht explodierte, habe den 38-Jährigen getötet.

Hände verwerfen

Was in den Samstagsausgaben der nichtitalienischen Zeitungen noch als Kurzmeldung zu übersehen gewesen war, schaffte es innert 24 Stunden auf die Titelseiten und in die Hauptausgaben der TV-Nachrichten; Catania auf Augenhöhe mit Klimawandel und toten IrakerInnen. «Bigotterie am Ball» («Tages-Anzeiger»), «Tod und Spiele» (FAZ) oder «Verrottetes Spiel» (NZZ) hiessen die Überschriften, und die KommentatorInnen sprachen mit einer Stimme: Tragisch, aber nicht überraschend, was passiert sei, und wenn Italien jetzt nicht endlich reagiere, sei es wohl zu spät. Die «Süddeutsche Zeitung» titelte «Das Spiel ist aus» und schenkte damit all jenen italienischen Funktionären und PolitikerInnen Glauben, die in den ersten Tagen nach den Vorfällen versicherten, nun werde nichts mehr sein wie zuvor. Die Palette der drastischen Massnahmen zur Eindämmung der Fussballgewalt reichte vom sofortigen Abbruch der laufenden Meisterschaft über Spiele vor leeren Rängen bis zur Mindestmassnahme von zwei abgesagten Spieltagen. Dies erinnerte in grotesker Weise an die Hysterie beim letztjährigen Calciopoli-Skandal, dem Bestechungsskandal im italienischen Fussball. Im ersten Moment waren die Hände verworfen, drakonische Strafen gefordert worden. Die Urteile waren schliesslich extrem verwässert. Und so währte auch hier die Forderung nach drakonischen Strafen nicht lange.

Nach vier Tagen medial inszenierter Staatstrauer war klar: Bereits am kommenden Wochenende wird wieder gespielt, und leere Ränge wird es nur dort geben, wo der Beton zu augenscheinlich bröckelt oder den Vereinsbossen die Lobby in Verband und Liga fehlt.

Verdrehte Fakten

Auffällig an der aktuellen Berichterstattung und den Kommentaren ist einmal mehr, wie ungestraft beim Thema Fangewalt Fakten verdreht und Äpfel und Birnen vermischt werden dürfen. Wer mehr Härte gegenüber Randalierern fordert, punktet, Argumentationsketten bleiben unüberprüft. Dass Peter Hartmann, als «Sportjournalist des Jahres» gekrönt, die italienischen Ultras in der NZZ «Fussballpunks» nennt, gehört dabei noch zu den harmloseren Missgriffen. So wurden ebenfalls in der NZZ (bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr) die Katastrophen von Bradford (1985, 56 Tote) und Sheffield (1989, 96 Tote) im direkten Zusammenhang mit Hooliganismus erwähnt, obwohl in keinem der Fälle Randale auch nur eine Nebenrolle spielte. In Bradford brannte wegen einer weggeworfenen Zigarette die alte Holztribüne ab, und die flüchtenden ZuschauerInnen rannten gegen verschlossene Notausgänge. In Sheffield liessen überforderte Polizisten viel zu viele Liverpool-Fans in denselben Tribünentrakt. Im entstehenden Gedränge wurden die Menschen gegen den Zaun am unteren Tribünenende gedrückt. Im Gegensatz zu den Fans, die das Unheil sofort erkannten und Leute aus dem überfüllten unteren Trakt in den sicheren zweiten Rang hochzogen, weigerte sich die Polizei viel zu lange, die Tore im Zaun zu öffnen und die Fans aufs Spielfeld zu lassen. Das Nachrichtenmagazin «Facts» hatte schon im letzten Mai, nach den Ausschreitungen beim Meisterschaftsfinale FCB–FCZ, von «Rowdys» geschrieben, die im Sheffielder Hillsborough-Stadion 96 Menschen «erdrückten und zertrampelten».

Ebenfalls gern zitiert als Beispiel der Ultragewalt wird dieser Tage der Münzenwurf gegen Schiedsrichter Anders Frisk im Römer Olympiastadion. Dass die Münze damals von der Haupttribüne geflogen kam, wo angeblich die letzten Zivilisierten unter Italiens Tifosi sitzen, bleibt unerwähnt. Fragen zur Gründlichkeit der Recherche (Autor Dirk Schümer berichtete aus Venedig) wirft auch die Behauptung der FAZ auf, das Stadion in Palermo würde «mit wackelndem Rohrgestänge und bebendem Beton den Sicherheitsstandards nicht genügen», schreibt doch «La Repubblica» am selben Tag, Palermo sei neben Rom, Turin und Siena eines jener lediglich vier Stadien in Italien, die «komplett der geforderten Norm entsprechen».

Fans finanzieren Nachwuchs

In der Schweiz folgte umgehend der Verweis auf die hiesigen Verhältnisse. In den Morgennachrichten auf DRS 1 ärgerte sich CVP-Nationalrat Norbert Hochreutener vergangenen Montag über Fussballverband und Vereine, die bei der Umsetzung des Hooligangesetzes zu wenig schnell arbeiteten. Hochreutener verkannte dabei dreierlei: Erstens sind die Gesetzesänderungen erst seit dem 1. Januar 2007, also seit vierzig Tagen in Kraft, zweitens wird am kommenden Samstag zum ersten Mal seit dem 9. Dezember wieder Fussball gespielt, drittens liegt der Ball des Hooligangesetzes und der -datenbank einzig beim Bundesamt für Polizei. Und dieses geht mit dem Hooligangesetz und der Hoogan-Datenbank erst einmal in eine mehrmonatige Pilotphase, die sich auf die EM-Austragungsstädte Basel, Bern, Genf und Zürich konzentriert.

In der ohnehin lauten und einseitigen Debatte über die Gewalt bei Sportanlässen werden nun Parallelen zur Fanszene in der Schweiz gezogen. Der Tenor: Aufgepasst, sonst erleben wir bei uns in Kürze ähnliche Tragödien. Es lohnt sich deshalb ein genauer Blick auf die Eigenheiten jener Fankreise, die hierzulande als «Ultras» gelten, als bedingungsloses Gefolge eines Vereins. Die meisten Schweizer Fankurven werden von inoffiziellen Fangruppierungen dominiert, die Wert darauf legen, dem Verein zwar jede erdenkliche Huldigung entgegenzubringen, jedoch nie in dessen Abhängigkeit zu geraten. Sich vom Verein Choreografien oder Eintrittskarten sponsern zu lassen oder sich diese gar zu erpressen, wie in Italien mancherorts üblich, kommt nicht infrage. Als FCZ-Sportchef Fredy Bickel «seiner» Südkurve vor zwei Jahren ungefragt und öffentlich einen Unterstützungsbetrag in Aussicht stellte, reagierten gegnerische Fans mit einer deftigen Schmähung. Die Südkurve, neben der Basler Muttenzerkurve die grösste in der Schweiz, finanziert sich wie alle andern inoffiziellen Gruppen und Dachverbände nebst an Spielen gesammelten Spenden durch den Verkauf eigener Fanartikel. Weil diese nicht nur günstiger sind als die offiziell vom Klub hergestellten, sondern in der Regel auch besser aussehen, kommen dabei beträchtliche Summen zusammen. Davon wiederum wurde auch schon der FCZ-Nachwuchs unterstützt – mit einem vierstelligen Betrag, aber ohne Pressekonferenz.

Annäherung nach dem 13. Mai

Beim FC Basel kam es nach den Ausschreitungen nach dem verlorenen Meisterschaftsfinale gegen den FC Zürich vom 13. Mai 2006 nicht zur Abschottung, stattdessen herrscht seither ein intensiver Austausch zwischen «aktiven Fans», wie Ultras auch genannt werden, und dem FCB-Vereinsvorstand, namentlich Vizepräsidenten Bernhard Heusler. Im September vergangenen Jahres stellten sich ExponentInnen der Muttenzer Kurve in einer Podiumsdiskussion den Fragen und Anschuldigungen rund um den 13. Mai. 700 ZuhörerInnen brachten den Saal der Uni Basel damals an seine Kapazitätsgrenze. Das letzte Treffen mit Heusler fand am vergangenen Montag statt, in den Räumen des Basler Fanprojekts. Bei den Grasshoppers verhandelten FanvertreterInnen monatelang und abseits jeden medialen Interesses mit dem Verein, um die Aufhebung von als ungerecht empfundenen Stadionverboten zu erwirken – mit einigem Erfolg. Und der Dachverband 1879 der Fans des FC St. Gallen organisierte diese Woche einen Informationsabend mit einem Stadtpolizisten zu den Fragen rund um das Hooligangesetz. Basisdemokratie oder kriminelle Strukturen? Von Letzteren ist in Italien durchaus zu Recht die Rede. Dort sind zahlreiche Kurven, so auch jene Catanias, von Rechtsextremen und Kriminellen infiltriert, was sich an entsprechenden Bannern und Spruchbändern ablesen lässt. Lazio Roms Ultragruppierung «Irriducibili» kontrollierte über Jahre weite Teile des Ticketings und des Fanartikelverkaufs, obwohl der Boss der «Irriducibili», wie etwa in einer BBC-Dokumentation zu Hooliganismus, aus seinen menschenverachtenden Ansichten nie einen Hehl gemacht hat. Als die «Irriducibili» vor drei Jahren durch Gewalt den Abbruch des Römer Derbys erzwangen, spannten sie mit ihren einstigen Erzfeinden und heute ebenfalls rechten Ultras der AS Rom zusammen. In Catania ist der Platzwart selbst Mitglied der Ultragruppierung, die für die Ausschreitungen verantwortlich war. Seine Wohnung im Stadion diente als Schleuse für Fans, die Kontrollen zu umgehen. Und als Lager für Eisenkugeln, Stahlstangen, Sprengkörper.

Nicht erst seit vergangenem Wochenende, schon seit Jahrzehnten fehlt es in Italien an Strategien gegen Fangewalt und an flächendeckender Fanarbeit. Der Polizeikastenwagen, der in Catania alleine und in wilden Kurven auf den wütenden Mob zuraste, steht bildhaft für die Planlosigkeit eines Staates. Ein Feindbild Polizei, wie es viele italienische Ultras kultivieren, existiert in der Schweiz so nicht. Nach der kollektiven Festnahme Basler AnhängerInnen in Zürich Altstetten im Dezember 2004 widmete die Muttenzer Kurve der Zürcher Polizei eine farbenfrohe Choreografie im St.-Jakob-Park. Das wars mit der Rache. Der Rest der Aufarbeitung folgte auf dem Rechtsweg: eine Anzeige gegen die für den Einsatz verantwortlichen Polizisten.

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