Nr. 05/2007 vom 01.02.2007

Erlebe Emotionen in der UBS-Arena

Von Pascal Claude

Drei Prozent der Schweizer Bevölkerung ärgern sich laut einer Demoscope-Studie über die Euro 08. Das ist eine fiese Zahl, denn drei Prozent, das sind die ewigen Miesmacherinnen und Calvinisten, die meinen, alles müsse seine Ordnung haben.

Das sind die drei Prozent, die immer irgendwo dagegen sind, gegen Skirennen bei fünfzehn Grad plus, gegen Crevettenspiesschen, gegen die GegnerInnen der Südanflüge, gegen die Zeitungen, die gegen den Verzicht auf Formel 1 beim Schweizer Fernsehen sind. Die drei Prozent sind die, zu denen niemand gern gehört. Ausser man wird gezwungen.

Wie auch immer: Es war zu befürchten, dass sie sich irgendwann zu Wort meldet, die UBS, schliesslich ist sie nationaler Sponsor der Euro 08. Jahrzehntelang hat sie sich vom Fussball ferngehalten, diesem unterschichtigen und anlagefeindlichen Minenfeld, bis sie merkte, dass dem Tretsport nun auch Eintritt gewährt wird in den «Salon», dass Politikerinnen und Soziologen, Literatinnen und Philosophen sich dazu äussern und dass bei Länderspielen nun auch Offroader mit Zuger Kennzeichen vor dem Joggeli parkieren. Der Fussball, hat sich die UBS gesagt, entflieht dem Proletenmilieu. Zeit, einzusteigen. Als erstes stach sie die Credit Suisse aus und wurde offizielle Bank der Euro 08 und nationaler Sponsoringpartner der Uefa. Die CS, die die Nachwuchsarbeit des Fussballverbandes während der letzten zwölf Jahre finanziert hat und vielleicht dachte, vom Verband dafür etwas zurückzubekommen, schaute ziemlich dumm aus der Wäsche. Und nun schenkt uns die UBS in einem Akt seltener Selbstlosigkeit siebzehn UBS-Public-Viewing-Arenen für die Zeit der Euro 08. Der für die Umsetzung verantwortliche Patrick Magyar jubelte in «Sport aktuell», es werde wie in einem Stadion sein, bloss liege das Sitz-/Stehplatz-Verhältnis in den UBS-Arenen bei 1:5 bis 1:6. «Wie früher in den Fussballstadien also?», fragte demütig der SF-Sportreporter. Und Magyar strahlte: «Da, wo es noch richtig abgegangen ist mit der Stimmung, jawohl.»

Was soll man da sagen? Ist das nicht alles irgendwie pervers? Da wartet die Grossbank, bis sich der Fussball von all dem Pöbel und Gesocks befreit, bis er die wirklichen Massen erreicht hat, auch die mit viel Geld und wenig Skrupel, bis er clean ist und gezähmt, bis er strahlt und glänzt und Milliarden umsetzt, und dann steigt sie ein, top down, überzieht das Land mit Plastikstadien und lässt in diesem Fussball-Disneyland die gute alte Zeit hochleben. Das ist kaputt. Das ist einfach total kaputt.

Zur gleichen Zeit lässt die Uefa verlauten, sie werde an die Euro 08 Detektive entsenden im Kampf gegen Ambush-Marketing, und der «Tages-Anzeiger» berichtet, die Uefa wolle Gebühren erheben auf jeden verdammten öffentlichen Fernseher. Das stimme nicht, wehrt sich die Uefa, das gelte nur für Leinwände, und sie verklemmt sich dabei ein «leider». Soll mir keiner erzählen, der neue Präsident Michel Platini werde hier die Notbremse ziehen und gleichzeitig Moldawien einen Champions-League-Startplatz garantieren. Mehr Spektakel, weniger Markt? Wer’s glaubt. Und seit Platinis Jubel nach seinem Penaltytor im Heysel und seiner Erklärung «wenn der Trapezkünstler stirbt, bringen sie den Clown» möchte ich mit diesem Herrn sowieso nie über seine Definition von Spektakel reden.

Am 7. Juni 2008 fahr ich vielleicht nach Grenchen in die UBS-Arena, weil sich bei mir in der Nähe niemand die Uefa-Euro 08-Leinwand-Gebühren leisten kann. Ich werde vielleicht das T-Shirt der Brauerei Einsiedeln tragen, das ich zu meinem letzten Geburtstag geschenkt bekommen habe. Uefa-Ambush-Marketing-Detektive werden mich erwischen und der Polizei übergeben, weil Feldschlösschen das offizielle Arena-Bier ist. Ich werde viele Emotionen erleben, mich wehren und schreien: «Maisgold ist besser als Gold! Dinkel ist besser als Urtrüb!» Wegen blöden Verhaltens anlässlich einer Sportveranstaltung werde ich in der Hooligendatenbank landen. Nun bin ich vom Fussball ausgeschlossen. Ich bleibe jedes Wochenende zu Hause und schaue Bahn-TV. Und wenn mich jemand fragt, wie ich mich fühle, sage ich: «Wie drei Prozent.»

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