Nr. 50/2007 vom 13.12.2007

Giorgios Kosmos

Von Pascal Claude

Unterstützt von kreischenden Frauen singt Giorgio Chinaglia mit dünner Stimme: «Yes I’m the best» (Frauen: «Yeah!»), «I’m the best in all the world (Yeah!), I’m the strongest of them all (Yeah!), I’m football crazy.» Der beste Mann der Welt, so geht die Legende, habe von sich gern in der dritten Person gesprochen, vor allem dann, wenn es Kritik abzuschmettern galt: «Er mag das nicht.» Was über ihn kürzlich zu lesen war, in der dritten Person, mochte Chinaglia vermutlich auch nicht, doch wird er diesen Angriff nicht so leicht kontern: Die römische Staatsanwaltschaft hat gegen den 60-Jährigen einen internationalen Haftbefehl erlassen. Chinaglia wird wegen Kursmanipulation der Aktien von Lazio Rom gesucht.

Mit acht war Giorgio aus dem toskanischen Carrara ins walisische Swansea gezogen, wo sein Vater arbeitete. Biograf Mario Risoli schreibt, der kleine Chinaglia hätte damals Milchflaschen von den Türschwellen gestohlen, weil sich seine Familie kein Frühstück leisten konnte. Englisch lernte Giorgio früh, und er sollte es noch öfter brauchen. Über Swansea City kam er 1965 zum Profifussball, über den Profifussball zurück nach Italien, wo er 1969 bei Lazio unterschrieb. Am ersten Meistertitel der Römer 1974 hatte Topscorer Chinaglia wesentlichen Anteil, sein Elfmetertor gegen Foggia sicherte den Laziali den entscheidenden Sieg. «Football crazy», 1974 als Single erschienen, war Chinaglias ganz persönliche Meisterhymne. Mit seinen Sportsfreunden nahm er zwar im selben Jahr auch «Er core biancazzurro» auf, einen Schlager mit Schmiss, doch kam der Mannschaftssong nie an Chinaglias bodenlose Selbstverherrlichung heran.

Gedrängt von seiner amerikanischen Frau wechselte Chinaglia 1976 in die junge North American Soccer League zu den New York Cosmos. Beim Zugpferd der Liga, die Jahrzehnte vor Beckham auf die Verbindung von Sport und Show setzte, herrschten allerdings kaum Zustände, die man allgemein als einer stabilen Ehe zuträglich bezeichnen würde. Chinaglia selber sprach später von Orgien im klubeigenen Jet auf dem Flug zu Auswärtsspielen, und im Dokumentarfilm «Once in a Lifetime – the Untold Story of the New York Cosmos» erklärt ein damaliger Gegner eine der seltenen Cosmos-Auswärtsniederlagen: Taktisch clever, liess man Chinaglia, Pelé und Co. am Flughafen mit einer Stretchlimousine abholen. Reichlich Bourbon und Groupies an Bord verfehlten ihre Wirkung nicht, sodass die Stars im Spiel keinen Ball sahen.

Seinem Lazio blieb Chinaglia stets verbunden. Einer ersten Amtszeit als Präsident in den achtziger Jahren, die ihm später zwei Jahre Gefängnis wegen Betrugs eintrug, folgte 2006 ein zweiter Versuch. Lazio war unter Präsident Cragnotti nach 26 Jahren endlich wieder zu Meisterehren gekommen, doch basierte der Erfolg auf Grössenwahn und Schulden; auch Cragnotti wanderte ins Gefängnis. Der neue Präsident Lotito, ein cholerischer Sanierer, legte sich mit der Curva Nord an, die unter Cragnotti zu immensem Einfluss gekommen war. Das war die Stunde von Chinaglia: Mit Unterstützung des militanten Teils der Kurve brachte er sich als Retter ins Spiel, im Gepäck eine angebliche Offerte ungarischer Investoren über 21 Millionen Euro. Das Geld, vermuteten die Ermittler bald, stammte von einem neapolitanischen Clan, der es über die ungarische Firma gewaschen nach Italien zurückschleusen wollte. Giorgio the Strongest bestritt jegliche Verbindungen zur Mafia, doch die Börse hatte bereits euphorisch auf die Offerte reagiert. Das wurde Chinaglia nun zum Verhängnis. Wird er gefasst, drohen ihm 4,2 Millionen Euro Busse. Crazy. Football Crazy.

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