Nr. 26/2007 vom 28.06.2007

Birmensdorf – Eglisau

Von Pascal Claude

Der schweizerisch-kroatische Doppelbürger und feinmotorisch-schlitzohrige Jungfussballer Ivan Rakitic hat entschieden. Er will für Kroatien spielen, nicht für die Schweiz. Das ist verständlich, denn die Schweiz hat kein Meer, Kroatien aber schon – und ein schönes dazu. Es ist auch nicht schlimm, denn es stehen schon viele neue Rakitics bereit. Und Herr Kuhn weiss das. Er weiss es ganz genau, denn er hat sie gesehen, die neuen Rakitics, vergangene Woche am CS-Cup in Basel. So begeistert war er von ihnen, dass er sich sogar mit ihnen hat ablichten lassen. Die neuen Rakitics, das sind neun junge Herren aus Eglisau. Sie sind soeben Schweizer Schülermeister 2007 geworden. Ihr Gruppenbild mit Kuhn ziert die Homepage des Schweizerischen Fussballverbandes.

«Es isch super gsi», sagt Ibrahim am Telefon. Zuerst wurden sie Bezirksmeister, dann kantonaler Meister, und nun haben sie am Finalturnier von sechs Gruppenspielen vier gewonnen, eines unentschieden gespielt und nur eines verloren. Gruppensieg, Halbfinalsieg, Final, gegen die Oberstufe Trimbach, Solothurn. Nach der regulären Spielzeit steht es 1:1, es kommt zum Penaltyschiessen. «Wir sind null zu zwei zurückgelegen. Wir dachten, das wars», erzählt Ibrahim. Doch dann drehen sie den Spiess um, gewinnen fünf zu vier. Eine Erlösung, auch für Carlo, den Schulhausabwart, der das Team gecoacht hat und um dessen Gesundheitszustand sich die Spieler offenbar ernsthafte Sorgen machen mussten: «Er ist die ganze Zeit rumgehüpft an der Seitenlinie und ist fast gestorben.» Rasch fahren sie zurück nach Eglisau, wo den Helden zu Ehren ein kleines Fest gegeben wird. «Und am nächsten Tag», schwärmt Ibrahim, «haben sie uns mit Plakaten in der Schule begrüsst, sogar die Kindergärtler und die Zweitklässler. ‹Ihr seid die Besten›, haben sie draufgeschrieben.»

Ich kann mir ungefähr vorstellen, was der Titel für Ibrahim und seine Freunde bedeutet. Ich war ein Semester lang ihr Lehrer, und während dieser Zeit haben sie mir so viele Knoten in die Beine gedribbelt, dass ich noch heute Mühe habe, geradeaus zu laufen. Wir haben viele Kämpfe ausgefochten, und die in den Turnstunden gehörten zu den einfacheren. Fussball war allgegenwärtig. Als die SchülerInnen einen Vortrag zu einem frei wählbaren Thema halten mussten, sprach Ibrahim über Andrei Schewtschenko. Elbasan (Vortragsthema: Roberto Carlos) beeindruckte mich damit, von sämtlichen TV-Sendern die wichtigsten Teletextnummern auswendig zu kennen (Sat1, Spanische Liga, 291). Fidan (Vortragsthema: Roy Makaay) und ich gerieten immer aneinander, weil er sich auf dem Platz für meinen Geschmack zu schnell fallen liess. Monate später kam er in einem Brief darauf zurück: «PS: Ich bin nicht mehr der Schwalbenkönig.» Dem gänzlich unerschrockenen Patrick (Vortragsthema: Iker Casillas) trug sein Wagemut so viele Brüche, Prellungen und Quetschungen ein, dass sein Einsatz am Finalturnier vermutlich bis zuletzt ungewiss war. Auf dem Bild steht Patrick neben Herrn Kuhn, und es wundert mich nicht, dass Herr Kuhn lachen muss. Elham (Vortragsthema: Die Geschichte des Fussballs) schliesslich hatte stets eine Schwäche für die Ästhetik des Spiels. Nach Liverpools Champions-League-Sieg 2005 unterschrieb er seine Arbeitsblätter einige Wochen lang mit «Luis García» und trug auch dasselbe Haarreifmodell wie sein spanisches Vorbild. Die andern vier, Marco, Fabian, Jann und Ishan, unterrichtete ich nur kurz oder gar nicht. Über ihr fussballerisches Talent liesse sich jedoch ein dickes Buch schreiben.

Eglisau ist von Birmensdorf aus gut zu erreichen. Herr Kuhn braucht nur den Lift zu nehmen, der laut einschlägigen Zeitschriften vom hauseigenen Pool im Keller direkt in seine neue Attikawohnung führt. Dann raus aus der Wohnung an den Bahnhof, S 15, umsteigen auf die S 5, voilà. Wahrlich kein grosser Aufwand, um die Zukunft der Schweizer Nati langfristig zu sichern.

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